Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- Seite 501 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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501 — Besonders hervorgehoben zu werden verdient der von Berliner mit großer Sorgfalt angeführte Quellennachweis, wie nicht minder die Auswahl der Parallelstellen. Und ebenso verdienstvoll ist die Aufführung-von den im Raschi-Kommentar zum Pentateuch vorkommenden altfranzösischen Ausdrücken, die Berliner alphabetisch geordnet im Anhang bringt und ins Deutsche übersetzt. Das Raschi- Studium erfährt dadurch eine wesentliche Erleichterung. Professor Berliner hat sich mit der neuen Ausgabe des Raschi-Werkes ein nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst um die jüdische Literatur erworben: er hat das unvergängliche Denkmal, das Raschi in feinem Kommentar sich gesetzt, von den Schlacken der Zeit gereinigt und in seiner ursprünglichen schönen Form der wissenschaftlichen Welt enthüllt. Monumenta Hungariae Judaica.1’ ie in einem früheren Artikel mit ihrem Wirken und Schaffen vorgeführte israelitische ungarische Literaturgesellschaft hätte die zehnte Jahreswende ihrer Gründung nicht würdiger begehen können, als durch die Herausgabe dieses, den modernen wissenschaftlichen Anforderungen entsprechenden, wahrhaft monumentalen Werkes, das nahezu 400 aus dem Zeiträume 1092 bis 1539 herstammende lateinische und deutsche Dokumente zur Geschichte der Juden in Ungarn enthält. Obwohl die diese Periode umfassende Geschichte der ungarischen Juden — deren Spuren übrigens bis ins Altertum zurückgesührt werden können — nach einigen vorausgegangenen schwachen und skizzenhaften Versuchen schon in dem vor 20 Jahren von dem gelehrten Rabbiner Dr. Samuel Kohn geschriebenen grundlegenden Werkes ihre erste wissenschaftliche Bearbeitung gefunden, bietet diese Sammlung, worunter sich 138 bisher unedierte Schriftstücke befinden, dennoch eine neue Fundgrube zur Geschichte der ungarischen Juden; und wenn für die Geschichte des Gesamtjudentums uns jetzt ein zweiter Grätz erstünde, so müßte er darin den ungarländischen Juden auf Grund des Kohnschen Werkes und dieser Dokumentensammlung wahrlich mehr Raum zukommen lassen. Für den zuverlässigen und hohen literarischen Wert der Sammlung spricht zunächst der Umstand, daß die Zustandebringung derselben von langer Hand vorbereitet wurde und daß derselben einer unserer hervorragendsten Historiker, der Akademiker Professor Dr. Ignaz Acsady, zu Gevatter stand. Unter seiner Aegide wurde sie von zwei aus unserem Rabbinerseminar hervorgegangenen jungen Gelehrten redigiert, denen als Revisor Dr. Albert Gärdonhi, Kustos am ungarischen Nationalmuseum, ein in der Diplomatik wohlbewanderter Mann, beigegeben wurde. Die Idee zur Herausgabe des Werkes wurde schon vor 10 Jahren kurz nach dem Jnslebenrufen unserer Literaturgesellschaft in maßgebenden Kreisen ernstlich . aufgegriffen; allein erst im Jahre 1899 schritt die Gesellschaft mit der Entsendung einer ad hoc gewählten Kommission an die Verwirklichung derselben und es wurde von letzterer beschlossen, in die Sammlung alle jene bis 1867, dem Jahre der gesetzlich inartikulierten Emanzipation, reichende Dokumente aufzuh Ungarisch-jüdische Dokumentensammlung. Heräusgegeben von der Israelitisch-Ungarischen Literaturgesellschaft. Unter Mitwirkung des Dr. Moriz Weiß redigiert von Dr. Armin Friß. Budapest 1904. In Kommission bei F. Wodianer & Söhne. Preis 10 Kronen. 2) Geschichte der Juden in Ungarn. Von den ältesten Zeiten bis zur Schlacht bei Mohacs. Von Dr. Samuel Kohn. Budapest 1884. nehmen, welche die Verhältnisse und Geschicke der Juden in Mgarn beleuchten. . . Die wissenschaftliche Brauchbarkeit des nun vorliegenden ersten Bandes dieser Dokumentensammlung erfährt dadurch eine Steigerung, daß sein Inhalt den ausländischen Geschichtsforschern direkt zugänglich ist, insofern er nur aus lateinischem und deutschem Texte besteht und selbst das am Ende beigegebene Namens- und Sachregister in lateinischer Spräche abgefaßt ist. Ja, von diesem Gesichtspunkte aus wäre es wünschenswert gewesen, selbst die interessanten Einleitungen — deren erste aus der Feder des oben erwähnten Historikers Ignaz Acsady stammt — in der internationalen wissenschaftlichen Sprache abzusassen. Der innere Wert der Monumenta hinwieder wird dadurch gehoben, daß sie nicht bloß vom Gesichtspunkte der Geschichte der ungarischen Juden, sondern auch für die damalige Gesamtzivilisation der ungarischen Nation als Quellenwerk betrachtet werden können. Sie beleuchten die Entwicklungsgeschichte des nationalen Lebens ebenso wie die des konfessionellen und sie bieten den Beweis, „daß die ungarländischen Juden außer ihrem konfessionellen Leben immer auch an der wirtschaftlichen Hebung ihres Vaterlandes wohltätigen Anteil nahmen, und indem sie die Erfüllung seines rühmlichen nationalen und internationalen Berufes förderten, sich dutch ihre Arbeit und ihre Leiden den Rechtstitel erwarben, zur Gesamtheit des Ungartums gezählt werden zu dürfen". Die Dokumentensammlung legt klar dar, daß Juden hier schon zur Zeit der Gründung des ungarischen Staates lebten und an den Geschicken desselben gleich den übrigen arbeitenden Klassen redlich Anteil nahmen. Ihre Lage war anfangs, wie die Gesetze zeigen, viel günstiger als später. Sie waren in der Wahl ihres Berufes, ihres Wirkungskreises unbeschränkt, konnten sich mit Ackerbau, Gewerbe oder Handel befassen und selbst der Staat beschäftigte sie in niedrigeren öffentlichen Stellungen, was, sowie ihre Mischehen, ihre Verschmelzung mit dem nationalen Körper nur beförderte. Die Toleranz des ungarischen Volkes nahm in den ersten Jahrhunderten die Juden ebenso wie andere Fremden gerne in seiner Mitte auf und dies so lange, bis mit der Befestigung der Kirchenmacht die religiöse Toleranz der Gesellschaft in die Brüche ging. Bezeichnend für das von gewisser Seite ausgegangene Streben, die zwischen Christen und Juden herrschende Eintracht zu trüben, ist die Tatsache, daß aus keinem einzigen der bekannten und in dieser Sammlung mitgeteilten zahlreichen — nahezu 400 — Aktenstücke irgend ein von Juden begangenes Verbrechen oder unmenschliches Gebühren nachgewiesen werden kann, hingegen viele derselben sprechende Beweise für die herostratischen Machinationen sind, welche religiöse Intoleranz unsachte. Dem historischen Forscher, welcher in-diesem reichen Quellenmaterial den pragmatischen Zusammenhang der sich auf ein halbes Jahrtausend erstreckenden Geschichte der ungarischen Juden sucht, wird sich auch hier die Folgerung aufdrängen, welche, wie in der Geschichte unserer Glaubensbrüder in anderen Ländern, zu dem Schlüsse führt: man unterband unseren Vorfahren systenratisch alle Erwerbsadern und ließ ihnen nur das Geldgeschäft und den niedrigsten Handel als Lebensquelle offen,, welche aber in den Augen der Andersgläubigen für ebenso , schmutzig als bequem angesehen wurden, und sie gerade deshalb mißliebig und später gar verhaßt machen mußten. Nur so konnte es den darauf Hinzielenden bei uns gelingen, die günstige Stimmung gegen die Juden hie und da in eine feindliche umzuwandeln, und in einigen Fällen in Judenvertreibungen ausarten zu lassen.