Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Dazu, kam noch der rapide Wandlungsprozeß, den die innere Struktur der österreichischen Judenschaft selbst in einer verhältnismäßig kurzen Frist durchzumachen hatte. Mit der Erstehung industrieller Zentren in Prag, Reichenberg, Teplitz, Pilsen, Brünn, Mährisch-Osträu und Wien, mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes, der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Märkte und des kleinen Produktenhandels vollzog sich naturgemäß ein rascher Abfluß aus den zahlreichen alten jüdischen Landgemeinden und ein ebenso rasches Anschwellen der jüdischen Bevölkerung in den großen Städten. Es gibt Judengemeinden in Oesterreich, die einst weltberühmt waren, wie z. B. Goltsch-Jenikau, und heute kaum noch ihren einzigen Funktionär bezahlen können. Andererseits ist Mährisch-Ostrau, das vor dreißig Jahren noch ein unansehnliches Dorf war, zu einer Judengemeiude von 8060 Seelen emporgewachsen. Die Reichen zogen zuerst fort, dann folgten die Bemittelten und zuletzt die Mittellosen. Die natürliche Konsequenz dieser Wanderung war die Erschütterung der Daseinsbedingungen des christlichen Kleinbürgertums in den großen Städten. Aus einer stillen, behaglichen Existenz wurde es durch die scharfe jüdische Konkurrenz fast plötzlich aufgescheuscht. So wuchs der Judenhaß erst langsam, dann immer schneller und gefährlicher aus den Städten ins flache Land hinaus, und immer lauter, immer dringender wurde der Ruf der kleinbürgerlichen Schichten nach Schütz vor dieser empfindlichen Konkurrenz. Nicht dieUebermachtder industriellen Produktion hat unsere rückschrittliche Gewerberesorm mit ihren vehementen Spitzen gegen den jüdischen Erwerb verschuldet, sondern dieser unaufhaltsame Zug der Juden in die großen Städte. Sonst müßte ja in Deutschland, wo die Industrie in den letzten Jahrzehnten einen ganz andern Aufschwung genommen hat als in Oesterreich, die Gewerbegesetzgebung noch einen viel reaktionäreren Charakter haben als bei uns. Die Hoffnung aber, welche die Juden in dieser Not auf die deutsch-liberale Partei setzten, wurde zuschanden. Den Sommer über hat das Parlament die neueste „Gewerbereform", die noch weit hinter das Belcredische Gewerbegesetz Zurückgeht, durch einen permanenten Sonderausschuß unter Dach bringen lassen. In diesem Ausschüsse hat einer von den zwei deutschliberalen Delegierten, der in Wien als Vizepräsident der deutschfreisinnigen Partei fungierte, für den Befähigungsnachweis in den Handelsgewerben mit der Begründung gesprochen und gestimmt, daß seine kleinbürgerlichen Wähler in einer mährischen Landstadt dies von ihm forderten. So gehts im kleinen und im großen mit dieser Partei, die auf Schritt und Tritt vor der christlich-sozialen Agitation zurückweicht und deren Liberalismus durch die ewige Sorge um den ungeschmälerten deutschen Besitzstand zu einem leeren Schlagworte geworden ist. Ju den gemischtsprachigen Kronländern aber sind die Juden das Sandkorn zwischen zwei Mühlsteinen. Auch der reichsdeutsche Leser hat von den blutigen Kämpfen Kenntnis genommen, die sich jüngst in Brünn zwischen Deutschen und Tschechen abgespielt haben. Es ist sehr lehrreich, daß sich das Brunner Deutschtum zum guten Teile auf die zehntausend jüdischen Seelen der mährischen Landeshauptstadt stützt und daß zur Rettung dieses Deutschtums die Spitzen der Judenschaft Arm in Arm mit dem nationalen Antisemitismus unter Wolf und Schönerer und dem klerikalen Antisemitismus unter Lueger marschieren müssen. Dieses exponierte Eintreten der Juden für die Deutschen hat die letzteren nicht zu Philosemite^y, die Tschechen aber zu Antisemiten gemacht, und selbst dort, wo die Juden , die Schwenkung ins tschechische Lager bereits vollzogen haben, wird ihnen der Gesinnungswechsel nicht geglaubt und sie unterliegen fortwährenden Angriffen der tschechischen Chauvinisten auf Ehre, Existenz und Eigentum. In Galizien wieder, dessen Verhältnisse unter einem besonderen Gesichtswinkel betrachtet werden müssen und demnächst auch betrachtet werden sollen, werden die wirtschaftlich elenden und daher politisch ohnmächtigen Juden von der gewissenlosen polniscken Gewaltherrschaft zum Stimmvieh gegen die ruthenische Mehrheit gepreßt und zum Danke dafür aus allen Erwerbsgebieten mit grausamer Konsequenz hinausgedrüngt, ihrer staatsbürgerlichen Rechte beraubt und durch eine schamlose Klassenjustiz in ihrer Ehre und Persönlichen Freiheit bedroht. Das ist die tatsächliche Lage der österreichischen Judenschast, die einundeinhalb Millionen Köpfe zählt. Tiefe Verstimmung, vollste Gleichgültigkeit gegen das Schicksal eines Staates, der einen so bedeutenden Bruchteil seiner Bevölkerung, der seine treuesten, ehrlichsten, hingebendsten Bürger verkommen läßt, hat sich auch der sangunrischsten und tatkräftigsten Leute unter uns bemächtigt. Die österreichische Staatskunst hat es glücklich zuwege gebracht, daß zuletzt auch jene Bevölkerungsklasse, von welcher mit Recht gesagt werden konnte, daß sie die einzig wahren Patrioten, die Oesterreicher katexochen umfasse, die Dinge schließlich treiben läßt, wie sie eben treiben. Aber inmitten dieser tiefen Depression zeigen sich auch schon die Ansätze der Besserung. In Stadt und Land besinnt sich der Jude auf sich selbst, kehrt den Parteien, die seine treue Gefolgschaft mit Undank, ja mit Verachtung lohnten, den Rücken und folgt der nüchternen Mahnung, alle Kräfte zu sammeln zu gegenseitigem Schutze, zur inneren Festigung, zu politischem Eigenleben. Onauchi. Kulturarbeit im Judentum. Von Dr. I. Lewy-Danzig. I.' ie Emanzipation der Juden, d. h. ihre Befreiung aus den Ghettomauern, ihre bürgerliche Gleichberechtigung hatte sich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in allen zivilisierten Ländern vollzogen. In der großen französischen Revolution vor über hundert Jahren angebahnt, und durch eine spätere weitergeführt, war sie durch die Stürme der dritten Revolution politisch so gut wie vollendet. Allerdings nur im Prinzip, den theoretischen Forderungen der um die Verfassung kämpfenden Parteien entsprechend und weniger aus innerem Bedürfnis und aus vollem Herzen heraus als der politischen Raison zur Liebe. — Der Jude durste in einer bürgerlichen Verfassungswelt keine Ausnahme bilden! Dies waren die Motive im andersgläubigen Lager. — Aber auch in der Judenheit selbst war die Freiheitsbewegung mehr von außen hineingetragen als von innen her zur Erscheinung gekommen. Der Judenheit war dieser Gedanke der Gleichberechtigung seit der Zerstörung ihres Reiches und später des römischen Reiches durch eine zweitausendjährige Verfolgung und Zurücksetzung gründlich abgewöhnt worden. Ihr Bestreben war immer nur auf Schutz und Privilegien gerichtet gewesen, auf Erlangung gewisser autonomer Stellungen hinausgegangen. Selbst als römische Bürger unterstanden die Juden in höchster Instanz dem jüdischen Tribunal des Hohenpriesters, wenigstens nach Cäsars Absichten. — In der spanischen Glanzzeit hatten sie eigene Gerichtsbarkeit , desgleichen später in Holland. Die jüdischen Richter konnten in diesen autonomen Verfassungen sogar Todesstrafen vollziehen lassen. Ja bis in die heutigen Zeiten zieht sich ein Rest dieser Selbständigkeit hinein in der allerdings sehr abgeschwächten Form des Bannes.— — Was man also bis zu den letzten Freiheitskämpfen sozusagen erstrebte, war: menschlich, ja wenigstens mich'-