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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-27 · Heft 43 (27.10.1905) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. gp.- M-? ^«hfeh^ sKMSEMN Berlin,27.Öktoberl9Ö5. •.-■•.■‘.;-..--'ii^ärj:'-'Sie9rfiiibet »on Rabbtner D' Ludwig Phittppson. VeklsM-kxveüivM: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint ro S ch e n t l i ch. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redaktevvr Gustav Rarxele». Alle Zusendungen ' für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Alosse, . Berlin. Die KolitiK des MrideL Berlin, 25. Oktober, aß eine der Hauptgrundlagen, des Antisemitismus der Neid ist, ist nichts Neues. Aber Vielleicht noch niemals haben die Antisemiten so offenherzig sich dazu bekannt, wie aus der letzten Versammlung des Antisemitenbunds, die .vor kurzem in der Berliner Ressource stattgesunden hat. Ein antisemitischer Reichstagsabgeordneter sprach über das Thema: „Warum sind wir Antisemiten?" Er hätte diese Frage kurz beantworten können mit den Worten: aus Neid, oder, weil wir geistesschwache Neidhammel sind.- Er zog es aber vor, dasselbe nach dem kurzen Referat eines antisemitischen Blattes-in folgenden Worten zu sagen: „Ueberall, wohin wir im gewerblichen Leben blicken, überall dort, wo sich das Kapital in wenigen Händen zusammenballt, überall dort, wo' die ehemals selbständigen Existenzen zu abhängigen Lohnarbeitern der großen Geschäftsünternehmüngen werden, finden wir das internationale Judentum." Der Leiter der Versammlung schilderte alsdann, wie das Judentum es meisterhaft verstanden habe, ausschließlich den Handel und das geistige Leben der Nationen zu seiner Domäne zu machen. Zunächst müssen wir zum so und so vielten Mal das, was beide Herren da behauptet haben, als unrichtig zurückweisen. Und die beiden Redner mußten wissen, wissen es auch, daß sie unrichtige, ja sich widersprechende Behauptungen 'ausstellten. ' Gewiß' wird man auch jüdisches Kapital in den bezeichneten Unternehmungen finden. Das aber wollte jener ‘ Herr gar nicht sagen, das läßt ihn vermutlich nur das kurze Referat des Antisemitenblattes sagen, absichtlich oder unabsichtlich. Was jener Herr sagen wollte, vermutlich gesagt hat, : und was jedenfalls die antisemitischen Hörer verstandenhaben - und wohl auch verstehen sollten, ist, daß das jüdische Kapital hauptsächlich, wenn nicht gar ausschließlich an solchen Unternehmungen beteiligt sei, sie allein begründet habe, so daß ohne die Juden es keine großen Banken, keine Warenhäuser und andere großkapitalistische Betriebe gegeben hätte. Die Kapitalkonzentration in der Bankwelt, wem hat sie denn am meisten geschadet als den zahlreichen jüdischen Bankiers, kleinen, mittleren und selbst einigen großen, die entweder ihr Geschäft haben aufgeben oder sich haben aufsaugen lassen müssen? Und die Kapitalkonzentration, die sich in den großen Warenhäusern^ manifestiert, 'toern fjat: sie amMeisten geschadet? Den Detaillisten, zu denen aus ganz natürlichen, historisch nachweisbaren Gründen die Juden ein unverhältnismäßig großes Kontingent stellen? Und weder sind die großen Banken in Deutschland oder anderswo, und die großen Warenhäuser eine Erfindung der Juden, noch stehen sie unter ausschließlicher ofcfe auch nur vorzugsweiser Kontrolle der Juden. Ist. die Kapitalkonzentration im Kohlenbergwerksbesitz ein Werk der Juden? Sind die großen Kohlenbarone, 'die das nicht nur, von Neidern, sondern sogar von der Regierung -gefürchtete Kohlensyndikat bilden, sind die Thiefsen/' KirdW üüd" andere'' mehr Juden? Sind die amerikanischen Riefentrüsts von Judengegründet? Ist Morgan, der einen Konzern von dreißig Milliarden kommandiert, ein Jude? Ist Rockefeller,- em . „frömmer" Christ, der die ganze Welt unter das Joch der Standard Oil Company zu bringen trachtet, nachdem er Tausende von selbständigen Existenzen ruiniert hat, ein Jude? Ist es Armour, der Beherrscher des amerikanischen Schweinemarkts? . i Doch wozu noch weiter aufzählen? Der Neid, der mehr noch wie die Untreue den eignen Herrn schlägt und ihn mit blindem Haß erfüllt, wird sich ja doch nie und nimmer belehren lassen. 0te-toi de lä, que je m’y mette, ist die Parole neidischer Antisemiten. Aber die sich an die Stelle tüchtiger, betriebsamer Juden setzen möchten, sind ja gar nicht imstande, deren Platz auszufüllen. Es hieße nicht nur die Juden vergewaltigen und berauben, sondern auch dem Wohlstand des Landes unersetzlichen Schaden züsügen, wollte man nach antisemitischen Lehren verfahren. Denn wenn Juden wirklich sich in Handel und Industrie und sonstwo zu bedeutenden Stellungen emporgearbeitet haben, dann wahrlich berdanken sie es doch lediglich ihrer Tüchtigkeit, da selbst Antisemiten nicht werden behaupten wollen^ Regierung oder Volk oder gar beide hätten die Juden patronisiert. Man braucht ja auch nur sich näher anzusehen, wie es den Bewohnern derjenigen Länder wirtschaftlich geht, in welchen die Juden nach antisemitischen Wünschen behandelt werden. Wie steht es um den Wohlstand Rußlands, das so überaus reiche Hilfsquellen hat? Wie steht es um den Wohlstand Rumäniens, eines von der Natur gesegneten Landes? Ist nicht Spanien seit der Vertreibung der Juden auch wirtschaftlich von Stufe zu Stufe gesunken, und ist jetzt, so ziemlich ohne Juden, allen möglichen anarchistischen und revolutionären Stürmen beständig ausgesetzt? Darum ist es Lüge und Verleumdung, die Juden überall für die sozialdemokratische Bewegung, verantwortlich zu machen. Im ganzen außerrussischen Europa gibt es nicht so viele Juden, Männer, Frauen und Kinder zusammengenommen, als in Deutschland allein sozialdemokratische Wähler bei den letzten Wahlen Stimmen abgegeben haben. Der Kampf in der Elektrizitätsbranche, dozierte der Redner in,, der oben erwähnten Versammlung, beweise von neuem. 4' Üy

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