Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wie sich volkssrernde Elemente, die in der Sozialdemokratie ihr Wesen treiben, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer drängen und die Einigkeit stören, die wir gerade als die Grundlage einer gedeihlichen Entwicklung eines Kulturvolkes betrachten. Der Herr. Reichstagsabgeordnete denkt da an den einen Agitator, der zufällig Cohen heißt. Warum er diesen, der doch nur als untergeordnete Person aus der einen Seite steht, als Vertreter der „volksfremden Elemente" hinstellt, und nicht Herrn Rathenail, der auf der andern Seite steht, und den wir, ohne damit Herrn Cohen, den wir nicht kennen, etwa zu nahe treten zu wollen, als den Direktor einer der bedeutendsten Jndustriegesellschaften der. Welt doch wohl höher bewerten müssen? Ein anderer Redner in jener Versammlung hat beweglich geschildert, wie das Judentum es in meisterhafter Weise verstanden habe, ausschließlich den Handel und das geistige Leben - -der Nation zu seiner Domäne zu machen. Vom Handel haben wir schon gesprochen. Jedes Kind, das etwas Geschichte gelernt hat, muß heute wissen, warum die Juden in ausgedehntem Maße am Handel beteiligt sind. Es ist dies weder ihr Wunsch noch hauptsächlich ihr Verdienst, sondern die Folge, die ganz natürliche Folge der Politik, die j die jüdenseindlichen (allerdings aus arideren Gründen, nämlich religiösen,richtiger: vermeintlich religiösen Gründen) juden-! feindlichen Vorgänger der heutigen Antisemiten Jahrhunderte j hindurch getrieben haben. Es ist also auch hier nur der bloße „hirnverwirrend'e, herzzerfressende" Neid, der die Quelle des Hasses ist, und der der ganzen Bewegung den Stempel aufdrückt. Der stete Neid aus die Vorzüge anderer ist eure endlose Krankheit, das ist ein altes Mahnwort. Und an dieser Krankheit leidet der Antisemitismus von seinen ersten Anfängen bis auf den heutigen Tag. Dir Mache. Berlin, 24. Oktober, aum hat die oft wiederholte Meldung von denr Rücktritt des Justizministers v. Schönstedt die Runde durch die Presse gemacht, wird in den Zentrumsblättern, da noch ein anderer Ministerposten vakant war, sofort und entschieden die Forderung der Parität erhoben, „um dem katholischen Volke zu zeigen, daß bei uns die Parität endlich wirklich werden wird." Daß die anderen Religionsbekenntnisse bei solcher Durchführung des Paritätsgedankens einfach ausgeschaltet werden, geniert die großen Geister der Zentrumspresse nicht im geringsten. Auch nicht die Erkenntnis, daß es keine Forderung gibt, die in einem Rechtsstaat unberechtigter wäre als diese. Sehr treffend wird dies in einem fortschrittlichen Blatte folgendermaßen durchgeführt: „Diese-„Parität" widerspricht dem öffentlichen Wohl; sie steht im Gegensatz zu den Grundlagen des modernen Staatswesens. Der Staat kümmert sich, wenn er Steuern erhebt, nicht darum, ob sie von Katholiken, Protestanten, Juden, Atheisten eingehen, er fragt nicht nach dem Glauben, nicht nach der Mitgliederzahl einer Glaubensgemeinschaft. Die Gesetze des Staates werden für die Gesamtheit gemacht. Die Militärverwaltung scheidet die Regimenter nicht nach der Konfession. Der Staat hat es grundsätzlich nur mit dem Bürger zu tun. Wo es anders ist, da wird gegen die ursprünglichsten und natürlichsten Voraussetzungen des Rechtsstaats verstoßen. Für jedes Amt soll derjenige Monn berufen werden, der als der tüchtigste erscheint,, der es. am besten auszufüllen verheißt. Das ist ein so selbstverständlicher Grundsatz, daß er nicht erst bewiesen zu werden braucht. Wer wird bei einer Besetzung der Professuren der Mathematik fragen, welcher Konfession der Bewerber angehört? Wer es täte und von der Antwort seine Entscheidung abhängig^rnachte, über den'müßte jeder unbefangene Zuschauer die Achsel' zücken. .Ob Professor, ob Richter, ob Minister,' ist schließlich einerlei. Ueberall soll der beste Mann für das Amt gewählt werden, ohne alle Nebenrücksichten. Das ist. die einzige „Parität", die im Rechts- und Kulturstaat zulässig und geboten ist. Diese wahre Parität wird verletzt, wenn einzelne Offizierkorps einen vorwiegend konfessionellen Charakter gewinnen oder vorzugsweise oder ausschließlich mit Adeligen besetzt werden, wenn ein Geschichtsprofessor deshalb, weil er einem bestimmten Bekenntnis angehört, einem anderen vorgezogen wird, wenn an einzelne Gerichte vornehmlich Richter einer bestimmten Konfession geschickt werden. Und vollends wird diese- -verfassungsmäßig verbürgte Parität verleugnet, sobald geeignete Anwärter ihres Glaubens wegen von bestimmten Aemtern und Stellen planmäßig ausgeschlossen werden." * In einer Zeit, in welche? der -Gedanke der Parität so falsch verstanden wird, wie wir eben gesehen haben, muß es wohltuend wirken, auch einmal eine andere Stimme zu hören, die diesen Gedanken bester zu würdigen weiß. Eine glänzende Besprechung des. großen Werkes von Prof. Hermann Cohen: „Die Ethik des reinen Willens" in der „Neuen Freien Presse" (Nr. 14745) schließt Prof. Friedrich Jodl, der Ordinarius für Philosophie an der Wiener Universität, der dem Werke seine volle uneingeschränkte Anerkennung zuteil werden läßt, mit folgenden, wahrhaft beherzigenswerten Bemerkungen: „Man kann sich leicht denken, wie auf einen so hochgestimmten Geist, der zugleich überzeugter Vertreter des Judentums ist, die in der Gegenwart so beliebten gehässigen Angriffe gegen das Judentum wirken. Unter dem Begriff der Ehre spricht Cohen zuerst von diesen Dingen, und dieser mächtige Affekt zittert in seinen Worten fühlbar nach. Für ihn handelt es sich bei diesen Angriffen nicht um die Ehre einer atavistischen Gemeinschaft, sondern um eine lebendige Volksgenossenschaft, welche sich als. echte Vertreterin eines sittlichen Ideals von hoher Bedeutung fühlt. Einem engeren Kreise in Wien ist der geistvolle Vortrag noch in Erinnerung, in welchem Cohen vor einigen Jahren seine Auffassung, des jüdischen Prophetentunrs dargelegt hat. An diese Gedanken knüpft auch die vorliegende Arbeit mehrfach an. Die Propheten sind es ihm, welche den Gedanken von der einstigen Einigung der Menschenwelt zuerst aussprechen. Dies ist ihm der wahre Sinn der messianischen Idee, und daraus beruht der Fortbestand des Judentums, sagen wir genauer, das ethische Recht seines historischen Fortbestehens, daß es den Staatenbund der Menschheit vorbereitet, daß es in der messianischen Idee die Menschheit vereinigt, daß eine'Art von wahrhafter Allheit durch diese geschichtliche Idee vertreten wird. Gewiß, das sind nicht allgemeine Auffassungen des Judentums von heute, sondern nur Gedanken eines auserlesenen Kreises. Aber ist denn der Abstand dessen, was als Christentum im Munde und Herzen der Massen ist, von den.vornehmsten Geistern der christlichen Welt so viel geringer? Und wenn man, nach einer heute beliebten Methode, das Judentum beurteilt und richtet durch Anführung von Sätzen oder Lehren, die im Mittelalter, in einer Zeit allgemeiner Verrohung und drückendster Verfolgung niedergeschrieben wurden — was könnte nach dieser Verfahrungsweise nicht alles den christlichen Bekenntnissen imputiert werden. Es wäre wohl nicht schwer, den Beweis zu erbringen, daß ein Katholik, der sich streng an all das halten wollte, was zum Beispiel von den Kasuisten des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts gelehrt worden ist, in keinem modernen Staate geduldet, geschweige denn zu Aemtern zu gelassen werden dürste. Cohen rechnet auf den Staat, um für die gegenseitige sittliche Würdigung der Bekenner .des Judentums die Einsicht, die Unparteilichkeit, die Sympathie heranzubilden, welche die Glieder des Staates in Eintracht verbinden muß. Ich glaube, er überschätzt an diesem Punkt die mögliche Wirksamkeit des Staates und unterschätzt die Wirksamkeit von Männern wie er selbst. Die Schädigung an Ehre kann der Staat abwehren;. äußere Rechtsgleichheit ausrechterhalten oder schaffen. Unparteilichkeit und Sympathie kann nur kommen, wenn die besten Männer und Frauen