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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-20 · Heft 42 (20.10.1905) · p. Seite 495

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
Seite 495 (sequence 3)
Language
German
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Dir Woche. . ■ ' Berlin, 18. Oktober, ewissermaßen als Prolog zu den Beratungen über das Schulunterhaltungsgesetz erschien vor einiger Zeit in der „Kreuzzeitung" ein Artikel' über die Beaufsichtigung des Religionsunterrichts in der Volksschule, der sich auch mit unseren Ausführungen über die Frage beschäftigte und sie gewissermaßen als Zeugnis für die Berechtigung der eigenen Forderungen zitierte. Da diese Argumentation ihren Weg durch die konservative Presse macht, haben wir begründete Veranlassung, darauf zurückzukommen und den Sachverhalt klarzulegen. Einer unserer Mitarbeiter hatte in einem besonderen Aufsatz die-dringend notwendige Forderung-der Anstellung eines Religionsschulinspektors ausgesprochen — nebenher bemerkt, hat diese Forderung, wie wir hören, Aussicht auf baldige Verwirklichung seitens der Gemeindebehörden — dabei aber ausdrücklich die Rabbiner als solche von diesem Amte ausschließen wollen. Dagegen haben wir uns damals entschiedenausgesprochen, wie wir ja stets, so oft dieser Stand angegriffen oder zurückgesetzt^wurde, für die Ehre und das Ansehen der Rabbiner eingetreten sind. Wir sprachen .die Ansicht aus, die gewiß von allen Einsichtigen geteilt wird, daß der Rabbiner zwar nicht der Schulinspektor sein müsse, aber doch auch sein könne und keinesfalls prinzipiell von diesem Amte auszuschließen sei. Was läßt uns nun die „Kreuzzeitung" sagen und welche Schlüsse zieht sie daraus? „Viel temperamentvoller hatte z. B. die „Allgemeine Zeitung des Judentums" die Anstellung eines Rabbiners als Religionsinspektor für Berlin verlangt er sollte das Recht haben, ungeeignete Kräfte zu entfernen,- neue Lehrkräfte zu präsentieren, ihre feste Anstellung zu befürworten und „selbstverständlich" die Aufsicht über Lehrpläne, Methoden, Lehrmittel usw. haben. Aber während man nichts davon gehört hat, daß die Lehrervereine sich durch diese Forderungen jüdischer Kreise beengt fühlten, geschah dies sofort, als kirchliche Kreise sich Herausnahmen, unleugbare kirchliche Interessen zu wahren." ' Die „Kreuzzeitung" hat hier wieder in altbewährter Weise den wahren Sachverhaltverdreht. Sie verlangt die geistliche Schulaufsicht an sich — und wir haben nur gesagt, daß der Rabbiner auch den Religionsunterricht beaufsichtigen könne! Darin liegt doch ein fundamentaler Unterschied der Auffassung. Und deshalb hatten wohl auch die Lehrervereine keine Veranlassung gehabt, gegen unsere Forderung irgendwie zu Protestieren. Auf die kleineren Bosheiten in dem betreffenden Artikel der „Kreuzzeitung", wie auf den Satz: „Selbst das Judentum protestiert gegen einen derartigen verwaschenen Religionsunterricht" lohnt es sich heute nicht mehr einzugehen. Denn es handelt sich jetzt ja nur darum, den prinzipiellen Unterschied der Auffassungen festzustellen. $ Die politischen Wetterpropheten^ in Oesterreich haben wieder einmal Unrecht behalten. Es ist eben das Land der Unwahrscheinlichkeiten — und da gibt es keine richtige Wetterprognose. Sie haben -nämlich wiederholt erklärt, daß die christlich-soziale Partei in Wien so ziemlich ausgespielt habe. Durch die beiden Wahlen dieser Woche werden sie eines änderen belehrt werden. Es sind nämlich wieder zwei waschechte Antisemiten,' Prof. Sturm mit 5184 und Pater Wolny mit 6006 Stimmen zu Abgeordneten gewählt worden. Die liberalen und sozialistischen Gegenkandidaten brachten es nur auf 3216 resp. 2351 Stimmen. Das ist traurig, zumal wenn man die Kandidatenrede liest, die der. erstgenannte Herr zu seiner.Wahl in den Reichsrat gehalten hat. Dieses.Geistesprodukt erinnert an die schlimmsten Zeiten antisemitischer. Hetzwirtschaft. Der jüdische Einstuß, die gefährliche Rolle des Judentums in der Weltgeschichte, die jüdisch-kapitalistische Wirtschaftsform, das Judentum in Oesterreich — das sind die einzelnen Kapitel dieser Rede, in der es von Angriffen, Verdrehungen und Entstellungen nur so wimmelt. Sie ist im Hinblick auf den sozialdemokratischen Gegenkandidaten natürlich sozialistisch gehalten und schließt mit der Hoffnung:'! „Der Kampf gegen den Kapitalismus und seine Wirtschaftsform, einmal begonnen, muß von Generationen, die sich die Selbstlosigkeit und die unvergänglichen Taten unseres ällverehrten Bürgermeisters Dr. Lueger stets vor Augen halten, durchgeführt werden, von Generationen, die noch die sittliche Kraft in sich fühlen, auch ohne die kapitalistische Ordnung der Dinge ihren kulturellen Aufgaben gerecht werden zu können und die im Kapitalismus und seiner Wirtschaftsform den Tod christlicher Kultur, den Schänder nationaler Ehre und den Räuber individueller Freiheit und absoluter Gleichheit unseres .christlich arischen Volkes. erkennen." . Man sieht, der Antisemitismus kann auch sozialdemokratisch sich gebärden. Wie er's gerade braucht und wie „der dumme Kerl von Wien" es eben verlangt! ' ‘ ' ■ 2 Mit der Errichtung der Kolonie PhiliPPson, durch welche auch Brasilien zum erstenmal in den Wirkungskreis der I. 6. A. hineingezogen wurde, beginnt die Frage der jüdischen Emigration nach diesem Lande einigermaßen aktuell zu werden. Dem von einem in Brasilien seit drei Jahren wohnenden Juden dem „Fraind" zugestellten Bericht entnehmen wir über die jüdische Emigration dahin nachfolgende gewiß allgemein interessierende Ausführungen. Danach liegt in Brasilien noch mindestens 85% des gesamten überaus fruchtbaren Bodens unbenutzt und harrt seiner Bearbeitung durch zukünftige Kolonisten. Die Zahl der letzteren ist jetzt schon bedeutend, da von den 18 Millionen des Reiches nur 12 Millionen im Lande geboren sind, der Rest aber von 6 Millionen aus Einwanderern besteht. Freilich ist diese an und für sich sehr bedeutende Zahl verschwindend gering, wenn man die glänzenden klimatischen Verhältnisse Brasiliens berücksichtigt und die Emigration dahin etwa an der nach den Vereinigten Staaten messen wollte. Der; Grund für diese Rückständigkeit ist in den politischen Verhältnissen zu suchen, wie sie bis vor kurzem in Brasilien geherrscht haben. Die Regierung hat nach Beendigung des schweren und langwierigen Krieges mit Paraguay noch sehr viele Jahre hindurch mit inneren Zwistigkeiten zu tun gehabt und besaß weder Geld noch Muße, sich mit dem Kolonisationswerk zu befassen. Nur dem Mangel an Arbeitskräften, welcher die Großgrundbesitzer zwang, sich auf eigene Faust in Europa nach Arbeitern umzusehen, hat Brasilien es zu verdanken, daß Brasilien noch einigermaßen bevölkert ist. Allein die durch zahlreiche Agenten nach Brasilien gelockten 'Emigranten hielten es auf den Farmen nicht lange aus, vielmehr verließen sie bei der ersten Gelegenheit das flache Land, um in die Städte überzusiedeln. So haben die 1000 jüdischen Auswanderer, welche im. Jahre 1891 nach Säo Paulo gelockt wurden, unr \ da auf Kaffeepkantagen als Tagelöhner zu arbeiten, trotzdem sie sehr hohe Löhne bekamen, es in abhängiger Stellung nur so lange ausgehalten, bis sie sich genug Geld. gespart hatten, um in der Stadt „ein Geschäft" zu eröffnen. Seitdem aber in Brasilien geordnetere Zustände herrschen, ist es auch mit dem Kolonisationswerk viel besser geworden. Das gelbe Fieber, das bis dahin ein wesentliches Hindernis für eine erfolgreiche Kolonisation bildete, wird vom Staate planvoll bekämpft und. die Regierung findet Zeit und Geld für eine möglichst rasche Besiedlung des .'menschenleeren Landes. Landwirtschaft, Handel und Industrie haben bemerkenswerte Fortschritte gemacht, die Staatsschulden wurden wesentlich reduziert und die Kolonisation Brasiliens nimmt jetzt den ersten Platz in der inneren Politik des Landes ein. Die Regierung ..• ... IMII.

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