Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228678--62090-3275947- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
■' 69. Jahrgang. M.. 41. ' Berlin, 18. Oktober 1905. Vellage zur „Allgemetnen Leitung deß Judentums". Rorrrkpündrn?rn und Mschrichtrn. Deutschland. 22 Berlitt, 8. Oktober. Wie verlautet, ist für das durch das Ableben Dr. Max Hirschs erledigte Berliner Landtagsmandat der Fabrikdirektor Dr. Hugo Gerschel (i. F. W. Hagelberg) von der Freisinnigen Volkspartei als Kandidat in Aussicht' genommen. — In einer Versammlung liberaler Wähler der ersten Abteilung im sechsten Gemeindewahlbezirk wurde gestern beschlossen, dem Stadtverordneten Sanitätsrat Dr. Neumann, der wegen seines Alters eine Wiederwahl ablehnt, durch eine Abordnung, der die Herren Stadtverordneter Plüschke, Moritz Mannheimer und Generalkonsul Eugen Landau angehören, den Dank der Wählerschaft für seine 47 jährige kommunale Tätigkeit auszusprechen. 22 Berlin, 8. Oktober. Im Reichenheimschen Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde (Weinbergsweg 13) wurden nach dem soeben veröffentlichten Bericht für das Berichtsjahr März 1904 bis März 1905 erzogen 75 Zöglinge (45 Knaben und 30 Mädchen); entlassen wurden 15 Zöglinge, von denen sich zwei Knaben und ein Mädchen einem Handwerk, sechs Knaben und ein Mädchen einem kaufmännischen Beruf widmen, zwei Mädchen die Hauswirtschaft erlernen. — Die Gesamtausgaben beliefen sich auf 53 576,31 Mark, die durch Zinsen eigener Fonds und einem Gemeindezuschuß von 25 835,96 Mark aufgebracht wurden. Für je einen Zögling betrugen die Gesamtausgaben für das Jahr 733,92 Mark, die Tagesverpflegung für den Kops 52 Pfennig. Die an der Anstalt bestehenden Stiftungen sind vermehrt worden durch die Alfred Benvenisti-Stiftüng,. Margot Berliner-Stiftung, Jda Feist (geb. Reichenheim)-Stiftung. Dem eisernen Fonds flössen zu aus dem Legat des Geheimen Sanitätsrat Dr. Adolf Abraham 3000 Mark, und aus dem der Ehrendame Frau Mathilde Berend 60000 Mark. Alle Zöglinge besuchen öffentliche Schulen, erhalten aber im Hause noch Unterricht in Gesang, Turnen und Handfertigkeit. Die Anstalt steht unter der Verwaltung eines Kuratoriums, dessen Vorsitzender Sanitütsrat Dr. Jülius Stern ist, und unter Leitung des Direktors Dr. Moritz Jutrosinski, der ihr seit Jahrzehrten seine unermüdliche Wirksamkeit widmet. Dr. Jutrosinski feiert am 12. d. M. seinen 80. Geburtstag. Wir dürfen deshalb wohl heute schon mitteilen, daß der greise Schulmann aus diesem Anlasse den Professortitel als wohlverdiente Anerkennung erhalten hat. §2 Berlin, 8. Oktober. Unter den Anzeigen dieser Nummer befindet sich eine Bekanntmachung über die unentgeltlichen Fortbildungskurse des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes für akademisch gebildete Lehrer der jüdischen Religion. Es ist geradezu unbegreiflich, daß diese Fortbildungskurse, welche ohne jede Frage einem tiefgefühlten, immer dringender hervortretenden Bedürfnis ihre Entstehung verdanken, nicht die regste Teilnahme finden. Man kann nur nnnehmen, daß sie noch nicht so bekannt sind, wie sie es verdienen. Und deshalb erscheint es als eine besondere Pflicht, die Aufmerksamkeit der beteiligten Kreise auf diese Institution zu lenken, die ins Leben gerufen zu haben der D. I. G. B. sich als ein besonderes Verdienst anrechnen darf. 22 Berlin, 10. Oktober. Beim Herannahen der kalten Jahreszeit macht sich in der von arbeitswilligen Glaubensgenossen voll besetzten jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee das Bedürfnis nach Kleidungsstücken sehr fühlbar geltend. Die zahlreichen Gönner des humanitären Unternehmens werden herzlich gebeten, durch eine an Herrn Inspektor Behrendt in Weißensee bei Berlin, Wörthstraße 20 schriftlich oder telephonisch (Amt Weißensee 192) zu richtende Aufforderung, die Abholung von gebrauchten Sachen gegen Bescheinigung gütigst veranlassen zu wollen. x. Gr. - Glogau, 8. Oktober. Am 1. d. M. ist hier im 65. Lebensjahre der Rentier Eduard Mamlok gestorben. Unsere Gemeinde verliert in ihm eins der intelligentesten Und tatkräftigsten Mitglieder, das stets ein lebhaftes Interesse für alle Angelegenheiten des Judentums an den Tag gelegt hat. Er gehörte seit Jahren dem Vorstand der Synägogengemeinde und zahlreicher Vereine an. Seine besondere Fürsorge widmete er dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur und der Gemeindebibliothek. Für diese beiden Institutionen arbeitete er mit unermüdlichem Fleiß und seltener Hingabe. So ist sein Tod für uns alle ein schwerer, ja unersetzlicher Verlust. Das Andenken des trefflichen Mannes aber wird sortleben in den Werken, die er geschaffen und gefördert hat! -- Bernstadt, 6. Oktober. Am 15. v. M. abends 6V4 Uhr fand in der hiesigen Synagoge die feierliche Einführung des neüernannten Predigers der Synagogengemeinde, Herrn Albert Wolfgang, statt. Der Vorsitzende des Vorstandes. Herr Kaufmann Bloch, hielt zunächst eine Ansprache, in welcher er hervorhob, daß der Herr Prediger besonders auf die Erziehung der Schüler auf religiösem Gebiete sein Augenmerk richten und ferner auf den Frieden der Gemeinde nach jeder Richtung hin einwirken möge. Prediger Wolfgang dankte sodann dem Herrn Vorredner für die an ihn gerichteten Worte und betonte, seine ganze Kraft einfetzen zu wollen, um die Gemeinde zum Glück und zum Heile zu führen. Hierauf begann der Gottesdienst, während dessen Herr Wolfgang die Antrittspredigt hielt. Die Feier gestaltete sich zu einer wahrhaft'erhebenden. Ls. Hamburg, 2. Oktober. Die Portugiesengemeinde beging am letzten Donnerstag zugleich mit dem Jubiläum des 50jährigen Bestehens der Synagoge in der Markusstraße die Jubel-, feier eines mehr denn 250jährigen Bestehens der Gemeinde. Die ältesten Spuren der Anwesenheit portugiesischer' Juden in Hamburg reichen in die siebziger Jahre des 16. Jahrhunderts zurück, doch wurde ihnen nicht gestattet, sich zu einer Gemeinde zu verbinden, noch ein eigenes Gotteshaus'zu errichten. ' Erst im Jahre 1627 wurde ihnen ein eigener Friedhof auf den Kohlhöfen überlassen, und im Jahre 1652 erfolgte dann die Zusammenfassung der bisherigen drei Vereinigungen zu einer Hauptgemeinde. Die Zentralstelle der Gemeinde wurde nach dem Altenwall verlegt und erhielt den Namen „Bet Israel", der noch bis heute der Portugiesengemeinde geblieben ist. Die Hauptsynägoge aus dem Altenwall hieß „Esnoga de Bet Israel" und zum Hauptrabbiner wurde David Cohen gewählt, der in der gelehrten Welt unter dem Namen „Cohen de Lara" als Autorität auf dem Gebiete her rabbinischen wie altklassischen Philologie bekannt war. Die Portugiesen waren damals die einzig anerkannte jüdische Gemeinde in Hamburg, deshalb blühte sie rasch auf, bis sie später von der deutsch-israelitischen Gemeinde weit überflügelt wurde. Die Synagoge am Altenwall wurde 1842 beim großen Brand ein Raub der Flammen und im September 1855 wurde die heutige Synagoge in der Markusstraße durch den Oberrabbiner Stern s. A. eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben. — Die am Donnerstag abend abgehaltene Jubelfeier hatte das Gotteshaus, das mit Teppichen und Kränzen geschmückt war, von einer andächtigen Menge dicht gefüllt. DiM deutsch-israelitische Gemeinde war durch die Vorsteher vertreten unddie Gemeindeinstitutionen hatten Delegierte zur Feier entsandt. Auch eine Anzahl Ehrengäste' aus den Nachbargemeinden waren anwesend. Der Festgottesdienst wurde nach dem Minchagebet mit einer Gedächtnisrede des Kultusbeamten Herrn Chumacsiw eingeleitet, der in ergreifender Weise der Verdienste der verewigten Vorsteher und Leiter der Gemeinde gedächte. Nach Rezitation der Psalmen 116, 117 und 118 hielt Herr Oberrabbiner M. Hirsch die Festrede. Anknüpfend an die Worte aus Deuteronomium Kap. 32, Vers 7 „Gedenke der Tage der Vorzeit und erwäge die Tage der vergangenen Geschlechter rc." gab der Festredner ein getreues Bild der Entwicklung der Gemeinde. Mit der Mahnung an die Jugend, den Beispielen der Vorfahren zu folgen und mit Gut und Blut für die Religion einzutreten, schloß die "wirksame Rede. Hierauf sprach der Oberrabbiner vor geöffneter Lade ein Gebet für das Wohl des Kaisers, des Senats und der