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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-20 · Heft 42 (20.10.1905) · p. Seite 498

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
Seite 498 (sequence 6)
Language
German
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Seite aus unternommen werden, um dieethische und logische Suprematie des - Christentums zu begründen/ so wird wohl kaum jemand die Einführung in die Lektüre des neuen Testaments für überflüssig erachten. Um so dringender ist dies erforderlich, als eine ganze Reihe von. christlichen Theologen durch ihre prophetenfreundliche Stellung das jüdische Publikum derartig kaptivieren, daß viele glauben) wenn gegenüber den Propheten die christliche Theologie sich als vorurteilsfrei erweist, sie auch in der Bewertung des neuen Testaments als zuverlässig zu betrachten sei. Ein dritter Vorschlag ist:', Einführung in die allgeme in e Ethik und die damit verbundene philosophische Propädentik. / Auch dieser Vorschlag dürfte auf Widerstand stoßen und dennoch kann ich auf seine Würdigung nicht verzichten. Wir haben bereits erwähnt, wie aller Kampf und alle Wertung der heutigen Kulturgebilde ein ausschließlich ethischer ist. In allen Lagern ertönt der Wahlruf: Nur bei uns ist die Ethik. .Und besonders ist es das Christentum, das auch hier wieder den Reigen eröffnet. Die wahre Ethik sei die Ethik der Gesinnung und die sei ausschließlich im Christentum vertreten, günstigenfalls noch im Buddhismus. Hier müssen vor allen Dingen klare Grundbegriffe geschaffen werden. Es muß gezeigt werden, daß die Ethik der Tat, wie sie im Judentum in all seinen geschichtlichen Phasen in Erscheinung tritt, eine weit höhere und gediegenere Ethik repräsentiere als das Christentum; es muß ferner gezeigt werden, wie mit der wahren wissenschaftlichen Ethik nur der Erlösungsgedanke der prophetischen Religion sich vereinbaren lasse. Ganz besonders aber springt die Bedeutung der allgemeinen Ethik für die systematische Religion lebhaft in die Augen. Die Begriffe, Gott, Seele, Schöpfung, Vorsehung, Erlösung können nur ethische Bedeutung haben. Sie haben keine andere Bestimmung als das ganze Universum und den Menschen in diesem Universum ethisch zu werten. Nur wenn wir diese Begriffe ihrer naturwissenschaftlichen Sphäre entziehen, sie einzig und allein als bestimmte ethische Aufgaben formulieren, entgehen wir der Gefahr, von der Naturwissenschaft überrannt zu werden. Wir gründen dann erst der Religion eine Heimstätte, die wohl von der modernen Kulturbewegung in Mitleidenschaft gezogen wird, die aber ihre Selbständigkeit niemals preisgibt, weil sie außerhalb des Kampfgebietes sich befindet. Die Einführung in die Ethik aber setzt unbedingt philosophische Vorkenntniffe voraus. Es müssen die wichtigsten logischen Grundsätze erläutert werden, wenn die allgemeine Ethik als eine gediegen fundierte Geistesdisziplin verstanden werden soll. Schließlich wird ja damit auch keine absolut neue Forderung gestellt, da noch nicht vor gar zu langer Zeit auf der Prima der Gymnasien philosophische Propädeutik als Schulfach betrachtet wurde. Ich fasse also diese Vorschläge noch einmal zusammen: I. Der Prophetismus bildet den Ziel- und Kernpunkt des Religionsunterrichts. Er beginnt aus der zweiten Stufe und findet auf allen Stufen eingehende Berücksichtigung. II. Der Unterricht in jüdischer Geschichte hat nur die Entwicklung der rein religiösen und damit verknüpften politischen Momente zu verfolgen. Die literarischen scheiden im allgemeinen aus. III. Als neues Fach ist auf der oberen und obersten Stufe vergleichende Religionsgeschichte einzuführen. Besonders ist hier eine eingehende Behandlung des neuen Testaments, eine Prüfung auf seinen prophetischen Gehalt hin vorzunehmen. IV. Als weiteres neues Fach ist die allgemeine Ethik und die damit verbundene Einführung in die philosophische Propädeutik zu nennen. V. Damit wird endlich der alte Wünsch wiederholt, daß der Religionsunterricht in allen Klassen der höheren Mittelschulen als obligatorischer Unterricht zu gelten habe. " B. Die Lehrerbildung. Wer soll den so skizzierten Unterricht' erteilen? Naturgemäß kommen hierfür, namentlich mit Rücksicht auf das schwierige, Selbständigkeit des Forschens voraussetzende Stoffgebiet Theologen in Beträcht. Freilich bedarf dazu auch der Lehrplan der Rabbinerseminare einer.gründlichen Aenderung. Vor' allen Dingen müßte Hier der pädagogischen und schultechnischen Ausbildung weit mehr Rechnung getragen werden, als das bislang, der Fall war. Solange nicht ein einziges Kolleg über theoretische und praktische Pädagogik von berufener Seite gelesen wird, so lange die Kandidaten nur mit dem System einer Religionsschule und nicht mit dem einer allgenieinen Schule praktisch vertraut gemacht werden, so lange hat jeder Lehrer das Recht, der pädagogischen Ausbildung des jüdischen Theologen Mißtrauen entgegenzubringen. Dabei kommt es häufig vor, daß auch die Retigionsschule nur von wenigen in ihren Einrichtungen und Plänen gekannt wird. Auch davon will ich nicht weiter reden, daß bis jetzt weder für vergleichende Religionsgeschichte noch für Ethik und systematische Philosophie das geschieht, was notwendigerweise geschehen mußte. Allein, selbst wenn alle die fraglichen Bedingungen erfüllt wären, so wäre für eine Reform des Religionsunterrichts nicht alles getan. Es gibt nämlich eine ganze Reihe von Städten mit höheren Schulen, die nur einen Lehrer, aber keinen Rabbiner besolden können. Wie steht es aber mit der Qualifikation dieser Kräfte? Wir wollen gern anerkennen, daß hier auf dem Wege der Autoditaktik viel, sehr viel geleistet wird. Allein, erstens sind es nur die begabteren Lehrer, die zur Autoditaktik greifen, und zweitens verliert sich ein solches Studium häufig in spezialistische Liebhabereien. Wie soll aber in beregter Hinsicht Abhilfe geschaffen werden? , Ich nehme hier einen Vorschlag meines auch sonst für wahrhaft religiösen Fortschritt mit unerschütterlichem Mute eintretenden Kollegen H an ff auf. Herr H. glaubt, daß durch Einrichtung eines höheren Religionsexamens für seminarisch gebildete * Lehrer viel gewonnen wäre. Erstens wird durch ein solches Examen die religiöse Fortbildung der jüdischen Lehrer - sehr gehoben, andererseits können diese Lehrer dann auch einen gediegeneren Unterricht erteilen. In Städten ohne Rabbiner müßte dann die Gemeinde bei der Anstellung eines Lehrers auf die Ablegung eines solchen Examens dringen. Vielleicht könnte auch in dieser Hinsicht der D. I. G. B. seine ersprießliche Mitwirkung zur Geltung bringen. Freilich haben auch diese Vorschläge nur den Charakter von Palliativmitteln. Ziel der jüdischen Gemeinden muß es sein, dahin zu wirken, daß in allen Klassen höherer Lehranstalten der Religionsunterricht als obligatorisches Versetzungsfach betrachtetwird und daß hiermit im Zusammenhang die jüdische Religion als. Prüfungsfach im Staatsexamen für Oberlehrer zu gelten habe, (vergl. Hermann Cohens Ausführungen in der Generalversammlung des D. I. G. B. in Frankfurt ä. M.) Mögen dann Eltern und Kinder, welchen Standpunkt auch immer gegenüber derReligion ihrer Väter einnehmen,bas wenigstens müssen Staat und Religionsgemeinde verlangen: Jeder, der seine Religion verläßt, soll wenigstens wissen-was er verläßt. Und jeder, der ihr treu bleibt, soll wenigstens die logischen und ethischen Gründe kennen, die ihn zur Teilnahme am religiösen Gemeinschaftsleben verpflichten.

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