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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-27 · Heft 43 (27.10.1905) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
Seite 516 (sequence 12)
Language
German
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Hände streckte er den Flammen entgegen, um die Wärme |s äufzusangen. Derjenige, der es nicht besser wüßte, konnte j glauben, daß der Alte zusah, wie die Flamme an der Birken-! rinde hinaufleckte, und daß er hörte, wie das Holz knackte! wenn es vom Feuer ergriffen wurde. Aber dies konnte er nicht'!.; er fühlte nur die ausströmende Wärme, und diese bereitete! einen Zug von stillem, friedlichen Wohlbehagen über das j gefurchte Antlitz mit seiner unendlichen Menge seiner Runzeln! um den eingefallenen Mund und die blauen Augen. Ein! bleicher Sonnenstrahl beleuchtete das dünne, weiße Haar, das! im Nacken unter dem Käppchen zu sehen war.! Elias" Frau hatte eine lange Weile neben ihm gesessen, j ohne daß er sie bemerkt oder sie angesprochen hatte. Sie saß - stille, sie wollte ihn nicht, stören, denn Zuweilen war es un- I möglich zu unterscheiden, ob der Alte eingeschlümmert war; oder nicht. Er saß ganz unbeweglich mit dem Gesichte dem - Feuer zugewendet. Plötzlich sagte er mit dem liebreichsten i Tonfall: „Rebekka, gib mir Deine Hand." Die junge Frau legte ihre Hand sacht in seine. Sie wax - erschrocken, daß er sie Rebekka nannte, denn dies war nie j vorher geschehen, er hatte sie niemals weder mit dem Namen j seiner toten Gattin oder Tochter genannt. Und mit derselben liebevollen, schmeichelnden Stimme fuhr j er fort: . .! „Siehst Du, Rebekka lieb, ich sitze nun hier und grübele und grübele über etwas, das mein seliger Vater uns Kindern zu erzählen pflegte, als ich noch ein ganz kleiner Junge war. i Es war eine Erzählung aus dem Talmud oder Midrasch, ich > weiß nicht genau, aus welchem. Weißt Du, Rebekka lieb, welche Geschichte ich meine?" Sie antwortete zögernd: „Kann es vielleicht die Geschichte von John Hall sein?" Sie wußte zwar ganz genau, daß dies weder eine Erj zählung aus den: Talmud noch Midrasch war, aber es war die, die er zuerst zu erzählen pflegte, wenn sie bei ihm saß. j Er antwortete nicht, und da sie sah, wie er sich anstrengte, um daraus zu kommen, wie er erbleichte und vor Eifer zitterte, wurde sie ängstlich und fiel rasch ein: „Es war wohl sicher die Geschichte von Fräulein Rüdenj schölds Hinrichtung, Schwiegervater." Der Ausdruck seines Gesichtes war noch ebenso gespannt, und sie begriff, daß sie nicht das Rechte getroffen hatte. „Vielleicht' rff"es die von Fersens Mord oder Gustav Adolfs Absetzung?" ' Er hörte nicht aus sie, obgleich sie ebenso laut wie sonst mit ihm sprach. - „Rebekka, Rebekka, denke Du auch darüber nach, Du weißt sicher, welche Geschichte ich meine. Sie handelten von Aron und von Moses." Er strich sich mehrere Male über die Stirn. Elias" Gattin wurde bange. Sie hatte ihn niemals so gesehen und mußte daran denken, was ihr Mann gesagt hatte, daß es gefährlich, für alte Leute sei, in einen andern Gedankengang hineinzukommen. Sie wollte aufstehen, um nach der Haushälterin zu klingeln, damit sie die Schwäger holen ließe. Aber der Alte hielt sie zurück. „Nein Rebekka, nun darfst Du nicht mehr von mir gehen. Ich bin so mutterseelenallein, wenn Du gehst." Er streichelte liebkosend ihre Hand. Er war wieder ruhiger geworden und sagte, als sie sich wieder hinsetzte: „Nun fällt es mir ein, was ich meinte, und' was mein seliger Vater 311 erzählen pflegte von Moses und Aron.- Nun sollst Du es hören, Rebekka lieb." Sie war noch so sehr Kind, daß sie froh war, den Alten eine neue Geschichte erzählen zu hören. Der Alte streichelte und liebkoste ihre Hand mit unendlich rührender Freude und begann: „Es war die Erzählung von Arons und Moses Tod, die mein seliger Vater uns zu erzählen pflegte. Wie ich noch sehr klein war, hatte ich Furcht, als er die Geschichte erzählte, ich hörte lieber andere, aber nun seit ich älter geworden bin, begreife ich, daß sie sehr schön ist und ich wollte sie Dir schon immer einmal erzählen, Rebekka lieb, aber es kam nie dazu. Sei so gut, laß mich meine Lippen mit etwas Zitronenwasser anfeuchten." Die Schwiegertochter hielt das Glas, während er daran nippte, aber er ließ ihre Hand nicht einen Augenblick los. Er war bange, daß seine Rebekka von ihm gehen würde, wenn er sie nicht festhielte. Nun begann er zu erzählen, zögernd im Anfänge, als ob er nach Worten suchte für die ungewohnte Erzählung. Aber allmählich wurde er sicherer, da er die rechten Worte, mit denen sein frommer Vater diese Erzählung berichtet hatte, als er selbst noch ein ganz kleines Kind gewesen war, wieder zu finden schien. (Schluß folgt.) -— Znv Erinnerung an die L^nagogen-Linweibungskeier in WLelekeld am 24. September 1905. er letzte Stein ist eingefügt; es strebt Aus Erdenland empor zu Himmelsweiten Das Gotteshaus, stumm noch, doch bald belebt Vom alten Glauben, aus der Väter Zeiten. Die graue Stirne trägt die gold'nen Worte, Die der Allgüt'ge gab in Moses Hand, Als er iw Sturm auf Horebs Höhen stand Im Angesicht von Kanaans offener Pforte. Der neue Tempel öffnet Euch sein Tor. Zieht denn in seine reichgeschmückten Hallen Begrüßt von Orgellied und Jubelchor, Die hellausjauchzend Euch entgegenschallen. Von Josephs Metz. Führt Eure wandermüden Brüder ein. Gleich Armen sind, die Tore weit gebreitet Dem,- der im Staub der Straße mühsam Er trage alle Lasten hier herein. (schreitet, Wie Eure Seelen einen Vater sehen, Ein Brudervolk, so lebt in Einigkeit, Dann kehren Eure Worte, Eure Lieder Als Taten edler Menschlichkeit einst wieder. Ließ Menschengeist und Hand dies Haus Der Ewig-Einzige wird es uns hüten (erstehen, Und die Gebete, die es still durchwehen, Er nimmt sie gern, die herzentkeimten Blüten. Bedeckt das Haupt, beugt Euch in Demut nieder Und bringt ihm Dankund singt ihm Zubellieder. Und fest und stark, wie diese Mauern stehen, Mögt ihr auch stehen Mensch an Mensch gereiht, j So öffne denn dies Haus, das Du gerufen; Aus kaltem Nichts hinaus zum warmen Tag!; So steig empor die festgefügten Stufen j Nun, da verklang der letzte Hammerschlag, Die aus der Arbeitsstunden langer Kette Entstanden, gib sie uns die heillge Stätte, Damit wir unter innigen Gebeten Das neue Haus mit neuer Kraft betreten. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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