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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-20 · Heft 42 (20.10.1905) · p. Seite 497

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
Seite 497 (sequence 5)
Language
German
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497 Aber: mit der Pietät; allein, erzeugen wir nur reaktionäres öder nationales Judentum. In Wirklichkeit kann auch nicht geleugnet werden, daß heute im allgemeinen jüdische Begeisterung und jüdisches Herz gerade unter der Jugend fast nur bei den Vertretern des konservativen und zionistischen Judentums zu erkennen ist. Daß aber bei einer solchen, ausschließlich historischen Würdigung die wahrhaft Gebildeten sich 'immer mehr von der jüdischen Religion entfernen, jede wahre und lebendige Beziehung zu ihr verloren haben, kann uns nicht weiter wundernehmen. Soll nun in dieser Beziehung radikale Aenderung ermöglicht werden, so muß der Religionsunterricht einer durchgreifenden Umgestaltung unterzogen werden. Dabei kann nicht übersehen werden, daß schon die äußeren Verhältnisse allein, d. h. die gesetzlichen, einen geordneten Betrieb sehr erschweren. Die Tispensationsgesüche brauchen nicht weiter motiviert zu werden, die Religion bildet kein Versetzungsfach, vom 14. Lebensjahre ab hört jede rechtliche Verpflichtung des Schulbesuchs auf. Auch die Qualifikation des Lehrers braucht nicht weiter erwiesen zu werden. Bald unterrichtet selbst in den höchsten Klassen ein Lehrer, dessen theologische und allgemeine Bildung auf einem sehr niedrigen Niveau sich bewegt, bald wieder ein Theologe, dem die elementarsten Grundlehren i^bcr Pädagogik unbekannt sind. Ziehen wir nun gar noch in Betracht, mit welcher Geringschätzigkeit und Gleichgültigkeit von den nichtjüdischen Lehrern und Schülern, ja, selbst von den Eltern und Geschwistern der Schüler über die jüdische Religion gesprochen wird, dann müssen wir gestehen, daß hier die denkbar ungünstigsten Voraussetzungen gegeben sind. Wenn nun dennoch mit Erfolg gearbeitet werden soll, so gilt es, mit aller verfügbaren Kraft das Interesse der Schülerderartig zu fesseln, daß sie eben freiwillig aus Liebe die Aufmerksamkeit dem Stoffe entgegenbringen, die chei den anderen Fächern durch Zwang ermöglicht wird. Um dies zu erreichen, muß zweierlei gefordert werden': A. Aenderung des Lehrplanes. B. Aenderung der Lehrerbildung. A. Der Lehrplan. Der bisherige Lehrplan der «leisten Lehrer bewegt-sich fast ausschließlich in historischen Gleisen. Es wird zuerst die biblische Geschichte bis zur Zerstörung des zweiten Tempels gelehrt, aus der mittleren Stufe tritt eine Vertiefung desselben Stoffes ein, auf der oberen Stufe kommt dann die jüdische Geschichte hinzu, ferner die Religionslehre. Wir wollen selbstverständlich unter keinen Umständen den biblischen Unterricht missen, ja wir verlangen sogar mit Ausschluß jeder seichten Rationalistik eine besondere Betonung des poetischen Momentes in den Sagen und Wundergeschichten, aber wir lehnen prinzipiell die Wiederholung des biblischen Stoffes auf der Mittelstufe ab. Wir fordern vor allen Dingen auf der mittleren Stufe im Gewände rein historischer Darstellung eine ausführliche Behandlung des; Prophetismus. Solange wir noch nicht die entsprechendem Lehr- und Schulbücher besitzen, ist der Lehrer verpflichtet, dzrrch' selbständige Arbeit Monographieen der Propheten zu bieten, die rein geschichtlichen Voraussetzungen des Prophetismus in religiöser, ethischer und politischer Hinsicht zu erschließen und gleichzeitig das Verständnis der wichtigsten ethischen Grundfragen zu eröffnen. DerProphetismus muß den Höhe- und Konzentrationspunkt des Religionsunterrichtshilden. Er muß derartig dem Schüler zu Verständnis gebracht werden, daß er alle Kulturgebilde vom. Standpunkte des Prophetismus aus würdigen kann. Alle weiteren religiösen Gebilde der jüdischen Gemeinschaft, das exilische, talmudische und philosophische Judentum,sie alle müssen vom Standpunkte des Prophetismus aus gewürdigt werden.. Und genau so verhält,,es sich mit der Würdigung der nichtreligiösen Gebiete der Naturwissenschaft, der Philosophie, der Kunst. Und genau so. verhält es sich mit der Beurteilung der anderen Religionen': Immer und immer wieder bildet der Prophetismus den Zielpunkt und Ausgangspunkt der Betrachtungen. Und deshalb darf auch der Prophetismus keineswegs/mit der Mittelstufe abschließen. Auch auf der oberen und — falls die Verhältnisse es gestatten — auch auf der vierten/ Stufe muß der Prophetismus zu seinem Rechte kommen. Nur unter dieser Bedingung kann ein verständnisvolles Interesse für das prophetische Judentum erzielt werden. Dagegen scheide ich alle literarhistorischen Notizen des nachprophetischen Judentums so gut wie gänzlich aus. Juda Hanassi oder Rab, oder Samuel, ja auch Raschi und ähnliche Persönlichkeiten wiegen nicht im mindesten die Bedeutung eines Amos, Hosea oder Jesaias auf. Bemerken möchte ich hier, daß ich zur Mittelstufe Quarta, Unter- und Obertertia, zur Oberstufe Unter- und Obersekunda, zur höchsten Stufe die Prima rechne. Neben dem Prophetismus muß ein neues Fach zur Geltung kommen, das ist die vergleichende Religionsgeschichte. Türme von Einwänden erheben sich gegen diesen Vorschlag. Vor allen Dingen der Hinweis auf die christlichen Lehrpläne. Diese Einwände würden für mich nichts besagen. Das Judentum befindet sich in einer weit prekäreren Lage als die christliche Religon. Das Judentum ist keine Staatsreligion- Jm Gegenteil, es wird auf allen Linien, in allen Staaten und Ländern bekänrpft! Aus diesem Grunde aber muß unsere Jugend durch Autopsie davon überzeugt werden, wie in keiner Religion der höchste und reinste Idealismus so klar und deutlich zur Geltung kommt wie im prophetischen Judentum.. Und wie interessant muß für die Jugend der Unterricht werden, wenn wir auf die jüdischen Quellen des neuen Testaments Hinweisen, auf ihre Trübung und Fälschung in den nichtjüdischen Bekenntnissen, wenn wir endlich auf die religiösen Prallelerscheinungen des Parsismus und Buddhismus, auf die Vereinigung des Judentums und alten Heidentums im Islam unser Augenmerk richten. Auch die Ergebnisse der assyrischen Forschung sollen nicht außer Acht bleiben. Bei all diesen vergleichenden Betrachtungen leuchtet die Superiorität des prophetischen Judentums deutlich hervor und das Interesse der Jugend wird erweckt und festgehalten. Seit Jahren habe ich^dieses Fach in den Lehrplan des Fortbildungskursus in der IV. Religionsschule ausgenommen, und ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, daß der Erfolg ein durchaus günstiger war. Ich verweise nur auf die Geschichte des Mesfiasproblems im Prophetismus einerseits und im Parsismus, Buddhismus und Christentum andererseits. Wir sehen hier' besonders deutlich, wie nur der jüdische Erlösungsgedanke, der scheinbar soviel Aehnlichkeit mit dem altpersischen hat, sich ganz allein mit dem Glauben an einen ständigen Kulturfortschritt vereinigen läßü Nicht minder kann man dann auch die Entstehung der meisten Kult- und Reinheitsgesetze begreifen und ihre Tendenz in der Abwehr heidnischer, altsemitischer und altpersischer Bestrebungen erblicken. Daher bedarf es eben einer Berücksichtigung alleranderen Religionen, wenn man wissen will, gegen, welche Bestrebungen jene Riten und Bräuche sich richten. Auch die Toleranz gewinnt bei diesem Unterricht, wenn wir sehen, wie' die meisten Religionen dem Judentum ^auf seinem Gange durch die Geschichte gewisse Modifikationen und Veränderungen seines ursprünglichen Selbst ausgeprägt haben. Zieht man ferner in B etracht, welche Anstrengungen gerade von christlich-theologischer

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