Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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1 1 69. Jahrgang. No. 42. Berlin, 20. Oktober 1905. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpele». .. Begründet» von 7! Rabbiner &*• Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsaleqerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnoffe, Berlin. Die Tstm SN dir Lebkndm. Berlin, 18. Oktober. ^Uit einer Weisheit, die jede Kritik zu Schanden macht, hat das mosaische Gesetz das Schlußfest und das Fest der Thorafreude miteinander in Verbindung gebracht. Das erste Fest gilt den Toten, das zweite den Lebenden. Die Feier zürn Seelengedächtnis der Toten kann nur dann eine wahre und echte sein, wenn wir die Mahnungen im Leben beherzigen, die sie uns erteilt. Schon die Wurzel der hebräischen Bezeichnung für dieses Fest (Azereth) weist darauf hin; sie bedeutet: erhalten, sesthalten. Das Errungene und Erlebte fefthalten, das Erfahrene und Gewonnene erhalten, das soll uns die Feier für die Toten lehren und damit soll sie uns zum Fest der Thorafreude hinüberleiten. Die Feier der Toten soll ein Kultus des Lebens werden. Das ist im Geiste des Judentums. Unsere Toten sollen vor unserem Geiste auferstehen und sollen uns lehren und ermahnem . Aber wie? Wenn nun einer unserer großen Toten aus unsichtbarer Höhe aufuns herabsehen und zu uns sprechen könnte, würde seine Rede nicht also lauten: Haus Israel, höret meine Worte Und vernehmt die Mahnungen, die die Toten an die Lebenden richten! Ihr habt das Neujahrsfest und den Versöhnungstag in frommer Bewegung gefeiert; ihr habt das Laubhüttenfest an euch vorüberziehen sehen und nun habt ihr mit der innigen Pietät, die unserem Volke von jeher eigen war, auch unserer gedacht. Aber ist es euch auch in.diesen Feiertagen zum Bewußtsein gekommen, daß das Judentum keine Religion des Todes, sondern eine des Lebens ist, daß eure Totenfeier nur dann einen Sinn, einen Wert und eine Berechtigung hat, wenn sie euch zu neuem religiösen Leben erweckt? Und habt ihr euch auch wirklich überzeugt, daß nur das Festhalten an den Grundwahrheiten, für die wir gekämpft, gelitten und geblutet haben, allein euch das heilige Erbe erhalten kann, das wir in Treue, in Liebe und mit Begeisterung euch übergeben haben? Habt ihr es nach seiner vollen Bedeutung erfaßt, daß das Judentum vor allem auf der Thora, auf der Lehre beruht und habt ihr euch ferner klar gemacht, wie ihr selbst zu dieser Lehre steht? Ach, daß das Fest , euch auf alle diese Fragen eine ebenso klare wie beredte Antwort gäbe, wie sie notwendig ist, damit die Lehre wie das Leben wieder in dieselben innigen Beziehungen gelangen, die sie zu allen Zeiten gehabt haben. Merke wohl auf> Haus Israel, nicht das Volk ist reich, in dem es einzelne Familien von außerordentlichem Reichtum gibt, sondern das, wo in gleichmäßigem Wohlstand ein jeder besitzt, wessen er bedarf. Und was wir bedürfen, däs ist die Kenntnis unserer Lehre, unserer Geschichte, und unseres Schrifttums vor allem! Gewiß war das Leben Israels, noch bedeutender zur Zeit, wo es seine großen Patriarchen und Propheten und Rabbinen und Geisteshelden hervorbrachte. An euch liegt aber die Schuld, daß solche nicht mehr auserstehen . in Israel. Aber vielleicht, ja gewiß, dereinst, wenn der Ruhm der Bildung und des Wissens erst gleichmäßig unter die ganze Gemeinde Israels verteilt' sein wird, schießt wieder ein neuer Trieb empor und neue große Geister werden euch mit sich fortreißen in neue höhere Bahnen. Bis dahin aber wandte jeder von euch, fernen Weg, so wirh euch zuletzt alle dasselbe Ziel vereinigen. Merke wohl auf, Haus Israel, es ist euer, ideales.Teih das beste eurer Wesenheit, das ihr verloren habt im Getriebe des Lebens. Wohin ihr blicket, seht ihr nur noch Trümmer und Ruinen, aber in eurer Hand ruht der Zauberstab, der diese Trümmer und. Reste wieder zu einem schönen Ganzen zusammensügt; in eurer Macht und in eurem Willen - denn< , Willen ist Macht — liegt es, diese Knospen zu zeitigen, diese Anfänge neuen Lebens zur Vollendung zu führen. Wie dieser Zauberstab heißt, worin diese Macht liegt, ihr wißt es: sie heißt Bildung und Wissen. Ja gewiß, es sind Zeiten "des Verfalls und der Verderbnis, des Neides und der Zwietracht, der Gleichgültigkeit und der Kälte über euch gekommen, die es euch erschweren, euer Leben so zu gestalten, wie wir das unsrige gestaltet haben. Uns war die Lehre der große. Schätz, den kein Feind uns rauben konnte, uns war sie ja das höchste , Kleinod, das wir besaßen und ohne das wir nicht hätten bestehen können. Und wenn Not und Tod, Elend Und Verderben uns umdräute, einer ganzen Welt von Feinden gegenüber haben wir unsere Thora an jedem Sabbat hoch emporgehoben und jubelnd ausgerufen : Seht, ihr Völker, dies ist die Thora, dies das Wort, das Gott uns gegeben hat! Wir wollen es bewahren für und für, von Jahrtausend zu Jahrtausend, durch Feuer und Wasser, durch Not und Verderben über das ganze Erdenrund tragen. Uns war die Thora nach des Tages Mühen und Last, die uns wahrlich reicher zugemeffen waren als euch, die Freude und die Erholung, der Genuß und das Fest, und in Scharen strömten wir am Abend in das Lehrhaus, um aus dem Munde frommer Männer das Wort dieser Lehre zu vernehmen, um von ihnen eingeführt zu werden in die weiten Hallen unseres uralten Schrifttums. Wie verschieden auch unsere Lebenswege sich gestalteten, hier, vor dem Thron der Wissenschaft waren wir -alle gleich : Reich und Arm, Jung und Alt, Groß und Klein, ein jeglicher'.in der Gemeinde; der Reiche, der des Tages über Millionen gebot, und der, arme Wasserträger, der mühsam durch . das Leben keuchte, im Lehrhause 'reichten sie ' sich, brüderlich die