Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- Seite 496 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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denkt nicht. mehr daran/ Landarbeiter. für. die Gutsbesitzer heranzulocken, sondern sucht die Zahl der selbständigen Kolonisten zu vergrößern. - Die große Zahl der ' jüdischen Amerikawanderer konnte der Regierung selbstredend nicht entgehen und so sucht sie einen kleinen Teil von dem breiten, mächtig nach Amerika hinfließenden Emigrationsstrom nach Brasilien abzulenken. So unterhält. die Regierung, der Provinz Sao Paulo in London einen Agenten, der freilich in erster Reihe Landarbeiter für die Gutsbesitzer zu werben, trachtet, daneben, aber versuchte er auch, Juden als Kolonisten anzuwerben. Es gelang ihm, drei jüdische Familien zur Auswanderung nach Sao Paulo zu bewegen. Dieselben kamen im Monat Mai an ihrem Bestimmungsort an und gründeten da in der Nähe der Stadt, dicht bei der Eisenbahn alsbald eine neue Kolonie, welche sie Neu- Odessa nannten. / Mit dem Erfolg dieses Versuchs sehr zufrieden, -reiste der Agent zum zweiten Male nach London und brachte weitere 380 - jüdische Emigranten.^ herüber. Sie wurden in drei Gruppen verteilt." Die Kolonisten erhielten reichlich Land, Häuser nebst Zubehör. Wie tolerant und klug die brasilianische Regierung nunmehr. vorgeht, ist auch daraus zu ersehen, daß sie diejenigen unter der Emigrantenpartei, welche nach ihrer Ankunft ins Land sich die Sache überlegt hatten, ruhig gewähren ließ und ihnen gestattete, sich nach Belieben in irgend einer Stadt niederzulassen. . Die australische Regierung, die seit vielen. Jahren sich hermetisch gegen alle nicht englischen Einwanderer abschließt, speziell aber der Einwanderung von Juden die größten. Schwierigkeiten bereitet, scheint allmählich die schlimmen Folgen ihrer Absperrungspolitik einzusehen und bemüht zu sein, etwas mehr frisches Blut in das dumpfe und stagnierende Australien einzuführen. Wie der in Shanghai erscheinende „Israels . Messenger" mitteilt, ist der Vertreter Queensland für Ostasien Mr. F. Jones bei der tokiotischen Negierung vorstellig geworden, den jüdischen Kriegsgefangenen in Japan zu gestatten, nach Queensland auszuwandern. Die „Japan Chronicle" kommentiert diesen Vorschlag in ihrer Nummer vom 30. Juli sehr günstig und glaubt, daß Rußland gegen den Plan. Mr. Jones nichts einzuwenden haben wird. Ein Mr. I. M. Grant, der Gehilfe des Agent General für Queensland, gibt einem Vertreter der „Jewish Ehroniele" in London zu, daß Queensland dringend neuer Ansiedler bedarf. In Queensland gibt es noch Platz für Hunderttausende von Kolonisten, so daß die Regierung ganze Farmen im Umfange von 160—640 Acres r zum Preise von 2Va Schilling pro Acre abzahlbar in 10 Jahren gerne vergibt. Dennoch. sind die Aussichten für eine größere jüdische .Auswanderung nach Queensland ziemlich gering. Trotz des. billigen Bodens .kostet da die Einrichtung einer Farm über 8000 Mark und die einer Milchwirtschaft 20 000 Mark. Dazu kommt noch die teure Ueberfahrt, so daß sich vermutlich wohl sehr wenig Juden mit so viel Geld 'entschließen würden, gerade nach Queensland äuszuwandern. Wie groß übrigens die den Einwanderern entgegengestellten Schwierigkeiten sind, ist aus . der Vorschrift zu ersehen, wonach jeder Einwanderer nach Diktat des Hafenbeamten mindestens 50 Worte in einer vom letzteren gewählten europäischen Sprache zu schreiben hat. Ein. englischer Matrose soll deshalb zurückgewiesen worden sein, weil er die von dem Einwanderungsbeamten in griechischer Sprache ihm diktierten 50 Worte nicht schreiben,, konnte, - - Lur Lrkorm drs Mligimisunlrrrichls sn höheren Schulen. Von Dr. B.. Kellermann. enn wir die Signatur des modernen Kulturbewußtseins wissenschaftlich formulieren wollen, so werden es besonders zwei Begriffe sein/ in deren harmonischer Verknüpfung sich das Wesen wahrer Bildung, wahrer Erkenntnis ausspricht: Historische Pietät und kritischer Objektivismus. Diese beiden Prinzipien bilden gleichsam den ewigen Jungbrunnen, in dem alle historischen Kulturgebilde ihren ewigen Wahrheitsgehalt sich selbst zu Bewußtsein bringen. Durch diese beiden Begriffe wird das Zeitliche idealisiert, das Ewige in Gegenwartsformen gegossen und festgehalten. Aber nur dann können diese beiden Prinzipien ihre, wahrhaft kulturfördernde Bedeutung zum Ausdruck bringen, wenn sie nicht nebeneinander isoliert . einhergehen, sondern wenn sie gleichsam nur zwei Seiten eines und desselben Prinzips, ihres eigenen Jchs sind: Keine Historizität ohne Kritizismus, und kein Kritizismus ohne historische Pietät. Nur unter dieser Voraussetzung wird der Kritizismus bewahrt vor einer öden unfruchtbaren Spekulation, die gar bald in dem Bette eines reinen Skeptizismus versandet. Nur unter dieser Voraussetzung wird der Historizismus einer hohlen Vergötterung der Vergangenheit entgehen, die jedem Fortschritt mißtrauisch und zweifelnd gegenübersteht. Es kann nun gar keinem Zweifel unterliegen, daß die Religion, als ein Gebilde des Menschengeistes, jene beide. Prinzipien als ihre Richter anzusehen hat, wenn auch sie auf modernen Geltungswert Anspruch erhebt. Sie muß ihre historischen Erscheinungsweisen einem wahren Kritizismus unterwerfen, sie muß sich init dem modernen Kulturbewußtsein versöhnen, wenn sie nicht der Verachtung und Gleichgültrgkeit anheimfallen will. In allen Lagern sehen wir deshalb die wissenschaftlichen Vertreter religiöser Gemeinschaften eifrig mit der Lösung dieser Probleme ringen, denn es handelt sich für sie um keine andere Frage als Sein um oder Nichtsein. Naturwissenschaft, Philosophie und Kunst schicken sich an, die Religion zu entthronen. Mit allen diesen Gegnern hat die Religion zu rechnen, wenn sie ihre Superiorität behaupten will. Auch die jüdische Religion kennt diesen Kmnpf. Von den ersten Anfängen Philonischer Religionsphilosophie bis aus die neuere Zeit hat sie diesen Ausgleich nicht gescheut; ja, sie ist noch stets als Siegerin aus diesem Kampfe hervorgegangen. Allein, auch die einzelnen Religionen unter sich wollen um die Suprematie kämpfen. Auch in diesen Kampf muß sich die jüdische Religion begeben. Und es ist ein um so erhebenderes Bewußtsein, wenn die jüdische Religion auch hier als Siegerin die Walstätte verläßt. Allein, wenn dieses Siegesgefühl erlebt werden soll, nicht nur von den Kämpfern, sondern auch' von den interessierten Zuschauern, so müssen diese Känrpse selbst miterlebt und mitempfunden werden. Mit anderen Worten: Wir müssen die Geschichte dieser Kämpfe kennen lernen, sie» aus ihren logischen und historischen Bedingtheiten begreifen. Und es ist namentlich der Unterricht, der hier einzusetzen hat, wenn wahres Verständnis für das Recht der modernen jüdischen Religion erzielt werden soll. Aber gerade das ist, der wunde Punkt des modernen Judentums und des modernen jüdischen Religionsunterrichts. Sehen wir uns die Resultate des heutigen Unterrichts an, so müssen wir eingestehen, daß für die historisch-kritische Würdigung der jüdischen Religion nach wie vor in den breiten Massen des Volkes und der studierenden Jugend jedes Verständnis fehlt. Wir können schon sehr zufrieden sein, wenn die Pietät allein gerettet ist.