Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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__, 511 -- nun., wenn wir nach einigen weiteren Jahrzehnten ihnen sagen könnten: „Kommt zu uns! In der Liturgie und den Zeremonalien haben wir unsere frühere Rückständigkeit aufgegeben, in den Fragen der Sittlichkeit stehen wir Euch gleich, in den metaphysischen Anschauungen sind wir Euch unendlich überlegen, und dann besitzen wir eine freie Gemeindeverfassung, während Ihr unter kirchlichem Druck steht!" Wollten die Rabbiner uns dazu verhelfen, daß wir, ohne Einwendungen sürchten zu müssen, recht bald so sprechen können, sie würden sich sür die Stärkung des Judentums nach - innen und nach außen ein großes Verdienst erwerben; kein Verdienst um das Judentum aber erwerben sie sich durch ihren jetzigen Versuch zur Herabdrückung der Laienbehörden und zur Einschränkung des freien Selbstbestimmungsrechts der Gemeinden. Llinde unter den Inden Deutlchinnds. Von Dr. Wilhelm Feilchenfeld. ei der letzten Volkszählung 1900 wurde zum erstenmal eine Zählung der Blinden und Taubstummen Avorgenommen. Die Bearbeitung dieses Teiles der Statistik wurde dem Kaiserlichen Gesundheitsamt übertragen, welches in diesen Tagen im IX.Band, II. Heft der medizinal-statistischen Mitteilungen die Resultate der Blindenzählung veröffentlichte. Die Leser dieses Blattes werden die konfessionellen Angaben der Statistik interessieren. Unter 34 314 mit bestimmter Angabe der Konfession verzeichneten Blinden in Deutschland waren 22 096 d. i. 64,4 Prozent evangelische Christen, 11 699 d. i. 34,1 Prozent Katholiken, 30 d. i. 0,09 Prozent andere Christen, 489 d. i. 1,4 Prozent Juden. Auf je 10 000 Konfefsionsgenossen kommen bei den evangelischen Christen 6,2, bei den katholischen 5,8, bei den Juden 8,3 Blinde. Die relativ größere Häufigkeit des Gebrechens unter der jüdischen Bevölkerung tritt bei der Blindheit weniger stark hervor als bei der Taubstummheit, welche bekanntlich I unter den Juden'verhältnismäßig viel zahlreicher auftritt als j bei ihren nichtjüdischen Landsleuten. Der Bearbeiter der Statistik vermutet,, daß die stärkere Belastung'^ der israelitischen Bevölkerung auf ihre größere Disposition für gewisse zur Erblindung Anlaß gebende Augenkrankheiten zurückgeführt werden dürfte. Auffallend ist. die Differenz in der.; Zahl der von Geburt oder frühester Jugend blinden Personen; während nämlich von je 100 blinden evangelischen Christen 25,7, von je 100 blinden Katholiken 22,9 von frühester Kindheit an blind find, werden auf je 100 blinde Juden nur 15,5 derartige gezählt. Man geht wohl nicht seht, wenn man diesen Umstand aus die sorgfältigere Pflege der Kinder in jüdischen Familien ^»rückgeführt. Es 'handelt sich bei dieser Kategorie eben weit weniger um angeboren-blinde Personen, als um solche, welche durch die eitrige Augenentzündung der Neugeborenen oder durch skrofulöse Augenerkrankungen erblindet find. Diese Krankheiten aber lassen sich bei genügender Sorgfalt und Behandlung teils ganz verhüten, teils wenigstens ohne schwere Schädigung der Sehkraft zur Heilungbringen. Unter 340 taubstummen Blinden waren 16 Juden. Von 2635 Blinden,, die in den 35 Anstalten Deutschlands untergebracht waren, befanden sich nur 10 Juden. Diese Zahl ist erschreckend gering! Man wird das aber verstehen, wenn man weiß, daß eine^ große Anzahl der Anstalten streng konfessionell sind und sich auch als konfessionelle ^direkt bezeichnen, die anderen aber zum Teil als in streng konfessionellem Sinne geleitet bekannt sind. Allerdings lehnen die meisten der Anstalten — auch abgesehen von den staatlichen — nicht prinzipiell Juden ab, einzelne sorgen sogar fürjüdischen Religionsunterricht; doch erscheint es bei diesen Verhältnissen natürlich, daß viele jüdische Eltern Anstand nehmen, ihre blinden Kinder diesen Instituten anzuvertrauen. Wenn man aber weiß, wie notwendig eine Anstaltspflege und -Erziehung den Blinden ist, so wird man den Beschluß des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes, eine israelitische Blindenanstalt zu errichten, mit Freuden begrüßen. Es ist zu hoffen, daß dieser neuen Schöpfung reges Interesse und reiche materielle Unterstützung entgegengebracht wird. Es ist dieses ein geeignetes Objekt sür eine größere Stiftung, durch die sich ein Wohltäter ein dauerndes Andenken schaffen könnte. »ÄKe Wiener Oriekr. Wien, 18. Oktober. 3n einem vorwJuden stärker bevölkerten Wiener Bezirk fand eine Landtagswahl statt. Sie vollzog sich unter absoluter Teilnahmslosigkeit unserer Glaubensgenossen, obwohl hier eine der sogenannten „Stammburgen" des Altliberalismus dauernd in christlich-sozialen Besitz überzugehen drohte und obwohl die Gegner sich bereits soweit vorwagten, einen geistlichen Kampfhahn als Kandidaten aufzustellen. Nichts vermag die grundstürzende Wandlung, welche in der Stellung der Juden zu unseren politischen und nationalen Parteien eingetreten ist, besser zu kennzeichnen als diese Apathie. Noch vor Jahresfrist errangen in demselben Bezirke die Antisemiten bei den Wahlen in die Einkommensteuerkommission de.ü Sieg nur durch einen großartigen Stimmzetteldiebstahl, und als die Behörde die Wahl annullierte und die. Wähler neuerlich zur Urne rief, enthielten sich die Christlich-Sozialen in der Erkenntnis ihrer vollständigen Ohnmacht der Abstimmung. Und heute wird ihnen das Feld fast kampflos überlassen. Dieser jähe Stimmungswechsel ist nur erklärlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die österreichischen Juden kein politisches Eigenleben führen, sondern von dem tiefen Verfall des öffentlichen Geistes mehr vielleicht als jede andere Bevölkerungsklasse mitergriffen worden sind. Der Staat geht aus den Fugen. Wilder denn je toben die nationalen Leidenschaften, geschäftiger denn je wühlt die klerikal-feudale Reaktion, welche die kleinbürgerlichen Schichten unter christlich-sozialer Flagge mobilisiert hat. Es ist unnötig, hier wieder. einmal die Ursachen aufzuzählen, welche den Zusammenbruch der deutsch-liberalen Partei verschuldet haben. Aber zum klaren Verständnisse unserer Situation muß das eine Moment festgehalten werden, daß die Juden in der Reichshauptstadt, in Böhmen und Mähren in beispielloser Treue, aber auch in beispielloser Kurzsichtigkeit die letzten Ueberlebenden dieser Partei sind. Neue politische und nationale Gruppierungen haben sich vollzogen, mit der Erteilung des Wahlrechtes an das . Kleinbürgertum und mit dem Emporkommen der Sozialdemokratie hat eine wirtschaftliche Umwälzung begonnen, welche die Macht der kapitalistischen Kreise brach und das Uebergewicht der agrarischen und kleingewerblichen über die industriellen und kommerziellen Interessen zur Folge hatte — unsere Juden sahen und hörten von alledem nichts. Sie waren und blieben unerschütterliche Parteigänger des Deutschtiberalismus und sie merkten nicht, wie tief der Antisemitismus nur in diesem Gegensätze einer nur widerwillig geduldeten Minderheit zu den wirtschaftlichen und nationalen Anschauungen der Mehrheit wurzelte.