Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Behörden unserer Vaterstadt und für die Vorsteher, Beamten und Mit-, glieder der Gemeinde. Mit der Rezitation^ einer Anzahl Gesänge: nach altportugiesischeni Ritus endete die Feier.— Der Senior des hiesigen Vereins der freisinnigen Volkspartei Herr Jakob Nordheim,' Inhaber einer Weltfirma in Häuten, der Bruder von Markus Nordheim, welche das heute noch unter der Firma M. Nordheim u. Comp, bestehende Häutegeschäst, eines der größten der Branche, gründeten, feierte unter lebhafter Beteiligung seiner Parteigenossen seinen 80. Ge!' burtstag. kl. Kassel, 8. Oktober. Unser Landrabbiner Dr. Prager weilt nicht mehr unter den Lebenden! In Berlin, wohin er am 6. d. M. reiste, um eines Nierenleidens wegen Heilung zu' suchen, hauchte er seine reine Seele aus. Unser Schmerz istzu groß, dem Verklärten jetzt schon Worte des Nachrufes zu widmen, trauert doch um ihn nicht nur eine Großgemeinde, die Provinz Niederhessen, sondern auch ein großer Kreis von Freunden und Schülern. Wahrlich: es ist ein Edler in Israel gefallen. Have pia anima. (Tr. Jsak Prager, geboren im Jahre 1846. in Schlesien, besuchte das jüdischtheologische Seminar in Breslau und wurde nach beendigten Studien als Direktor des Lehrerseminars nach Hannover berufen, in welcher Stellung er bis 1885 verblieb. Dann kam er als Landesrabbiner nach Kassel. Er war ein ausgezeichneter Pädagog, ein bedeutender Kanzelredner und — was über allem ist — ein hochachtbarer und wahrhaft edler Charakter. Seine religiöse Richtung war eine konservative; er verstand es aber durch seine Würde und Güte, allen Richtungen zu imponieren. Mit ihm verliert der deutsche Rabbinerstand einen seiner besten Vertreter. Ehre seinem Andenken!) r. Aachen, 4. Oktober. Unsere Gemeinde seierte am 29. v. M. ein bedeutungsvolles Fest: die Einweihung der ihr von D. N. Marx, dem/ Vorsitzenden der Nepräsentantenversammlung, geschenkten Synagogenorgel. Bis dahin hatte sich die Gemeinde mit einer kleinen alten Orgel begnügen müssen, die zwar allenfalls zur Gesangsbegleitung ausreichte, aber natürlich nicht imstande war, religiösen Feierlichkeiten den erwünschten feierlichen Charakter zu verleihen, den ein voller Orgelklang hineinträgt. Dieser Mangel machte sich um so mehr fühlbar, seit der vor langen Jahren von Herrn D. N. Marx gegründete und geleitete gemischte Synagogenchor im Jahre 1901 reorganisiert wurde und immer mehr an Mitgliederzahl gewann. An die Beschaffung einer neuen Orgel konnte aber der hohen Kosten halber nicht gedacht werden; da bereitete Herr Marx, der vor drei Jahren zwar seines vorgerückten Alters halber den Dirigentenstab niederlegte und ihn Herrn Hirsch und jetzt Herrn Dublon überließ, aber dem Chor weiteres Interesse widmete, die Ueberraschung, eine Orgel zu schenken, und deren Bau sofort Herrn Stahlhut zu übertragen. Durch die Großherzigkeit des Herrn Marx ist die Synagoge, deren Türme er erst vor kurzem mit Kupfer eindecken ließ, nun um ein hervorragendes, wertvolles Kunstwerk reicher. Die Einweihungsfeier begann vor vollzählig versammelter Gemeinde abends mit dem Vortrag einer Phantasie und Fuge von Bach, in der die Klangfülle, Tonstärke und der Registerreichtum der Orgel zu ausgezeichneter Geltung gebracht wurden. Die den weiten Raum erfüllenden, majestätisch dahinrauschenden Tonwellen wirkten ergreifend aus Ohr und Herz. In dem angeschlossenen Largo von Händel traten mehr die zarten Stimmen in den Vordergrund, die vornehmlich die für religiöse Handlungen ^geeignete mystische Färbung besitzen. Dann sang der Chor unter Herrn Dublons Leitung einen von Herrn Marx komponierten Psalm, der sorgfältig einstudiert,von den Singenden mit sichtlicher Begeisterung vorgetragen wurde. Nun betrat Rabbiner Dr. Jaulus die Kanzel zu einer längeren Anrede, in der er des Weiteren erläuterte, wie alles Schöne und Edle zum Göttlichen führe; Musik und Gesang veredle das irn Getriebe der Welt verhärtete Herz. Die Rede machte auf alle Hörer einen tiefen Eindruck. Die Anwesenden lauschten nun dem vom Chore vorgetragenen, mit einem Vorspiel eingeleiteten und auf der Orgel begleiteten Hallelujah-Chor von Händel und dann begann der Gottesdienst zur Feier des Neujahrsfestes. c. Münster, im Oktober. Der 42. Bericht über die Marks- Hain dorfsche Stiftung zur Bildung von Elementarlehrern und Beförderung von Handwerken und Künsten unter den Juden, welche das hiesige jüdische Lehrerseminar erhält, ist soeben für die beiden letzten Jahre erschienen. Der Bericht enthält eine sehr interessante Arbeit des Seminardirigenten Dr. M. Spanier: „Aus den ersten Zeiten des Münsterschen Seminars (Die Seminarschule als Simultanschüle)". Die Anstalt hat in dieser Periode durch den Tod des Kurators Adolf Elias in Dortmund einen schmerzlichen Verlust erlitten. In der Zusammensetzung des Kuratoriums ist inzwischen eine Aenderung eingetreten; dasselbe ist nünmehr folgendermaßen zusammengesetzt aus den Herren: Rentner Jos. Stern- Münster, Präses, Justizrat Hertz-Münster, stellvertretender Präses, Bankier M. Katzenstein-Bielefeld, Fabrikant C. S. Lehmann-Köln, Bankier I. S. Hirschland-Essen, Kaufmann D. Leeser-Dortmund, Kuratoren, Bankier M. Hanf-Witten, Justizrat Hertz-Münster, Kaufmann I. Levison-Düsseldorf und Fabrikbesitzer P. W. Meyer- Aachen, stellvertretende Kuratoren. Die finanzielle Lage der Stiftung ist in der abgelaufenen Berichtsperiode im großen und ganzen dieselbe geblieben. Es ist vielen unserer Glaubensgenossen noch nicht bekannt, welch erhöhte Anforderungen an die Lehrerbildung nach den neuen Bestimmungen vom 1. Juni 1901 zum Segen unserer Schulen gestellt werden. Die Staatsbehörden haben den seither gewährten Staatszuschuß und der Oberpräsident von Westfalen und Rheinland die Erlaubnis zum Abhalten von Sammlungen gewährt. Stadtrat Dr. Weigert - Berlin sandte auf Wunsch seiner verstorbenen Frau Mathilde geb. Meyer, die stets eine edle hilfsbereite Förderin der Anstalt war, eine Gabe von 1200 M., von deren Zinsen der beste Turner einen Anzug und der beste Schüler im Deutschen eine Prämie erhalten soll. Der Kurator Herr I. S. Hirschland schenkte der Anstalt zwei neue Klaviere. Der Vorsitzende des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens, Herr S. Flörsheim, überwies namens des Verbandes den Betrag von 300 M. zum Zwecke der Errichtung einer Freistelle. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat auch in dieser Berichtsperiode würdige Schüler der Anstalt mit Stipendien bedacht, ebenso die B. H. Goldfchmidt'sche Stipendienstiftung in Frankfurt a. M. Der Besuch der Anstalt hat sich während der Berichtszeit nicht wesentlich geändert. Es betrug die Durchschnittsziffer der Seminarklassen 16 (Schuljahr 1905 19), der Elementarklassen 32, der Religionsklassen 24 Schüler. Auch in dieser Berichtsperiode haben sämtliche 6 Prüflinge das Examen bestanden. Neu ausgenommen wurden 8 Zöglinge. Die Einnahmen der Anstalt betrugen im letzten Jahre 27427,84 M., die Ausgaben 27 027,64 M. Bei dieser Finanzlage bedarf die segensreich wirkende Anstalt noch dringend der Unterstützung von Gemeinden und Privaten, vor allem in Westfalen und Rheinland. Möge ihr diese in reichem Maße zuteil, werden! 8. Bingen, 6. Oktober. Unsere neue Synagoge, über deren Einweihung ich Ihnen schon berichtet habe, ist nach den Plänen des als Synagogenerbauer weithin bekannten Architekten Herrn Baurat Professor Ludwig Levy in Karlsruhe erbaut. Der Stil ist ein einfach romanischer, die Fassade, ans weißem Vogesensandstein, hat in der Mitte eine spitze Tnrmkuppel und an den anschließenden Gemeindegebäuden tragen die Treppenhäuser Spitzverdachungen. In dem Mittelstück der Fassade ist das Eingangsportal mit großer Freitreppe. Ueber dem Portale befindet sich ein von Bildhauer Bauser-Karlsruhe kunstvoll ausgeführtes ornamentales Bild, die Gesetzestafeln von zwei sie schützenden Löwen darstellend. Der Tempel unffaßt 220 Männerplätze und ans den Emporen 180 Sitze für Frauen. Der Bau begann im Frühjahr 1903 und betragen die Kosten desselben 250 000 Mark. Für die prächtige Ausschmückung des Jnnenraums find von Gemeindemitgliedern, sowie von auswärts wohnenden Bingenern größere und kleinere Beträge gespendet. Daß die Stadt Bingen der Gemeinde ein Festgeschenk im Betrage von 6000 Mark überwies, welche für die Kosten der Otgel verwendet werden, habe ich Ihnen schon gemeldet. Durch diesen herrlichen Bau hat unsere hübsche Rheinstadt wieder eine neue prächtige Zierde erhalten. i. München, 4. Oktober. Seit kurzem haben wir hier auch ein jüdisches Altersheim. Am Rüsttage des Neujahrsfestes wurde das von der jüdischen Gemeinde seinerzeit für diesen Zweck erworbene Haus in der Kaulbachstraße 65 seiner Bestimmung, älteren Damen und Herren sowie Ehepaaren ein behagliches Heim zu schaffen, zugeführt. Die Anstalt ist ins Leben gerufen durch die Initiative des Rentiers Kronheimer in Melbourne, eines gebürtigen Bayern, sowie von den Relikten der in Paris verstorbenen Freifrau Klara v. Hirsch-Gereut,