Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- Seite 494 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hand und mit gleicher Freude, mit gleicher Begeisterung, eilten k sie dahin, um nach der Prosa des Alltags Hie Poesie Her Lehren zu empfangen. O ja, in unserem Unglück waren wir.sehr glücklich^ öenä in -unsere . Lebensnacht strahlte ein" helles Licht, das Licht der Thora l - UnH ihr?' Seid ihr.glücklicher und zufriedener geworden, seit ihr diese Thora verlassen und verworfen habt?' Seid ihr klüger und erfahrener, seit ihr dem Lehrhause den Rücken gekehrt, und was, habt ihr - an diese Stelle gesetzt: .den Zweifel, ~ die Unklarheit, das Ringen, die Unzufriedenheit und alle jene .* finsteren Mächte, hie im Gefolge jener Kämpfe einherschreiten. - Ach^ wie wenig glücklich seid ihr doch in all eurem Glück und in all eurer Freiheit! Eure großen Toten sind heut an euch vorübergezogen, eine lange Schar bleicher Märtyrer, hoher. Geister, edler Denker, seht ihr nicht, wie sie aus. der Nacht der Vergessenheit, in welche sie gesunken, ihre Hände aufheben gegen euch, gegen dieses weichliche, entnervte, Herz- und sittenlose Geschlecht und euch warnen, einzuhalten auf dem abschüssigen Wege, den ihr beschritten? Ihr. beklagt unseren Tod, wir aber wollen euer Leben. Ihr seid es, durch welche die Blüte unseres Judentums entblättert, durch die das Mark unserer Kraft vergiftet wird. Euer Werk ist es, das Werk eurer Schwäche, eurer Zaghaftigkeit, eurer Verderbtheit, daß seine Geschichte, die so groß' und so herrlich begonnen, so tief in Verfall geraten ist, daß sein Schrifttum, das solche Geistesschöpfungen hervorgebracht, verstaubt und vergessen daliegt, anstatt mitten in dem großen Blütenfrühling, den alle Wissenschaften und Künste in eurem Jahrhundert feiern, wieder aufzuerstehen zu neuem Leben, in neuer Kraft. Erschreckt ihr nicht am Tage eurer „Totenfeier" vor den Früchten, die euer Abfall von der Thora gezeitigt? Abfall? Kann man denn von der Lehre, die ein Baum des Lebens ist .für alle, die daran sich klammern, überhaupt abfallen? Kann ' man abfallen von dem Gotte, von dessen Herrlichkeit die Erde voll ist, und wem wollet ihr euch zuwenden, wenn ihr von ihm abfallet? Abfallen von dem. Gott eures geschichtlichen Lebens, eurer Stärke, eurem Mute, eurem Trost und eurer . Hoffnung? Verraten und verleugnen die Vergangenheit, die Vorfahren, die Mitbrüder, die Väter und die Mütter im Grabe, denen ihr eben eure Tränen nachgeweint, eine geschichtliche Vergangenheit von Jahrtausenden treulos und fahnenflüchtig verlassen? Was der harte Winter vor Jahrhunderten in unserer Geschichte nicht vermocht hat, das sollte dem Frühlingsodem einer neuen Epoche gelingen, was die Fessel nicht "erdrücken konnte, soll die Freiheit schmelzen und auflösen? Nein, das kann nicht deine Zukunft sein, Israel, das kann nicht die Erfüllung der großen weltgeschichtlichen.Ausgabe sein, die dir anvertraut worden aus Sinais Flammenhöhen. Ja gewiß, ihr seid fortgeschritten, ihr habt mehr erreicht, als wir, ja gewiß, es können die ungleichartigsten Meinungen und Ansichten in Sachen des Glaubens und der religiösen Auffassung miteinander bestehen, aber das eine, das heilig, ist und untrüglich, das muß allen heilig sein und unverlöschlich; in der Liebe zu ihrem Volke, in der Achtung vor ihrer Vergangenheit, in der Treue zu ihrer Geschichte und zu ihrem Schrifttum müssen 'sich alle einigen, Mann und Weib, Vater und Kind; denn es ist der Stamm, aus dem sie entsprossen find und es' ist der Felsaus dem sie gehauen sind. Wenn aber ihr und eure Kinder bei aller Achtung und. Ehrfurcht'und Liebe, die ihr uns, den Töten, bezeugt, die Geringschätzung , und Verachtung, die ihr : für unser Volk und dessen Geschichte im Herzen hegt, nicht verberget und verhehlt, und den Stamm,' aus dem "ihrentsprossen' seid, als einen zerfallenen und zertrümmerten mit Füßen trete und den geächteten und geschändeten Namen,, den ihr mit eurem Blute sühnen und weihen und heiligen, solltet, selbst dercVerachtung . und Schändung preisgebt, wenn ihr däs -Fremde ehrt und das' Eigene schmäht,^ wenn ihr nichts als Unrecht und Unfug aus der eigenem Seite und nichts als Edles und Großes auf der anderen erblicket, uud wenn ihr kein Hehl daraus macht, daß eure Feier für die Toten eben nichts anderes ist als ein Totenkültus, dann kann kein Frieden sein zwischen uns und euch, dann habt ihr das Band zerschnitten, das uns verbindet, dann rufen wir mit dem Propheten euch zu:- Wer verlangt denn von euch, daß ihr - meine Hallen zertretet^ wer verlangt eure eitlen Gaben; eure Neumonde und Festtage hasse ich und wenn ihr eure- Hände ausbreitet, wende, ich meinen Blick von euch, und wenn ihr noch so viel betet, so höre ich nicht daraus. Reinigt euch, läutert euch, schaffet alles Böse aus eurer Mitte, laßt ab von jeder Freveltat, übet das Gute, fördert das Recht, stehet den Armen bei, nehmt euch der Waisen und Witwen an, und höret aus mich, so werdet ihr das Glück des Lebens erben. Nur durch Gerechtigkeit wird Zion erlöst und seine Kinder nur durch die. Treue," Gewiß, auch unter uns gab es Laster und auch wir mangelten des Ruhmes, auch wir waren schwache, leicht verführte, leicht betrogene Meyschen, aber wenn wir einkehrten in das Haus unseres Gottes und in die Stätte seiner Lehre, da wurden wir uns wohl bewußt unserer großen Aufgabe, da erkannten wir unsere Fehler und Verirrungenda wendeten wir uns dem zu, was Israel stets das Höchste und Heiligste war, seiner Lehre. Sie war unseres Lebens tiefster Inhalt, in ihr forschten wir Tag und Nacht und aus ihr gewannen wir den süßen Trostdaß der Herr seine Liebe nicht versagen werde seinem Volke in Ewigkeit, , Und so haben wir euch erzogen! Ihr aber, wie erziehet ihr eure Kinder? Bedenket ihr nicht: wenn eure Kinder nicht wissen werden, warum sie Juden sind, so werden sie auch keine mehr sein, keine mehr sein wollen. Wissen ist Kraft, und Kraft , ist alles, gerade in euren Zeitkäufen. Denn mehr als je sind die Gemüter eurer. Zeit und die Geister von der Größe und Würde der Wissenschaft ergriffen; mehr als je wird die' große Kraft gefühlt, die ihrem ganzen Leben ausgedrückt ist. Das' Gemeine weicht immer mehr und weiter zurück als in unseren Tagen, das Edle tritt immer entschiedener an seine Stelle, und alles, was empfängliche Gemüter erheben kann, wird mit inniger Liebe und mit dem glücklichsten Erfolge gepflegt in euren Tagen. Rasch schreitet der Genius der Kultur durch euer Jahrhundert; täglich wächst sein Gebiet und erweitern sich seine Grenzen. Merke wohl, Hans Israel, auf unser Wort! Indem du säumst, entflieht die Zeit; versäume darum nichts, wozu dich die Stimme der Zeit, die Forderungen deiner großen Toten und die Ehre des Judentums aufrusen, achte wohl aus das Ziel und gelobe in dieser feierlichen Stunde die Treue für uns mit der Pflicht für deine Kinder, das Alte und das Neue, das Vergangene und das Künftige zu 'einem großen harmonischen Bunde zu vereinigen, in dem das uralte Judentum, seine ewige Geschichte und sein erhabenes Schrifttum wieder zu den hohen Ehren gelangen, die ihm von Gottes und der Kultur wegen in vollstem Maße zukommen! . Also sprachen die Toten, und was antworten darauf die Lebenden?.