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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-20 · Heft 42 (20.10.1905) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
Seite 500 (sequence 8)
Language
German
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500 -—— Deckmäntelchen um. Nur ist es oft zu fadenscheinig oder zu klein,, ein leiser Windhauch deckt dann allzu leicht die Blößen und Geschwüre auf, Uber selbst wenn alles scheu verborgen bliebe, wenn man mühsam und emsig erst selbst die Verkleidung lüften muß, wenn keine Hilfe von außen im Kampfe unterstützt, es sei denn. Es bleibt die Pflicht.der liberalen Presse vor allem, noch schärfer auszupassen und auszulugen, und wenn wir dann das verborgene Nebel entdecken — wir fühlen uns stark genug, auch geschlossene Visiere zu durchhauen! Literarische Denkmäler. Von Albert Katz. ^^^^en Geisteshelden Israels werden keine Monumente errichtet, die ihren Ruhm kündenden Denkmäler sind geistiger Natur, aus ihren eigenen Worten und Werken gebildet) 'die den Zeitenwechsel überdauern und späten Geschlechtern den lichtvollen Weg vorzeichnen, der zur Fortbildung des Geistes führt. Freilich gehen gar viele aus unserer Mitte an solchen der Ewigkeit geweihten Denkmälern achtlos vorüber; allein diese verlieren deswegen nicht an Wert und Bedeutung. Israel war und ist zu keiner Zeit so sehr verwaist, daß es nicht wenigstens eine kleine Gemeinde von Wissenden und Sachverständigen aufzuweisen hätte, die mit Bewunderung und Verehrung zu den unsterblichen Werken seiner großen Meister emporschaut. Ein Meister dieser Art, der in seinen Werken sich ein unverwüstliches Denkmal errichtet hat, war Rabbi Salomo ben Isaak, „Raschi" genannt, dessen Andenken erst kürzlich gelegentlich der Wiederkehr seines 800 jährigen Todestages die jüdische und zum Teil auch die nichtjüdische Presse in > schwungvollen Essays gefeiert hat. Ich weiß nicht, ob unsere Herren Rabbiner diese seltene Gelegenheit benutzt haben, um in ihren Predigten auf die unsterblichen Verdienste dieses großen Bibel- und Talmuderklärers hinznweisen. Die wenigen Gelehrten, die wir Gottlob noch besitzen, Haben diesen Gedenktag'nicht unbenützt. vorübergehen lassen. So hat Salomon Buber anläßlich dieses Gedenktages Raschis „Lichtwerk" Sefer Ha-Orah ediert, über dessen Inhalt Professor Bacher in der Nummer 31 dieses Blattes bereits, ausführlich referiert hat, - während von Professor A. Berliner Raschis Kommentar zum Pentateuch in zweiter ganz umgearbeiteter Auflage erschienen ist?) Ist die Edition des Sefer Ha-Orah ein nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst des Herren Buber, so verdient die von Professor Berliner veranstaltete zweite Auflage von Raschis ' Kommentar zum Pentateuch als eine literarische Tat bezeichnet zu werden. Wenn Raschi nachgerühmt wird, „daß ’ er die Kunst verstand, den Text durchsichtig zu machen, sich in die Seele des Lesers zu versetzen und durch einen geschickt angebrachten Ausdruck oder eine Wendung dem Miß-- Verständnisse vorzubeugen, Einwürfen zu begegnen, Fragen abzuschneiden", so muß Herrn Professor Berliner zugestanden werden, daß er durch seine mühevolle Herstellung eines korrekten Raschi-Textes die Erklärungskunst dieses Interpreten so recht 'ins richtige Licht gestellt hat. Wer aus der alten Schule erinnert sich nicht der schwierigen Raschi-Stellen zum Pentateuch, über deren Lösung man sich —■ nach der damaligen Redeweise — vergeblich „den Kopf zerbrochen hat". Mit.Schrecken denke ich noch jetzt an eine bange Stunde im finstern „Cheder" zurück, y Raschi. Der. Kommentar des Salomo ben Isaac über den . Pentateuch von Professor A. Berliner. Zweite ganz umgearbeitete Auflage. Frankfurt a. M., I. Kauffmann, 1905. in der ich von meinem strengen „Rebbe" dafür geohrfeigt wurde, weil ich eine absolut unverständliche Raschi-Stelle, die ich lösen sollte und nicht konnte als einen Textfehler bezeichnet hatte. Alle diese Schwierigkeiten fällen weg, wenn man sich des Raschi-Kommentars in seiner ursprünglichen Fassung und Reinheit, wie er nun. von Berliner ediert ist, bedient. In den 40 Jahren, die feit dem Erscheinen der ersten Ausgabe dieses Raschi-Werkes verstrichen sind, hat Professor Berliner, wie er in der Einleitung bemerkt, selbst und durch die Anregung anderer sehr viele Forschungen und Beobachtungen anstellen können, um Raschis Kommentar zum Pentateuch möglichst in seiner ursprünglichen Form Herstellen zu können. Dies ist ihm um so besser gelungen, da er zu diesem Zweck mehr als 100 Handschriften und fast ebenso Viele Druckausgaben benutzt hat. Er konnte daher in der nun erschienenen zweiten in gesteigertem Maße als in der ersten Auflage seine drei präzisierten Zielpunkte verfolgen, durch deren Bekanntgabe er schon damals, vor rund 40 Jahren, die Aufmerksamkeit und das Interesse der Gelehrtenwelt auf sein Werk lenkte. Am 9. August 1865 schrieb ihm der unvergeßliche Leopold Zunz: „Reben den von Ihnen aufgestellten drei Zielpunkten: ein korrekter Raschi-Text, die Parallelen der talmudischen und biblischen Erklärungen, die Quellenangaben zu Raschis Exegese werden Sie auch einen vierten erreichen helfen, die Geschichte von Raschis Kommentarien, die Kunde ihrer Schicksale, was sie. von Interpolatoren gutes und böses zu leiden hatten." Dieser indirekten Aufforderuug ist Professor Berliner in der hebräischen Einleitung zur neuen Ausgabe bereitwillig nachgekommen. Wir erfahren, daß Raschis Kommentarmannigfache Stellen enthält, die von seinen Jüngern herrühren, die aber, da sie vom Geiste des Lehrers inspiriert sind, dem Werke weniger Abbruch tun als der vielfach zutage tretende Mangel an Korrektheit und Klarheit des Ausdruckes und der stilistischen Form, der aus das Konto der vielen Abschreiber und späteren Drucker zu setzen ist, die nicht selten im Texte Aenderungen vorgenommen und Selbsterdachtes zugefügt haben. . Sehr beachtenswert ist die von Berliner angegebene Ursache für die große Anerkennung und Beliebtheit, welche Raschis Kommentar bei der Mitwelt des Verfassers und den folgenden Generationen gefunden hat. „Nicht leicht konnte ein jeder in den kostbaren Besitz eines Midrasch-Exemplars sich setzen, daher der Auszug aus dem Midrasch in Raschi ihm gleichsam das Midrasch-Exemplar ersetzte. In dieser Liebe zum Midrasch, welche im Volke zu allen Zeiten lebendig sich erhalten hat, ist vorzüglich der Grund von der so schnellen Verbreitung des Kommentars, auch nach^den entlegensten Orten, zu finden." Indessen, wenn auch Raschi zwei Drittel seiner Erklärungen zum Pentateuch dem Talmud und Midrasch entnommen hat, so hat er doch, wie Berliner sehr richtig betont, sehr oft die von ihm angeführten Midraschim ganz preisgegeben und sich bemüht, die Schrift nach. ihrem natürlichen Wortsinn zu erklären. Demnach fehlt der Behauptung mancher Historiker, „daß Raschi. bei seinen Erklärungen sich öfter von der agadischen Auslegungsweife führen ließ, in der Voraussetzung, daß die im Talmud und in den Agadawerken vorkommenden Verserläuterung ernst gemeint sei", jede positive Unterlage. Berliner verweist auf eine Stelle in Raschi zum 1. Buch Mose, Kap. 3, V. 8, aus der sein Grundsatz klar hervorleuchtet. „Es gibt," bemerkt Raschi, „viele agadische Midraschim, die schon längst von unseren Lehrern geordnet angeführt sind. Ich aber komme nur, um den einfachen Wortsinn zu ermitteln und ziehe nur die Agada heran, die in verständlicher Weise das Schriftwort erklärt."

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