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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-20 · Heft 42 (20.10.1905) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
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' Allein selbst, fn Zeiten' solcher-Verfolgungen blieben die Juden ihrem Vaterlande standhaft treu, und. .es fanden ' sich in den herrschenden - Schichten' des ungarischen Volkes säst immer ' edle Seelenmit erhabener Gesinnung, 'welche die Juden nn-Schutz nahmen. Unter diesen gingen besonders die nationalen Könige der Ungarn miü'schönem Beispiele voran. Wie katholisch sie auch immer gesinnt waren, sie schützten' die Juden, dennoch oft — wie es eben die Verhältnisse des Mittelalters-gestatteten — vor der maßlosen konfessionellen Intoleranz, und trachteten ihr Los durch-Begünstigungen und Privilegien erträglicher zu gestalten. Aus solchem und ähnlichem Material besteht der erste Band der Monumenta, auf den die Literaturgesellschaft mit Stolz blicken darf. Gleichwie mit ihrer ungarischen Bibelübersetzung, leistete sie auch mit diesem großen Werke eine Abschlagszahlung auf die Schuld der jüdischen Gesamtheit an die nationale Kultur und lieferte damit einen neuen Beweis, daß die jüdische Konfession in Ungarn gleich allen anderen ihren redlichen Anteil an - der Bereicherung der nationalen Literatur trägt. ' Hagri. Muttrrlerlkusllrm. Von Sophie Elkan. Autorisierte,Uebersetzung aus dem Schwedischen von Toni Klein. r war sehr alt, beinahe hundert Jahre, und war im Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der älteste Mann Stockholms. In ferner Jugend soll er ein stattlicher, schöner Mann gewesen sein, in seinem hohen Alter machte er einen rührenden, gebrechlichen, unendlich feinen Eindruck. Er hatte langes, dünnes, kreideweißes Haar, das schlicht unter dem schwarzen Sammetkäppchen hervorquoll, seine Augen waren hellblau und mild, aber ihr Blick war erloschen. Seine Hände hatten die eisige Kälte des hohen Alters und dessen machtlose Schwere. Seine Sprache klang schwach wie ein Flüstern und dieses wieder war ein kaum hörbarer Laut. Er war umgeben von liebenden Sühnen und einer / Dienerin, deren einzige Aufgabe darin bestand, den Alten keinen Augenblick allein zu lassen. Und' dennoch klagte er stets darüber, daß er so mutterseelenallein wäre. War nicht sein treues Weib Rebekka tot und war sie nicht auch gestorben seine Tochter, die junge Esther? Allerdings war es schon vor mehr als 30 Jahren, daß seine Gattin gestorben war, und seine Tochter war eine Dame von mittleren Jahren gewesen, als^sie^ihrer Mutter nachfolgte, aber für den 98 jährigen Greis war Esther noch immer seine junge Tochter, und die großen Verluste schienen ihn so kürzlich betroffen zu haben, daß er sich noch stets über sie beklagen mußte und auch darüber,, daß er so ganz verlaßen zurückblieb. „Wer kein Weib und keine Tochter im Hause hat, der ist mutterseelenallein", pflegte er mit seiner spröden, zitternden Stimme zu sagen. Aber nun kam eine Tochter, wenn auchnicht ins Haus, so doch in die Familre, als der jüngste Sohn heiratete. Die Schwiegertochter war noch sehr jung, kaum neunzehn Jahre und' noch niemals hatte sie ein so altes, so zartes, seines und rührend^hilfloses Wesen gesehen wie den alten Schwiegervater, welcher gestützt aus den Arm ihres Gatten, ihr entgegenkam, als sie ihn zum erstenmal besuchte. Er konnte sie nicht sehen und aus dem Wege von feiner Schlafstube hatte er schon längst wieder vergessen, weshalb er in die. gute Stube gekommen und wer ihm. dort vorgestellt werden sollte. .Und erst als er bequem von vielen Kissen gestützt in dem tiefen Lehnstuhl saß> den Schemel unter! die Füße 'gestellt - und die Decke über die Beine gebreitet hatte, nahm der Sohn seine Hand und legte sie in die seiner jungen Frau. Diese schauderte unfreiwillig, denn noch nie im Leben hatte sie so etwas kaltes berührt, die Kälte war keiner anderen zu vergleichen, sie ging ihr. durch Mark und Bein und ließ ihr junges Blut zu Eis erstarren. Und diese eiskalte Hand, die schwer in der ihren ruhte, war auch so wachsgelb und dünn, so ganz anders als die eines lebenden Menschen. Aber ihre Augen begegneten denen ihres Mannes und sie beugte sich hinab und küßte die Hand., des alten Vaters. Er fühlte die warmen Lippen aus seiner kalten Hand, wandte sein Haupt seinem Sohne zu und sagte: „Wen hast Du denn da mit Dir, mein Sohn Elias?" „Meine Frau, Dorothea,' die Dich begrüßen will, Papa." „Ach was, bist Du verheiratet, mein Sohn Elias, davon habe ich ja gar nichts gehört." ' " Er hatte es seit Monaten, seit der Verlobung mehrere Male täglich gehört, aber er lebte mutterseelenallein in der vergangenen Welt und hatte kein Interesse für die Gegenwart. „Willst Du nicht Deine Schwiegertochter in Deinem Hause willkommen heißen?" frug der Sohn. Die zitternde Hand tastete nach dem Kopf der jungen Grau und lag auf. demselben, indem er feierlich sagte: „Gesegnet sei dein Eintritt in dieses Haus. Mögest Du werden wie Sarah, Rebekka, Rahel und Lea und wie alle die-frommen Frauen in Israel!" . .;. Es herrschte einen Augenblick tiefes Schweigen, in dem stillen Zimmer. . . Seine eiskalte bebende Hand lag noch segnend auf ihrem Haupte, als der Alte mit ebenso tonloser, aber doch etwas lebhafterer Stimme fortfuhr: „Wen hast Du gesagt, hast Du mit, Dir, mein Sohn Elias? Ist noch jemand außer Dir hier im Zimmer?" „Meine geliebte Frau ist mit mir, Papa, um Dich zu begrüßen." _ „Ach, was Du sagst! " Das alte Gesicht bekam einen freudigen -Ausdruck und seine trüben blauen Augen versuchten zu sehen. „Das ist aber wahrhaftig eine große Neuigkeit. Hat sich mein Sohn Elias verheiratet? Nun, mit wem hast Du Dich denn verheiratet, mein Sohn? Davon weiß ich ja gar nichts. Keiner erzählt mir jemals etwas, seit meine treue Rebekka und meine junge Tochter Esther mir fortgestorben sind. Seitdem bin ich mutterseelenallein und bekomme nichts zu hören." Mindestens zum fünfzigsten Male erzählte der Sohn: „Ich habe mich mit einer Tochter von Herrmann Herz, Deinem alten Freunde, verheiratet." „Ach, was Du sagst. Das habe ich niemals gehört. Lebt mein Freund Herz noch? Und ist das liebe Kind hier'seine Tochter? Kann Herrmann Herz schon eine heiratsfähige Tochter haben? Er ist noch ein sehr junger Mann." Die neue Schwiegertochter lächelte. „Papa ist nicht mehr so besonders jung, Schwiegervater, er wird siebzig nächsten Januar. . „Denk' mal an. Siebzig Jahr. Na ja, das ist kein so hohes Alter. Er war ein Kind, wie ich ein junger Mann war. Warum besucht mich denn, mein Freund .'Herrmann, Herz niemals? Er wäre mir sehr willkommen, .ich sitze .ja immer mutterseelenallein und habe keinen, mit dem ich sprechen kann."

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