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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-20 · Heft 42 (20.10.1905) · p. Seite 499

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
Seite 499 (sequence 7)
Language
German
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Hrlchlosirm WKeE ' ‘; .V on Dr? O t t o. N i P p o l d. ' / I^s' ist eine alte,' feststehende "Tatsache, durch .ungünstige Ereignisse in der Weltgeschichte erhärtet und bewiesen, daß auch die genialsten Feldherren, angefangen ‘ bei Cäsar, dann über den großen Korsen hinab bis zu dem preußischen General in Deutsch-Südwestafrikä,- Nicht fertig werden können mit' einem Feinde, der hinterlistig und' heimtückisch kämpft in einem .vernichtenden Guerillakriege. Offene Schlachten und offenes Visier — da ist es eine Lust zu siegen und auch zu — sterben. . Die andere Taktik ist freilich die bequemere und ungefährlichere. So aus dem sicheren und geschützten Versteck, dem Gegner eins-auszuwischen, weckt das höchste Behagen, und wenn man Hann noch mit scheinheiliger,, heuchlerischer Miene dem Verletzten scheinbar .beisteht, während man schon die Frucht seines TUns zu genießen beginnt, so ist das zwar nicht fein Und vornehm gedacht und gehandelt, aber einträglich und leider sehr beliebt. Wenn man die. großen Beispiele ein wenig beiseite legt und von den Höhen des.Lebens mutig in die Tiefen steigt, dann wird einem die gleiche Erscheinung in die Augen springen. Der Beweis für diese Behauptung ist leicht erbracht, auf einem uns nahe am Herzen liegenden Gebiete besonders schlagend. Die antisemitische Presse zerfällt in zwei große Gruppen: zunächst die gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Verhetzer und Verleumder: das sind die Ehrlichen, und dann die hinterlistigen und feigen Schreier und Schreiber: das sind die Gefährlichen. Die ersteren kämpfen offen und ohne falsche Scham, sie haben den bewundernswerten Mut ihrer lächerlichen Ueberzeugung, mit denen kann man leicht fertig werden; die anderen arbeiten im Geheimen und wühlen und graben im Stillen und wenn man sie dann greisen will, so entschlüpfen sie aalglatt der zufassenden Hand. Und es bleibt nur ein unangenehmes Gefühl zurück. Wer zu der ersten Gruppe der antisemitischen Blätter zu zählen ist, braucht an dieser Stelle nicht mehr hervorgehoben zu werden; viel zu viel schon muß man sich mit diesen Auswüchsen der deutschen Presse befassen. Heute soll endlich einmal jener anderen Partei ein Wort gesprochen werden, denn sie fängt an, allzu zahlreich zu werden. Das find die Organe, die sich parteilos geben und doch parteiisch sind, sofern es sich um die Juden handelt, die sollen hier ein wenig charakterisiert werden. Alle haben das eine gemein, daß sie nicht offen Farbe bekennen, sie ziehen es vor, lieblich und abwechslungsreich zu schillern. Sie schwimmen alle in dem gleichen Fahrwasser oder sie suchen durch geschicktes Manövrieren den eigentlichen Kurs zu verschleiern. Und dennoch ist die Grundtendenz antisemitisch. So in kleinen Seitenhieben offenbart sich das, in hämischen, abfälligen Bemerkungen, die man erst genau lesen muß, will man ihren Sinn verstehen. Zuweilen werden sie ungeschickt deutlich. Das Bild in der „Woche" mit dem „schwarz-weiß-grünen Regiment" von Borkum ist noch in frischer Erinnerung. Und die Art der Beurteilung, welche die Juden jahraus, jahrein in der „Täglichen Rundschau" und den asfiliierten Organen erfahren, braucht wohl nicht erst des weiteren auseinandergesetzt zu werden. Jeder kennt die Methode, der mit den Verhältnissen, vertraut ist, Man kann dreist sagen, ein parteiloses Programm ist heute und vor allem in Berlin ein verschämt konservatives und vor allem ein antisemitisches. Nur so um den Quartalsbeginn pflegt sich das bet den meisten zu ändern, oder es wird gar aus einer anderen Tonart gepfiffen. Der Zweck ist nur allzu klar ersichtlich. Man will die jüdischen Abonnenten nicht vor den Kopfstoßen. und was noch viel wichtiger ist, man darf'die jüdischen Inserenten nicht verlieren; denn tritt dieserAall' ein, dünn wäre wohl die ganze Herrlichkeit bald zu'Ende. Leider ist diese Eventualität bei dem mangelnden Solidäritütsgefühl der Juden aber nicht zu erhoffen. Gerade ein Nichtjude darf es wohl sagen: Ehe sich. da erst alle Kräfte regen zu vereintem Tun, muß es schon ganz schlimm kommen. Sonst wird ruhig -und. gemütlich sortgewurstelt:^^--'^ Ganz zweifellos ist - dieses Lavieren sogar bei Blättern, die auch in jüdischen Kreisen gelesen werden, so z. B. beim „Tag", der ja auch jüdische Mitarbeiter hat, und der längst das freikonservativste Blatt Deutschlands geworden ist. Daß im „Tag" auch Artikel von^Judem versaßt gedruckt werden, daß die ganze Idee des Blattes von Juden stammt, ändert an dieser Tatsache durchausnichts. I - Üin einjige?, aber drastisches Beispiel mag hier angeführt .werden. In Spandau wurde vor kurzem ein Ehepaar Graf vermißt. Man fand es in der Nähe des Spandauer Bocks. Mann und Frau hatten Lysol getrunken und die Frau war der Wirkung des Giftes schon erlegen, während der Mann noch schwache Lebenszeichen gab. Man schaffte ihn sofort nach dem Krankenhaus Westend, wo er jedoch bald nach der Einlieserung starb. Ueber die Beweggründe zu dem Selbstmord des Grafschen Ehepaares wird im „Tag" folgendes gemeldet: „Das Ehepaar war in einem großen Warenhause beschäftigt, in dem seit einiger Zeit Warendiebstähle vorkamen, die mit großem Raffinement verübt sein mußten. Nachdem lange Zeit hindurch alle Bemühungen, die Täter zu ermitteln, ergebnislos gewesen waren, fiel schließlich der Verdacht auf den Wächter. Eine in seiner Wohnung vorgenommene Haussuchung führte indessen zu keinem Resultat. Nichtsdestoweniger blieb derjenige, der zuerst den Verdacht auf ihn gelenkt hatte, ein jüdischer Angestellter des Warenhauses, bei seiner Behauptung." Schlagender und beweiskräftiger konnte nichts angeführt werden als diese harmlos scheinende, ganz kurze nebensächliche Notiz. Was um alles in der Welt hat die Konfession des betreffenden Angestellten damit zu tun, daß er Anzeige erstattete und seine Beobachtungen der maßgebenden Stelle mitteilte? Nebenbei bemerkt, ist es nicht etwa erwiesen, daß seine Angaben auch nur im geringsten der - Wahrheit nicht entsprächen oder leichtsinnig abgegeben seien. Die Betonung seiner jüdischen Religion, dies Hervorheben allein der Verhetzung wegen zeigt einen so traurigen Stand der Gesinnung und eine so tadelnswerte Kampfesweise, daß man am besten darüber vollständig schwiege, wenn es eben nicht auf die Stelle ankäme, wo es gestanden. Handelte es sich um „reine Toren" der offen antisemitischen Presse, so würde man mit schmerzlicher Enttäuschung die drei.Ausrufungszeichen in der Klammer hinter dem Worte „jüdisch" vermissen uyd keine Silbe darüber verlieren; an der bezeichneten Stelle sieht das aber anders aus. Was dort sang- und klanglos verhallt, findet in dem angeblich objektiven und parteilosen Organ. stärkeren Widerklang. Von dort geht es erst in die Parteipresse mit den gewünschten Kommentaren und Randbemerkungen über, wie gerade das vorliegende Beispiel deutlich gezeigt hat. Der gewollte Zweck wird so leicht erreicht, ohne daß man sich das eigene Haus schmutzig zu machen braucht. Wenigstens offiziell nicht, denn allen ehrlichen Leuten will diese verschämte Kampfesweise viel weniger honett dünken als ein freies Wort. Darauf kann man ebenso frei und klär erwidern und muß nicht erst kostbare Zeit damit vergeuden, unangenehme Seitenpfäde zu entdecken und dunklen Wegen nachzuspüren. Es geht beinahe durch die gesamte Parteilose Presse dieser Zug mit der antisemitischen Nuance; von Geschäftsürnd Geldes wegen hängt man sich freilich zuweilen sogar das liberale

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