Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228680--62122-3275981- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
515 Multerlrelenallrin. Von Sophie Elkan. Autorisierte Uebersetzung aus dem Schwedischen von Toni Klein. . II. es Alten Art und Weise zu erzählen, seine zierliche altmodische Sprache und der Umstand, daß er so vollständig in der Vergangenheit lebte und mit dem gegenwärtigen nur mit seinem gebrechlichen Körper zusammenhing, ließ die junge Frau sich ganz und gar in die alte Zeit, in die der Greis und die alte Uhr gehörten, hineinträumen. Sie zog schließlich ihre Hand aus der seinen und klingelte nach der Haushälterin. Da sagte er, wie sie es erwartet hatte: „Sitz noch ein Weilchen bei mir, ich binja so mutterseelenallein." „Ich muß wirklich jetzt gehen, Schwiegervater, es ist schon spät am Abend," antwortete sie. „Wer ist hier im Zimmer, Mamsell Andersen?" frug er, während sie noch sprach. „Die junge Frau," antwortete die Haushälterin freundlich. „Welche junge Frau, Mamsell Anderson?" „Herrn Elias Frau." „Meines Sohnes Elias Frau! Ist mein Sohn Elias verheiratet? Das war ja eine angenehme Neuigkeit. Ist mein Sohn Elias auch hier? Nein. Nun, da mußt Du wohl warten, liebes Kind, bis der Gatte kommt und seine junge Frau abholt. Es paßt sich nicht für ein anständiges Frauenzimmer, allein aus Stockholms Straßen zu gehen." „Es ist aber jetzt nicht mehr dunkel auf den Straßen, Schwiegervater." „Jawohl, nach Sonnenuntergang ist es stockdunkel auf den Straßen. Die Arganschen Lampen brennen sehr schlecht und tun nicht viel mehr Nutzen als ein gewöhnliches Talglicht. Hören Sie, Mamsell Anderson, sagen Sie dem Mädchen, daß sie sich ihr Tuch über den Kopf nimmt, die große Laterne anzündet und die junge Frau nach Hause begleitet." „Ich wohne ja grade gegenüber, Schwiegervater, und habe gar. keine Furcht und dann ist es wirklich ganz hell auf der Straße." Die Stimme des Alten wurde ganz eifrig, als er ihr erwiderte: „Aber, liebes Kind, Du sollst Furcht haben. Du sollst nie allein in Stockholm ausgehen, mein Kind, ohne daß ein Knecht oder ein Dienstmädchen mit der Laterne vorangeht. Wir haben nun allerdings keinen Knecht mehr im Hause, aber seien Sie so gut, Mamsell Anderson, schicken Sie das Mädchen mit. Sie braucht sich nur den Schal um den Kopf zu nehmen. Aber sehen Sie nach, daß auch Licht in der Laterne ist. Was würde mein Sohn Elias sagen, wenn ich seine liebe Frau ohne Begleitung und Beleuchtung nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause gehen ließe? Es gibt nicht nur schlechte Menschen, die mein liebes Kind erschrecken können, sondern manche Straßen sind so schlecht gepflastert, daß sie große Gruben und Löcher haben und über die ungleichen Steine stolpert man leicht im Dunkeln. Man soll sich nicht unnötig solchen Unannehmlichkeiten aussetzen, mein liebes Kind. Warte nun ruhig, bis das Mädchen kommt." Nicht allein, sondern begleitet von einem Dienstmädchen mit der Laterne, über den Markt gehen zu dürfen, war eine so entzückende Vorstellung für die junge Frau, daß sie sich zu dem Alten hinabbeugen und ihn auf die Stirne küssen mußte. Als ihr Mann sie bei seiner Heimkunft fragte, ob sie heute ebenso gutes Glück hatte, wie neulich und welche Geschichten sie gehört hätte, und sie antwortete: „Die Geschichten von Magdalena Rudenschölds Hinrichtung und Fersens Mord", sagte er: „Das war merkwürdig, Dorothea." Sie antwortete: „Nicht wahr? Und kein Mensch, weißt Du, tat mir etwas zuleide, obwohl ich allein, ohne das Mädchen und die große Laterne nach Hause ging. Mir war es, als lebte ich zu gleicher Zeit mit Malie Rudenschöld, als der Schwiegervater dies vorschlug; sie wurde sicherlich auch von einem Lakai mit der Laterne auf hoher Stange begleitet, wenn sie nicht der schöne Armfelden abholte. Ach nein, sie fuhr ja im Hofwagen auf den uneben gepflasterten Straßen mit ihren Löchern und Gruben, über welche die Arganschen Lampen ihren matten Schein warfen. Weißt Du, Schwiegervaters altes Stockholm ist ebenso entzückend, als er selbst. Erzählt er nie andere Geschichten, als die, die ich gehört habe?" „Früher tat er es, aber nun schon lange nicht mehr." „Ich will doch einmal sehen, ob ich ihn nicht dazu bekomme, auch andere Sachen zu erzählen." „Das glaube ich schwerlich. Und ich würde auch beinahe ängstlich werden, wenn andere an die Reihe kämen. Alte Leute haben ihre Gewohnheiten und ihren bestimmten Gedankengang und ich glaube, daß es nicht gut für sie wäre, in andere hineinzukommen. Uebrigens, damit hat es keine Gefahr. Du kannst es ja versuchen, andere haben dies auch getan, aber ohne Erfolg, aber Du hast solches Glück, Theach.en, vielleicht gelingt es Dir." „Nein Elias, ich will es gar nicht versuchen. Er mag mir gerne hundertmal dieselben Geschichten erzählen, und mich hundertmal fragen, wer ich bin, auch sich darüber beklagen, daß man ihm Deine Heirat verheimlicht und daß man ihn so mutterseelenallein läßt. Grade wie die alte Uhr in seinem Zimmer, die sagt auch imnrer nur tick tack, tick tack, tick tack. Ich hörte so darauf heute abend und dachte bei mir, wie ich mich erschrecken würde, wenn sie auf einmal anfangen würde, auf andere Weise zu schnurren, und ich habe bloß Angst, daß der Laut ganz aufhören und das alte Werk stille stehen könnte. „Danke Theachen, Du bist wirklich zu nett mit Deiner alten Uhr." Beinahe jeden Tag den ganzen Winter hindurch ging die junge Schwiegertochter zu dem alten Schwiegervater hinauf, bekam immer die alten Geschichten zu hören, und mußte die alten Fragen beantworten. Es trat auch keine Veränderung in dem Zustand des Alten ein, er konnte ja kaum dünner und gebrechlicher werden, als er schon war und man konnte kaum begreifen, daß Körper und Seele noch Zusammenhalten konnten. Dies kam wohl daher, daß er wie die empfindsamste Pflanze gehegt und gepflegt wurde, dienicht den geringsten kalten Windhauch ertragen könnte. Beständig brannte ein Holzfeuer in dem Zimmer, in dem der Alte faß, denn er fror täglich mehr und die schmalen, wachsgelben Hände wurden kälter und kälter. Aber nun hatte man den langen Winter hinter sich und man näherte sich dem Frühling. Es war ein Frühlingstag mit klarer, reiner Luft, die Sonne schien mild, so daß sie das Zimmer froh und licht erscheinen ließ, aber zu wärmen vermochte sie noch nicht. Darum brannte auch heute ein helles Feuer im Ofen, vor welchem der Lehnstuhl stand. Die Ofentüre standen offen, das alte Gesicht war gegen das Feuer gerichtet und die zitternden'