Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- Seite 504 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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504 ' „Jcr, Dir hattest wirklich Glück. Kein, Mensch; hat solches Glück wie meine kleine Thea. . Papa von FräuleinRudenschilb - und Fersen erzählen zu hören, ist ein seltenes Vergnügen." Das nächste Mal, als sie ihren Schwiegervater besuchte,- kam sie allein und"spät am?Nachmittag. . , _ , ... Dieses Mal ging sie direkt zu ihm in seine Schlafstube. Der Alte saß aus dem Sofa mit allen Kissen im Rücken, und neben dem Sofa saß die Haushälterin mit ihrem Strickzeug und plauderte mit ihm, als aber die junge Frau kam, verließ sie sogleich ihren Platz und ging hinaus. Die Schwiegertochter beugte sich hinab und küßte die wachsgelben Hände, .die gefaltet aus der rotön Decke lagen. „Wer küßt mich denn aus die Hand, Mamsell Anderson?" srug der Greis. y „Ich bin es,^Schwiegervater, Dorothea, Elias Frau." „Welcher Elias? Mein Sohn Elias? Ach, ist er verheiratet, das^habe ich nicht gewußt. Keiner erzählt mir etwas; seit mein treues Weib und meine junge Tochter tot sind und ich so . mutterseelenallein "geblieben bin." Obwohl sie wußte, daß der Alte niemals einen Augenblick allein gelassen wurde, kamen ihr die Tränen in die Augen, als die zitternde Greisesstimme, die traurigen Worte : „mutterseelenallein" sagte. Es war ihr, als hörte sie ein Kind sagen „ich habe Angst," und es ihr doch'unmöglich wäre, das Kind zu trösten. Denn in. die vergangene Welt, die die wirkliche für den Greis war, konnte kein Lebender eindringen, die war erfüllt von seinen geliebten Toten und mit den Erlebnissen? und Erinnerungen seiner Kindheit und Jugend. Das gegenwärtige Leben huschte wie Schattenbilder an seinen erloschenen Augen-vorbei, die festzuhalten ebenso unmöglich war, als da zu helfen und zu trösten. Und die junge Schwiegertochter fühlte, daß sie ein solches Schattenbild für ihn war, als sie so bei ihm saß mit seiner eiskalten, schweren Hand in der ihren. .: Die Frage, mit wem Elias verheiratet war, ergab die Antwort mit Herrmann Herz Töchter und daß dieser >in Gotenburg wohnte und dieses weckte den Gedanken an John Halls Geschichte, die der Alte mit denselben Worten wie das vorige Mat erzählte, wodurch der Züsannnenhang mit den Betrachlungen über die Unbeständigkeit des Glückes, die Erinnerung an das Schicksal Malin Rudenschölds hervorrief. Der Alte vertraute dem lieben Kinde ebenso geheimnisvoll, daß der Herzog ein schlechter Mensch war und Weibergeschichten hatte usw. Und der große Hyfwagen, in dem er als Kind das schöne Fräulein vorübersahren sah,^erinnerte ihn^an den stattlichen Wagen des Grafen Fersen, an dessen Steinigung und alle damit verknüpftem Begebenheiten, bis er auch diesmal mit der tiefsinnigen Betrachtung: „was wäre wohl aus uns geworden, wenn man nicht den König Anno neun gefangen genommen hätte?" seine Erzählung schloß. Die alten Geschichten waren auch für die junge Frau schon alt geworden und sie dachte nun weniger an diese, als an den bald 100jährigen Greis. £ßk versuchte, sich vorzustellen, daß er bei all dem, wovon er erzählte, dabei gewesen war, daß er wirklich nach den erleuchteten Fenstern des Hallschen Palastes bewundernd aufgeblickt hatte und daß er Magdalena Rudenschölds Wagen nachgesprungen war. .Es war mittlerweile Abend geworden, und je dunkler es in dem Zimmer wurde, desto eigentümlicher erschien es ihr, so da zu sitzen mit der eiskalten Hand des'Alten in der ihren und seine spröde, leise Stimme, die alten Erzählungen berichten zu hören. In einer Ecke des Zimmers stand eine Uhr aus der Zeit Gustav III. in hohem weißgemalten Gestell, mit lautem scharfen Pendelgang. Das überlaute Ticken hielt gleichen Takt mit dem langsamen leisen Tonfall der Rede. , (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Der Ausschuß des „Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" hat, um vielfach. an7 ihn herangetretenen Wünschen zu entsprechen, - sich entschlossen, die Restauflage^ des Jahrbuchs^ für j'.üdische Geschichte und Literatur von 1899.1902 und 1905 alten Rabbinern, Lehrern (und Kantoren irr Deutschland und Oesterreich zum Preise von 1 Mark pro Exemplar einschließlich Porto, in den anderen Staaten^zum gleichen Preise, exklusive Porto, zu überlassen. Bestellungen bitten wir unter Beifügung des Betrages an Herrn Benas Levy, Berlin C. 2, Poststratze 9 zu richten. SprechW. Geehrter Herr^Redakteur! ^ß^nläßlich der silbernen Hochzeit des deutschen Kaiserpaares erläßt der Vorstand des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes einen Ausruf zur Gründung von^Heilstätten für Schwachsinnige. So dankenswert das Vorgehen des Bundes auch ist, es zeigt dennoch, daß noch sehrbiel Feld für den Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen vorhanden ist. Wir erinnern nur an „bte projektierten Heilstätten für Nervenkranke jüdischen Glaubens und an andere Institutionen von gleicher Bedeutung. Wir wollen nun den^Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen, auf ein^anderes Gebiet lenken. Die Zahl unserer Glaubensgenossen in Berlin und Vororten^ dürfte gegenwärtig 120000 Seelen betragen. In keiner jüdischen Gemeinde des Deutschen Reiches dürfte ein^derartiger Reichtum und Wohlstand zu verzeichnen sein, wie derjenige, in welchem sich'ein erheblicher Teil unserer Glaubensgenossen in ZBerlin befindet, aber auch in keiner jüdischen Gemeinde des Deutschen Reiches dürste eine derartige Armut und ein derartiges Elend, zu verzeichnen sein, als der Zustand, in welchem sich zum. Teil oft unter glänzender Außenseite ein. nicht zu geringer Prozentsatz unserer Glaubensgenossen in Berlin befindet. Betrachten wir einmal, in welchen Verhältnissen ein großer Teil unserer Glaubensgenossen in Berlin lebt. Es befinden sich Hunderte von jüdischen jungen Leuten, zum . Teil unverschuldet außer Stellung, auf deren Unterstützung die Eltern angewiesen sind. Es gibt zahlreiche Kaufleute, welche durch die ungünstige Konjunktur der letzten Jahre ihre Existenz verloren haben und mittellos. dastehend noch für Frau und Kind zu ^sorgen haben. Hier ist wirklich Abhilfe nötig. Schon vor Jahren wurde von den Berliner Bnai Brith-Logen ein „Verein für Arbeisnachweis" begründet, indessen ist damit noch lange nicht das immer mehr und immer stärker, hervortretende Bedürfnis gedeckt. Es muß noch viel mehr geschehen. - Hier wäre, nun der Hebel anzusetzen. Man gründe einen^neueu „Stellennachweis für deutsche Juden". Man erwecke für den neuen „Nachweis" das Interesse unserer wohlhabenden Glaubensgenossen. Es wäre auch wünschenswert, daß nur denjenigen hilfsbedürftigen Juden Stellung Nachgewiesen würde, über deren Vorleben sorgfältig eingezogene gute Auskünfte vorliegen. Wir sind überzeugt, daß nach wenigen Jahren der „Stellennachweis für deutsche Juden", vorausgesetzt, daß er richtig geleitet wird, zu den segensreichsten Instituten der Berliner jüdischen?. Gemeinste zählen,,würde. Man wende nicht ein, daß ein derartiges Institut überflüssig wäre. Die Beamtenlausbahn sowie zahllose andere Stellungen sind ja jetzt leider den deutschen Juden verschlossen! Hoffen wir, daß diese Zeilen bei unseren Glaubensgenossen auf fruchtbaren Boden fallen mögen. Hochachtend Berlin, den 5. Oktober 1905. W. B. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. VerantvocNich fiir die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.