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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-27 · Heft 43 (27.10.1905) · p. Seite 513

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
Seite 513 (sequence 9)
Language
German
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513 schlimmer als ein Tier behandelt zu werden, von Bürgerlichkeit war keine Pede. Im Gegenteil. Man begegnete allen solchen Versuchendie z. B. der menschenfreundliche Joseph II. in, Galizien und Oestereich zugunsten der Juden unternahm, mit Trotz und Mißtrauen, so daß sie wieder aufgegeben werden mußten. Die Glaubensgenossen wären auch für ihre etwaigen Bestrebungen, den Andersgläubigen bürgerlich und natürlich auch in ihrer Lebensweise nachzukommen, verketzert worden. So sah es also bis vor 100 Jahren aus, bis zur Revolutionszeit und bis zur Mendelssohnschen Aera. — Wenn es, nun auch von dann ab an jüdischen Mitkämpfern der Emanzipationsidee, wenigstens bei den geistigen Führern, nicht gefehlt hat, so nahm das jüdische Gros doch das Ganze mehr als ein Geschenk, als ein Fait accompli an; weniger als einen Sieg nach langem Kampfe, sondern eher als einen Glückszufall, eine gütige Fügung der Vorsehung. Somit konnte die Emanzipation noch lange nicht als Ausgleich beider Lager betrachtet werden und kam eigentlich mehr im Prinzip als in der Wirklichkeit, mehr in der Theorie als in der Praxis zur Geltung. Und eine in sich so wenig gefestigte Position mußte Schwankungen und Erschütterungen unterworfen bleiben, die ja auch in den bekannten Formen der Reaktion eingetreten sind. Aber noch ein anderer wesentlicher Fehler haftete dieser Emanzipation an, ein Fehler freilich, der noch heute seinen verhängnisvollen Einfluß entfaltet. Zu dem mangelhaften äußeren Ausgleich der verschiedenen Konfessionen trat das innerlich nicht ausgeglichene gänzlich verschiedene Milieu beider Teile. Zwei Gruppen, die durch Gewohnheit, Erziehung, Lebensführung und Auffassung beinahe grundsätzlich von einander getrennt waren, wurden plötzlich in innigste Vermengung gebracht, ohne die dabei vorausgesetzte Amalgamierung eingehen zu können. Wenn nun auch diesen Unterschieden nicht so Gewalt angetan wurde, wie bei der Negeremanzipation^oder der Aushebung der Leibeigenschaft in^Rußland, so war doch eine gewisse Aehnlichkeit des Verhältnisses und auch ein annähernd ähnliches Schicksal und Schlußresultat bei den Zwischen Juden und Christen bezweckten Verschmelzungsprozeß zu bemerken. Etwas gewaltsam, gewissermaßen überhastet, nicht den inneren Trieben beider Parteien entsprechend, war die Judenemanzipation gekommen, daher die Situation von vornherein, wie vorher ausgeführt, täuschend, zu Rückschlägen geradezu einladend Auf der einen Seite ^die Uebergeordneten, die das Herrschen, das Befehlen, den Vorzug gewöhnt waren, auf der anderen Seite die Untergeordneten, die im stetem Drucke zu scheuem Gehorsam und zum Verzichten Erzogenen und Prädestinierten. Auf der einen Seite die herrschende, triunrphierende Majorität eines allein selig machenden Glaubens, die Gewohnheiten und Herrschermanieren einer fast als Rasse sich geberdenden Volksmasse, auf der anderen die verfolgte, verächtlich behandelte Glaubensgemeinschaft und eine durch Natur und durch Ghetto ganz anders ausgeprägte Stammesverbindung. Gegensätze, die auszugleichen selbst bei gutem Willen viele Generationen ersordert.hätte/. sollten durch Politische Konstellation, durch den Zufall erheblich gesteigerten Weltverkehrs Plötzlich ausgeglichen werden. — In dem Zeitalter des unerhörten Aufschwungs der Menschheit besonders in naturwissenschaftlicher und technischer Hinsicht sollte die Kultur einen geistigen und moralischen Hochstand der Zivilisation vorstellen, der Rückfälle in Barbarei Reaktion usw. unmöglich machen sollte! Wie oft hat man sagen hören und wie oft haben wir es selbst gesagt: In unserem Zeitalter sollte man so etwas nicht für möglich halten! Und wir vergessen dabei, daß in diesem so gerühmten Zeitalter die Heroen der modernen Menschheit, die Träger der erhabensten Ideen, ein Schiller, Goethe, Kant, Lessing, Mendelssohn, Herder, Montesqüieu, Voltaire, Rousseau nicht gelebt haben! Und wir haben es ja auch gesehen, daß trotz Telephon und elektrischer Schnellbahn usw. ein Kischinew, ein Könitz möglich ist. Wenn wir aber alle heute noch diese Fehler in der Wertschätzung der Emanzipation machen, ist es zu verwundern und zu verargen, wenn die Geburtszeugen der Emanzipation denselben Fehler der Ueberschätzung machten und dies Kind der Kultur, verhätschelten oder falsch erzogen? Dieser Fehler, der sich heute noch unangenehm bemerkbar macht, war nun der, daß die nunmehr zur bürgerlichen Freiheit zugelasfenen Juden den Hauptwerk darauf legten, sich alle neuen Vorrechte in möglichst ausgedehntem Maße zu sichern. Nachdem die Ghettomauern gefallen, traten die durch die Einengung entstandenenUebelstände nur um so krasserin die breite Oeffentlichkeit und mußten allmählich selbst viele Gutmeinende im anderen Lager stutzig machen, wenn sie es wahrnahmen, wie von seiten der Beteiligten so wenig oder nicht genug zu ihrer Beseitigung geschah. A tout prix sollten die jJuden Vollbürger werden, und man vergaß, daß sie erst noch in mancher Hinsicht sozusagen zu Menschen gemacht werden mußten! Denn unter dem entmenschten und dem entmenschlichenden Drucke unzählige Generationen hindurch mußten sie manches von menschlicher Würde eingebüßt haben. Und wenn es auch ein Wunder ist, und geradezu als ein Beweis waltender Vorsehung (Herder) angesehen wird, daß dieses Volk von Märtyrern, durch eine grauenvolle Flut von Fluch und Blut watend, sich doch erhalten und so geisteskräftig und sittenrein erhalten hat, — so ganz ohne Eindruck und Schädigung war dieser Leidensprozeß doch nicht. Ja es bedurfte wohl eines in Ruhe und Umsicht und mit Vorbedacht vorgenommenen Läuterungswerkes, um die Schlacken von dem Edelmetall zu trennen und das alte Gold wieder in reinem Glanze strahlend zu machen. DieserWrozeß nun ist durch die stürmische Aera der Emanzipation zum Teil zu ungleichmäßig und mehr über die Oberfläche als nach innen dringend vorgenommen worden. Und so konnte es wohl den trügerischen Eindruck erwecken, als wenn schon alles glücklich geläutert wäre, wenn man die äußeren Erfolge betrachtete, während innen noch vieles Rohes und Unedles vergeblich der Beseitigung harrte. Mit Feuereifer warfen sich Begabte und Unbegabte, Berufene und Unberufene auf Studien, mit rastloser Energie auf Unternehmungen, die zu großen und schnellen Erfolgen führen, gewiß ein achtbares Zeichen geistiger Spannkraft, die so lange gehemmt, in der Entfesselung zu staunenswerten Leistungen emporschnellte. Die Schüler von heute wurden die Lehrer von nwrgen; in den Universitäten, in den Laboratorien, in der richterlichen Karriere, im politischen und parlamentarischen Leben, in der Presse und in der Literatur und ganz besonders in der Finanzwelt stellten die Juden ein tüchtiges Kontingent von Arbeitskräften und drangen dabei in die höchsten, ja selbst in die führenden Stellungen ein. Ja, sie wurden die Leiter und Gründer von Parteien, z. B. der sozialdemokratischen Richtung. Aber natürlich lief auch Mittelgut mit unter, prozentualiter vielleicht nicht allzuviel, aber doch mehr als die überlasteten Fächer ertrugen und die 'Konkurrenz der Andersgläubigen zugestehen wollte. Wenn wir heute ein ^wissenschaftliches Proletariat von Juden haben, wenn heute z. B. in Berlin von der Synagogengemeinde 50 jüdische Aerzte unterhalten werden müssen, so sind dies die Folgen jener Erziehungsmethode. Dagegen wurden andere ruhigere, aber nicht so Wißen, Ehren und Gewinnerfolge fördernde Karrieren vernachlässigt, nicht in dem Grade gewürdigt, wie wir es heute gern möchten,^wo diese Karrieren den Juden so gut wie verschlossen sind, z. V. die subalterne Beamtenwelt, das Handwerk, der Acker- und Gartenbau, die technischen Fächer.

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