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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-20 · Heft 42 (20.10.1905) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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„Herrmann Herz wohnt: micht in .Stockholm, sondern in Gotenburg, darum kann er Dich nicht so oft besuchen, als er sonst wohl täte," sagte der Sohn. - „So, -er wohnt in Gotenburg l VLbet das liebe Kind ist wohl Stockholmerin? " „Nein, ich Din auch aus Gotenburg." ' „Aus Gotenburg. So weit her. Das ist ein weiter Weg von.Stockholm nach Goksnburg, fünf ganze Tagesreisen mit der Post. . Ich bin einmal in Gotenburg gewesen. Wohntest Du, liebes Kind-.auch auf der feinen Straße in Gotenburg?" „Wie hieß denn die feine Straße, Äls Sie in Gotenburg waren, Schwiegervater?"? - > „Sillagasse, natürlich. Dort war das Hallfche Palais. Da Du aus Gotenburg bist, ..liebes Kind, so kanntest Du wohl John Hall. Sein Vater war ein Wchst unverständiger Mann» der dem Sohne einredete, er könnte niemals arm werden und dennoch starb er hier in Stockholm im höchsten Elend in einem Backofen in einer der Vorstädte." „Ich habe von John Hall sprechen hören, aber ich kannte ihn nicht, Schwiegervater. Ich war zu seiner Zeit noch nicht geboren." „Nicht? Ist das so lange her? Ja, ja, ich bin ein alter Mann. Ich war ja auch aus der- Straße und sah zu, als Malin Rudenschöld' das Schafott bestieg und das ist wohl recht lange her. Siehst Du, liebes Kind, — komm etwas näher heran, so will ich.Dir etwas ins Ohr flüstern," — der Greis sah sehr geheimnisvoll und ein wenig verlegen aus über das Vertrauen, das er der Jugend schenken wollte. „Siehst Du, liebes Kind — der Herzog war kein guter Mensch und hatte viel mit Weibergeschichten'zu schassen, und er verfolgte auch Fräulein Rudenschöld mit Liebeserklärungen, als sie Hoffräulein bei seiner Schwester Sofia Albertina war. Aber weißt Du, liebes Kind, Fräulein Malin hatte Armfelten lieb, und sagte dem gnädigen Herrn geradezu nein, und um sich zu rächen, ließ der Herzog Fräulein Malin auf dem großen Markt hinrichten. Und schlecht genug war er, Fräulein Malins eigenen .Bruder den Befehl zu geben, die Wache anzuführen. Der Bruder war-nämlich Offizier, verstehst Du, mein Kind. Aber als nun Malin auf dem Gefängnishof geführt wurde und das Schafott zu Gesicht bekam, so streckte sie beide Arme in die Höhe, sieh>, so machte sie, und fiel ohnmächtig zu Boden. Als sie wieder zu sich kam, ließ sie der Herzog ins Spinnhaus einsperren unter allen schlechten Weibern. Das war schändlich von dem Herzog. Siehst Du, Armfelten war ein sehr schöner Mann und ihn hatte das Fräulein gern. Darum ließ der Herzog Armseltens Rainen am Schandpfahl annageln. So stand da: Gustav Moritz, der Verräter des Vaterlandes. Unter dem seligen König war Gustav Moritz Armfelt ein großer Favorit. Weißt Du, liebes Kind, sie war eine solche schöne Dame, die Malin Rudenschöld. Du erinnerst Dich wohl noch, Elias. Alle Stockholmer Jungen sprangen ihrem Hoswagen nach, als sie in ihrer Glanzzeit ausfuhr, um sie zu sehen. Sie war die schönste Dame Stockholms. Natürlich kannst Du Dich noch auf das Hoffräulein Rudenschöld, die dann hingerichtet wurde, besinnen, Elias?" „Nein Papa, beim besten Willen der Welt kann ich mich dessen nicht berühmen, Magdalena Rudenschöld gesehen zu haben, aber gehört habe ich oft von ihr." „Wer hat Dir'von ihr erzählt? Wie ich nun so an ihren Wagen denke, fällt mir sogleich der Fersensche Wagen ein. Habe ich dir einmal von der Ermordung Fersens erzählt, Elias? Da war ich auch draußen. Aber das geschah unten in der Stadt zwischen den Brücken. Der Pöbel glaubte, daß Fersen den Kronprinzen ermordet hat. Er und seine Schwester. Und als sie nun mit der Leiche Karl Augusts ankamen, kam es zum Aufruhr, - weißt Du. Du hättest den Fersenschen Wagen; sehen sollen- Elias: Einen solchen Wagen hatte keines von den Königlichen. Der Pöbel riß den Grafen Axel aus dem Wagen, verstehst Du. Und verfolgten ihn und warfen ihm Steine nach, rissen ihn um und zerschnitten seinen Mantel und verteilten die Stücke unter sich. Ich bekam auch eins davon, aber was sollte ich damit tun? Und ein großer, schwarzer Satan sprang auf Fersens Brust und trat darauf, daß es krachte. Ich bekam solche Angst,'daß ich davonlief und mich hoch oben auf einen Boden der großen Neugasse versteckte. Und der Pöbel schrie und brüllte die ganze Nacht. und ich wagte mich nicht mehr herunter, obwohl mir niemand was zuPeide tun wollte und auch ich nichts Böses getan habe. Ich war bloß draußen, weil alle anderen draußen waren. . Und ich war auch draußen, als der König abgesetzt wurde. Siehst Du, der König war nicht recht gescheut und hätte uns beinahe ins Verderben gestürzt. Wenn die Trabanten sich ihm nicht in den Weg geworfen und ihm den Säbel aus der Hand gewunden hätten, Mas wär< dann aus uns geworden, Ja, ja, es geschah manches Pn der Welt, in früheren Tagen. Jetzt passiert gär nichts mehr uMM Hin Ärmner mutterseelenallein. Ja, damals lebte auch meine Rebekka uMnreM sunge Tochter Esther noch." „Nun hast Du ja eine andere Tochter bekommen, Papa, vergißt Du dies wieder?" ' . „Eine Tochter,ach,was Du sagst!' Wo ist sie? Und^wer kann das sein?" Die Fragen wurden ganz wie vorher, mit denselben Worten gestellt und beantwortet. Aber nach einer Weile wurde der Alte müde und wurde in sein Zimmer geführt, um sich auszuruhen, und er schlummerte ein und wachte auf, schlief abermals ein, um aufs Neue zu erwachen. Und sein Schlaf wie sein Erwachen wären wie das eines Kindes. Dre anderen Söhne waren unterdessen schon lange nach Haufe gekommen und unterhielten sich aufs liebevollste mit dem Greise, wenn er wach war, und saßen still neben ihm, wenn er schlummerte. Während eines wachen Augenblicks, verabschiedeten sich die jungen Eheleute von ihm. „Wollt Ihr schon gehen?" sagte er und sah äußerst betrübt aus. „Könnt Ihr nicht wenigstens noch ein paar Minuten bei mir bleiben, daß ich nicht so mutterseelenallein sein brauche?" Die junge Frau sagte sogleich: „Elias hat nicht länger Zeit, aber ich kann noch ein Weilchen bei Ihnen bleiben, Schwiegervater." Aber das wollte der Alte nicht zugeben. „Nein, auf keinen Fall, Du sollst mit'Deinem Mann gehen, mein Kind," sagte er ängstlich. „Du sollst nicht allein auf Stockholms Straßen^gehen, liebes Kind, das tut keine seine Dame. Das solltest Du wohl wissen, liebes Kind. Du sollst mit Deinen Mann gehen. Wer ist nun rasch Dein Mann, liebes Kind? Ach ja, mein Elias. Na, das ist eine Neuigkeit. Kein Mensch hat mir erzählt, daß mein Sohn Elias geheiratet hat. Ich bekomme nie etwas zu wissen, aber es passiert auch wirklich nichts heutzutage." Als die junge Frau aus die Straße kam, sagte, sie zu ihrem , Manne: „Er ist entzückend. Und so ein glücklicher Zufall, daß er gerade von alten Zeiten sprechen mußte und ich von Fräulein Rudenschöld und vom Fersen-schen Mord zu hören bekam!" Ihr Mann zwinkerte mit den Augen, sagte aber mit dem ernstesten Ton: '

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