Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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514 Es sind dies ja allbekannte Tatsachen, und ein Blick in die statistischen Jahrbücher weist ja evident diese einseitige Ueberfüllung bestimmter Berufe durch Juden auf. . Daß dazu die christliche Konkurrenz nicht still sein werde, war vorauszusehen, und bei einer einsetzenden wirtschaftlichen Misere mußte unvermeidlich der Jude der Sündenbock sein. Aber auch abgesehen von dieser mechanischen Einengung in bestimmten Gebieten, die von den christlichen Mitbürgern als lästig empfunden wurde und wird, mußten durch diese Einseitigkeit in der Wahl des Lebensberufes einzelne Kreise zu viel und andere Schichten zu wenig mit den Juden in Berührung kommen, und es mußten sich schiefe Anschauungen und Vorurteile über das Wesen, die Neigungen, die Fähigkeiten der Juden bilden in körperlicher und in geistiger Hinsicht. Der Umstand, daß es in Deutschland so wenig Juden unter den einfachen Ständen, den Bauern, Arbeitern, kleinen Handwerkern usw. gab, mußte sie als körperlich arbeitsfaul und ungelenk hinstellen, die Tatsache, daß im Offizierkorps und dem Beamtenkörper besonders in der subalternen Kategorie so gut wie keine Juden anzutrefsen waren, mußte das Gros der Judenheit als bequem, als gewinn- und raffsüchtig hinstellen, und wiederum die Ueberfüllung in der Handelswelt sie der Schacherlust verdächtigen. Und diese Vorurteile hielten auch vor den wissenschaftlichen Kreisen nicht still; die Akademiker wurden ebenfalls des Ehrgeizes, der Berechnung, der' Streberei, der Partienjägerei bezichtigt. Dies sind alles Tatsachen, die uns tausendmal ins Gesicht gesagt worden sind, ja die wir uns selbst unzählig oft im Stillen gesagt haben, das wichtige aber ist, daß wir uns nicht mehr scheuen, sie selbst öffentlich auszusprechen und daß wir an die Beseitigung dieser Uebelstände heranschreiten. Mit der Vertuschung ist vor uns nnd den Mitbürgern nichts zu erreichen. Diese ganze Vertuschungspolitik hat ein ebenso klägliches Fiasko erlebt wie die politische Naivität im Anfang der antisemitischen Bewegung, wo die leitenden jüdischen Kreise es vornehm ablehnten, sich mit dieser unwürdigen Bewegung zu befassen und die Abwehr den Christen überließen, die womöglich mehr kompromittiert worden seien als wir. Heute wehren wir selbst ab, und heute sprechen wir offen von unsern Fehlern und wollen sie vor der breitesten Oeffentlichkeit abstellen. Dazu kam noch ein anderes Moment. Der fast elementare Bildungstrieb, die Einseitigkeit der Berufswahl vergesellschaftete sich noch mit einer Assimilationswut. die blindlings den eigenen Rückhalt aufgab, ohne des Dauererfolges bei scheinbar siegreichem Eindringen in das jenseitige Lager sicher zu sein; der Zusammenhang, die Organisation der zivilisierten Judenheit lockerte sich und bestand und besteht vielfach auch heute nur nominell. Die Assimilation wird ja darum auch heute von vielen stark angeschuldigt und klingt in vielen Kreisen geradezu verrufen, während immer noch genug Assimilationsbeflissene die Methode als die allein selig machende hinstellen. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, und es ist auch nur die Assimilationswut zu verurteilen. Tatsache ist und bleibt es, daß viele unerschrocken, aber auch unbedacht weit vorgerückte Pioniere des Judentums, von ihrer Rückzugslinie abgeschnitten und ins andere Lager übergegangen sind. Man denke an die Mendelssohnsche Schule, an die Berliner Massentaufen in ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts! Es fehlte dieser Assimilation als notwendiger Gegenpol die innere Konzentration, d. h. jene Sammlung aller notwendigen Kräfte zur Erhaltung des jüdischen Bewußtseins und Zusammengehörigkeitsgefühls, wie wir sie heute glücklicherweise schon vielfach besitzen. Diese beiden Anschauungen stehen nämlich durchaus nicht im Gegensätze, sie ergänzen sich, haben jede ihren bestimmten Wirkungskreis, ihrezugemeffenen Ausgaben, sind aber auf einander ebenso angewiesen, wie,bei der Erziehung Schule und Haus, im Staatsleben Kirche und Staat und im öffentlichen Leben Kommune und Familie. Jede für sich ist eine schroffe Einseitigkeit; und so ist jede jüdische Konzentration ohne den Trieb nach allgemeiner Bildung und allgemeinem Anschluß und ebenso jede Assimilation ohne die planmäßige Erweckung des jüdischen Selbstbewußtseins durch dazu geeignete Methoden, Bildungsmittel und Vereine ein Unding, und wird früher oder später an der Macht der Tatsachen zerschellen. Aus dieser einseitigen Konzentrationsidee von heute basiert der Zionismus, durch die einseitige Uebertreibung der Assimilation von früher wieder ist dem gebildeten Judentum so ziemlich eine ganze Generation verloren gegangen. Die letzte Behauptung beweist sich einfach dadurch, daß diese besagte Generation so gut wie ohne Religionsunterricht aufgewachsen ist. In dieser Hinsicht scheint das Einsetzen der Emanzipation viele früher vorhanden gewesene Keime im jüdischen Gemeindeleben, literarische Unternehmungen, Vereine, Religionsschüten für lange Jahre direkt weggewischt zu haben und somit dem Judentum, d. h. dem eigentlichen jüdischen Interesse Schaden zugefügt zu haben. Es ist eine nicht unberechtigte Behauptung, daß ohne den heutigen Antisemitismus das Judentum nicht erwacht, sondern ruhig, in den zivilisierten Ländern wenigstens, entschlummert wäre. Dazu brauchte das Judentum nicht das Martyrium vieler Jahrhunderte auf sich genommen zu haben, um in einem unbewachten Momente sich selbst zu vergessen und zu verlieren. Etwas von einer jüdischen Mission für die Welt muß in der langen Passionszeit Judas doch liegen, um das Judentum trotz aller Bildungsbeflissenheit noch als ein bestimmtes, gesondertes Ganze erhalten zu lassen; und so soll das Judentum für heute und für die Zukunft noch lange nicht aufgehen und wir werden noch immer des Prophetenwortes eingedenk sein müssen: bahnet, bahnet einen Weg durch die Wüste! Denn es ist noch gar viel, viel Wüstes um uns herum und auch bei uns. — Waren nun diese Fehler in der Emanzipationszeit verständlich und verzeihlich — denn bekanntlich ist es'klug. aber auch leicht, nachher zu prophezeien — so wäre es geradezu sündhaft, wollten wir nicht mannhaft ans Werk schreiten, um die Schädlinge aus dem so lange brach gelegenen Acker zu reißen. Das bischen Kulturdünger nützt da allein nicht viel, erst muß das Feld von Unkraut und Steinen, die wüst herumliegen, gereinigt werden, um dann mit allen modernen Hilfsmitteln bearbeitet und mit edelstem Samen bestellt, die herrlichsten Ernten reifen zu lassen. Daß wir damit dem Antisemitismus am besten die Wurzeln abgraben, ist zweifellos. — Welches sind nun die Schäden und wie beseitigen wir sie? Zunächst eine Vorbemerkung. Vieles von dem Versäumten ist bereits wieder gut gemacht, aber lange, lange noch nicht alles; und wir und nicht unsere nächsten Nachkommen werden es endgültig lösen. Das darf uns aber nicht hindern, planvoll an diese Aufgaben heranzuschreiten, ähnlich jenem alten Gärtner, der ein Bäumchen pflanzt, dessen Früchte er nicht mehr erleben wird. In Wahrheit leben wir ja in unseren Nachkommen und Handlungen fort und werden so die Früchte gewahr, die wir gezeitigt. Um die Schäden zu entdecken, müssen wir das moderne Judentum und seine Lage ein wenig beleuchten. (Fortsetzung folgt.)