Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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9. Jahrgang, M. 42. Berlin, 20. Oktober 1905 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums korrrlponden-en und Kschrichten. Deutschland. 8. Berlin, 16.Oktober. Der Verband der Deutschen Juden wird am Moutag den 30. Oktober 1905 vormittags 9V2 Uhr im großen Saal der Gesellschaft der Freunde, Potsdamerstraße 9 seine Hauptversammlung abhalten, deren Tagesordnung die Leser unter den Anzeigen dieser Nummer finden. Ein Empfangsabeuv geht am Sonntag, den 29. d. M. in den Räumendes Repräsentantensaales der hiesigen Gemeinde, Oranienburgerstraße 30, den Verhandlungen vorher, und am Abend des 30. Oktober wird sich an die Tagung ein Festmahl schließen. 8. Berlin, 16. Oktober. Die heute Abend um 7 Uhr anberaumte Repräsenta nten-Versammluug begann erst gegen 8 Uhr, nachdem ihr eine IV^stündige geheime Sitzung vorausgegangen war, in welcher sich die Gemeindevertreter über die Vorschläge zur Wahl eines Aeltesten-Stellvertreters zu einigen hatten. Wegen des morgigen Redaktionsschlusses sind wir nicht in der Lage, einen ausführlichen Bericht zu geben; wir heben deshalb nur kurz das wichtigste aus der heutigen Sitzung heraus und behalten uns für die folgende Nummer unserer Zeitung einen Nachtrag vor. Zum Aeltesten-Stellvertreter wurden die Herren Dr. med. Wilhelm Feilchenselb, Salo Cassierer und Emil Pincus vorgeschlagen; gewählt wurde Dr. Feilchenfeld mit 11 Stimmen, während auf Herrn Pincus 3 und Herrn Cassierer 1 Stimme entfielen. Die letztwillige Zuwendung des Herrn Martin Simon zur Errichtung einer Martin und Rosa Simon-Stiftung im Betrage von 5000 M. wurde debättelos angenommen; ebenso die Zuwendung der Frau Adelheid Lange im Betrage von 20000 M. für die Altersversorgungs-Anstalt und die Zuwendung des Herrn Abraham Leb bin im Betrage von 2000 M. zum Zwecke der Grabeserhaltung. Die Vorlage betreffend die Ergänzungswahl des Gemeindevorstandes wurde einer Subkommission zur Vorberatung überwiesen. Gegen die auf Grund eines Antrages Levy-Minden gewünschte Einsetzung einer Kommission zur Beratung von Normen für die Ständevermietung erhebt der Gemeindevorstand Einspruch, weil der Antrag einen Eingriff in die Kompetenz des'Vorstandes bedeute. In sehr langer, zum Teil erregter Debatte wird beschlossen, einen Antrag Dr. Cohn, zu beraten, in welcher Weise eine möglichst befriedigende Regelung der Vermietung der Synagogenplätze herbeigeführt werden könne, dem Ausschuß zur Vorberatung zu überweisen. Vom Gemeindevorstand wird den Delegierten zur Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden ein Festmahl gegeben werden, zu dem auch an sämtliche Repräsentanten und Repräsentanten-Stellvertreter Einladungen ergangen sind. Zn den Festausschuß werden die Herren Bodenstein, Gerson Simon und Rechtsanwalt Dri- Cohn abgeordnet. Die Rechnungsabschlüsse der Armenkommission und der Durchreise-Kommission, auf deren sehr interessante Zählen wir noch ausführlich zurückkommen, wurden dechargiert und schließlich die Vorlage genehmigt, die bisherige provisorische gynäkologische Poliklinik des jüdischen Krankenhauses als ständige Einrichtung aufrecht zu erhalten. Berlin, 13. Oktober. Im Interesse des Publikums wird daraus hingewiesen, daß die Bibliothek der jüdischen Gemeinde (Oranienburgerstr. 60—63) im Winterhalbjahr auch am Sonnabend abends 6—9 Uhr geöffnet ist. Die Benutzungszeiten sind Sonntag bis Freitag vorm. 11—2 und Montag, Dienstage Mittwoch,-Sonnabend abends 6-9 Uhr. Bücher werden unentgeltlich an jedermann nach Hause verliehen, der sich über seine Person ausweist. Die Bibliothek, die erst vor 3 Vs> Jahren eröffnet wurde, zählt bereits 10850'Bände Druckwerke und 10 Handschriften. Besonders reichhaltig sind;bie Gebiete der Geschichte, und Belletristik vertreten. Im Lesesaal ist eine, große Handbibliothek, ausgestellt, die. namentlich Nachschlagebücher und die wichtigsten Literaturwerke umfaßt. Ueber den Bestand der Bibliothekorientieren vorzüglich eingerichtete Kataloge. Die neuesten Erwerbungen zeigt ein im Lesesaal aushängendes Zugangsverzeichnis an. Außerdem erteilen die Beamten zu jeder Zeit bereitwilligst Auskunft. ' L2 Berlin, 16. Oktober. ' Israel Zangwill hat auf das in der vorigen Nummer mitgeteilte Schreiben des Hilssvereins deutscher Juden an Herrn Dr. Paul Nathan die folgende Antwort gerichtet: Verehrter Herr Doktor! Ihr freundlicher Brief, der sowohl Ihre wie des Hilssvereins der deutschen Juden Sympathie mit der Territorial-Jdee ausdrückt, wird sicherlich unserer Bewegung die größten Dienste leisten. Daß solche Männer wie Sie, Herr James Simon und seine Kollegen im Ausschuß Ihres Vereins bereit sind, mit uns vermittels Ihrer großen Organisation zusammen zu wirken, wird in unseren Reihen neuen Mut entfachen. Obgleich Ihre Ansichten und die meinige nicht in jeder Einzelheit übereinstimmen, so ist doch eine genügende Basis der Uebereinstimmung vorhanden, die mich Ihre in Aussicht gestellte Mitwirkung an unserer -schweren Aufgabe mit größter Dankbarkeit begrüßen läßt. Ihr aufrichtig ergebener Israel Zangwill. 8. Berlin, 12. Oktober. Die vom hiesigen Gemeindevorstand veranstaltete Gedächtnisfeier für den verewigten Herrn Martin Simon fand heute abend unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung — wir schätzen mindestens 500 Personen — im großen Saale der Gesellschaft der Freunde statt. Das Podium des Saales war schwarz drapiert und in einem Haine von Blattpflanzen hatte das umflorte, wohlgelungene Porträt des Verstorbenen Aufstellung gefunden. Außer den Angehörigen des Verblichenen wohnten der Feier bei fast der gesamte Gemeindevorstand, die Mehrzahl der Repräsentanten, Mitglieder des Rabbinats, der Armenkommission und anderer- Verwaltüngskommissionen, der Vorsitzende der städtischen Armenverwaltung, Herr Stadtrat Dr. Münsterberg, der Vorstand des Vereins Berliner Ferienkolonien (Stadtrat Selbig und Geheimrat Becher), der Vorsitzende der Auskunftsstelle der „Ethischen Kultur", Dr. Albert Levh, der Vorsitzende des Vereins für jüdische Ferienkolonien, Herr Adolph Mayer Und viele andere bekannte Persönlichkeiten. Nachdem die Töne des Präludiums und des Largos (für zwei Violinen)-von Bach verklungen waren, widmete zunächst in einer kürzeren Ansprache Herr Dr. med. Leopold Feilchenfeld dem Verstorbenen herzliche und warmempfundene Worte per Erinnerung. Er gab den Lebenslauf des Verblichenen und schilderte den Reiz seiner Persönlichkeit, der in einer schönen Verbindung von Geist und Gemüt bestand und hob hervor, daß es nach der ganzen Naturanlage des Verblichenen von vornherein klar war, daß er im Ehrendienste der Gemeinde sich vornehmlich dem Felde der Armenpflege.zuwandte, denn die Werke der Barmherzigkeit auszuüben entsprach seinem innersten Wesen. Er wies darauf hin, oaß das Lebenswerk Martin Simons kein vergebliches gewesen sei, denn man werde sich seiner erinnern, weil man in ihm ein herrliches Vorbild besessen habe, das Beispiel einer Persönlichkeit die sich auf die erhabene Stufe reinen Menschentums emporgehoben habe. Nachdem alsdann Fräulein Vera Goldberg das ergreifende Raffsche Lied: „Ach,' was. ist das Leben doch so schwer" unter Harmoniumbegleitung gesungen hatte, schilderte der Syndikus der hiesigen Gemeinde, Herr Justizrat Lilienthal in ausführlicher Weise das Wirken des Verstorbenen im Ehrendienste innerhalb und außer-, halb der engeren. Glaubensgemeinschaft. Er . würdigte zunächst die achtunggebietende Arbeitsleistung Martin Simons, die von ihm, als dem Vorsitzenden der Armenkommission gefordert, wurde, . deren Umfang unter seiner Leitung so.zunahm, daß die Anzahl der.jährlichen Bittgesuche von 5000 auf ^6500 stieg und die Zahl der Mitglieder dieser. Kommission von 35 auf.68 vermehrt werden mußte. Zweierlei fällt besonders bei seiner Tätigkeit, ins Auge, ein erfolgreiches Bestreben, die'Armenpflege aus . einer bloßen Geldunterstützüng zu einerwirklichen Fürsorge, für. die Bedürftigen zu.erheben,, und ferner ein