Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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welche das Grundkapital für diese Wohlfahrtseinrichtung stifteten. Durch freiwillige Spenden hiesigerund auswärtiger Glaubensgenossen ist ein Kapital von nahezu 300 000 Mark geschaffen worden, dessen Erträgnisse für die Pensionäre voll verwendet werden, so daß diese nur sehr mäßige pekuniäre Leistung trifft. Die Anstalt selbst ist vollständig für diese Zwecke umgebaut und mit den neuesten Verbesserungen auf allen Gebieten ausgestattet; im Erdgeschoß finden sich nebst den Wirtschaftsräumen. Aufzügen und Verwalterwohnimg die Empfangs-, Lese-, Und Rauchzimmer, während im ersten und zweiten Stock die behaglich eingerichteten Zimmer der Pensionäre sich befinden; eine hübsche, große Gartenanlage mit sauber gehaltenen Wegen steht den Bewohnern in der milden Jahreszeit zur Verfügung. Um das Zustandekommen der schon jetzt vollbesetzten Anstalt, welche unter eigener Stiftungsverwaltung steht und deren Satzungen die behördliche Anerkennung fanden, haben sich außer den genannten Stiftern auch die Herren Hermann und Oskar Tietz- Berlin, Kommerzienrat Berolzheimer-Nürnberg, ferner die hiesigen Herren Justizrat Ofner, die Rentiers Landauer,Nußbaum und Höchstädter, sowie viele andere Gemeindemitglieder verdient gemacht. Oesterreich-Ungarn. LH Wien, 8. Oktober. Unser Reichsrat ist wieder beisammen - und die „Hetz" geht los, wie der Wiener sagt. Schon in einer der ersten Sitzungen hat ein Christlich-sozialer einem sozialdemokratischen Abgeordneten einen „roten Saujuden" genannt. Wegen dieses wenig parlamentarischen Ausdrucks entstand auf'der Tribüne ein derartiger Radau, daß die Sitzung abgebrochen werden mußte. Das Intermezzo zeigt, was für ein Ton wieder im österreichischen Reichsrat eingerissen und was von seinen Verhandlungen zu erwarten ist. — Im 75. Lebensjahre ist hier der Eroßbankier Philipp Thorsch aus dem Leben geschieden. Mit dem Verblichenen sank ein hervorragender Repräsentant der österreichischen Bankwelt aus guter alter Zeit ins Grab. Nicht durch waghalsige Spekulationen und Parforcejagden nach dem Mammon tschüs er fein ungeheures Vermögen, sondern durch geschickte, bedächtige Ausnutzung der Konjunkturen, durch Solidität und Zuverlässigkeit. Der Verstorbene war - auch lange Jahre Mitglied des Kultusvorstandes und bewahrte dem Judentum warme Anhänglichkeit. — Der Kaiser hat den Präses des israelitischen Kultusrats in Czernowitz, Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Dr. Benno Strauch er, zum Mitgliede des Landesschulrates für die Bukowina auf die . restliche Dauer der lausenden Funktionsperiode ernannt. — JnLundenburg ist der Altbürgermeister Hermann v. Kuffner gestorben. Sein Heimgang ist ein herber Verlust für die Stadt und besonders für die jüdische Gemeinde, der er zahllose Wohltaten erwiesen hat. Von Msh und Drn. — Dem Privatdozenten für Mathematik an der Universität Berlin, Dr. Edmund Landau, ist der Profeffortitel verliehen wordene L., ein Sohn des bekannten Gynäkologen Professor L. Landau, der 1877 in Berlin geboren wurde, habilitierte sich 1901 an der hiesigen Universität.- - Der Hofspediteur Willibald Löwenthal ist zum Handelsrichter beim Landgericht I ernannt, der Rentier Oscar Berlin in gleicher Eigenschaft wiederernannt worden. — In Dresden wurde der ehemalige Direktor der Allgemeinen Versicherungsgesellschaft , L e h l e i t n e r , ein enragierter Antisemit, nach achttägiger Hauptverhandlung wegen Untreue zu einem Jahr acht Monaten Gefängnis und 2000 Mark Geldstrafe, -oder 200 Tagen Gefängnis, dazu drei Jahren Ehrverlust verurteilt. — In Pr.-Stargard ist der Kaufmann S. C. Bl umberg gestorben. Er hatte fast ein Vierteljahrhundert das Amt eines Armen-Bezirksvorstehers inue. In der Synagogengemeinde war er 22 Jahre Repräsentant und 16 Jahre Vorstandsmitglied. — Am 2. d. M. ist in Wollstein Herr Moritz Basch gestorben, der daselbst lange Jahre Mitglied des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung gewesen, ist. — Neue Synagogen wurden vor den Feiertagen eingeweiht in Briefen (Westpreußen), in Graben (Baden) und in Büdingen (Ostpreußen). — Aus Mülheim (Ruhr) wird der „Franks. Ztg." geschrieben: Als jüngst der Grundstein zu einer neuen Synagoge gelegt ward, beteiligten sich auch die drei ältesten Gemeindemitglieder. Davon zählte ei ner, Michael Hirsch, 102 Jahre, der zweite, Dr. Markus, 90 Jahre und der „jüngste" des Kleeblattes, M. Kann, immerhin schon 72 Jahre. — In Oldenburg ist im Alter von 79 Jahren der langjäh rige Synagogenvorsteher L. H. Weinberg gestorben. Mehr als 30 Jahre war er im Vorstande der jüdischen Gemeinde und im Landesgeme inderat tätig. Früher saß er auch jahrelang im Stadtrat und im Aufsichtsrat der Oldenburger Bank. — In München ist der königliche Regierungsdirektor Ritter v. Heule, ein um das bayrische Eisenbahnwesen verdienter Beamter, gestorben. — In Bamberg haben auf ein Gesuch der jüdischen Kultusgemeinde die beiden städtischen Kollegien der Einrichtung eines rituellen Frauenbades im Stadtbad ihre Genehmigung erteilt. — In Stuttgart wurde Landrichter Stern zum Landgerichtsrat ernannt. Es ist dies der. erste Israelit in Württemberg, der diese Rangstufe im. Justizdienst erreicht hat. — In Paris starb im Alter von 56 Jahren der. als Kunstfreund und Kunstkenner sehr geschätzte Herr Charles Ephrussi, Offizier der Ehrenlegion. Ephrussi, der ein sehr großes Vermögen hinterläßt, besaß prächtige Kunstsammlungen nnd betätigte sich auch als Kunstkritiker und Kunstschriftsteller. Seine Studie über Dürer gilt als ein Meisterwerk. Er war Herausgeber der „Gazette des beaux-arts". Besondere Verdienste erwarb sich Ephrussi durch die Förderung der Aufführungen der Werke Richard Wagners in Paris. — Der rumänische Generalkonsul Leopold L. Dreyfus in Paris ist in Florac (Departement Lozöre) zum Deputierten für die Kammer gewählt worden. — Erst auf ein Gesuch des Rektors der Moskauer Universität, des Fürsten Trubetzkoi, hat sich der russische Minister für Volksaufklärung entschlossen, den Universitäten die Ausnahme von Juden über den Prozentsatz hinaus zu gestatten. — Für die russischen Juden besteht unter anderem auch eine Beschränkung für den Erwerb von Wäldern, die außerhalb ihres Ansiedlungsrayons gelegen sind. In Anbetracht dessen, daß diese Beschränkung die Waldpreise nachteilig beeinflußt, ist im Ministerium des Inneren die Frage von der Aushebung dieser Beschränkung angeregt worden. — In Warschau wurde Joseph Ori m vom Kriegsgericht zur Todesstrafe verurteilt wegen Ermordung eines Kosaken. Selbst liberale deutsche Blätter nehmen keinen Anstand, dem Namen Orim das Wort „Israelit" hinzuzufügen. Das ist unrecht! — „Slowo" meldet: In Jekaterinoslaw erfolgte am Sonnabend vor der Synagoge ein Zusammenstoß zwischen betenden Juden und Polizisten. Aus beiden Seiten zählte man Verwundete. — In Kertsch hat der Prozeß über den antisemitischen Pogrom begonnen. Die Schuldigen, die Gestohlenes und Geraubtes kauften, wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. — Der Student M. O. Zysin aus Odessa trat in den Militärdienst im 59. Lnbliner Regiment als Freiwilliger erster Kategorie. Er zeichnete sich im Kriege, aus, und erhieltdas St. Georgenkreuz. — Aus Petersburg telegraphiert man,, daß man dort günstige Beschlüsse der Gouvernementsadministration über Wahl der Juden in die städtische Selbstverwaltung erhalten habe. — Im Dezember wird in Petersburg eine Versammlung von Rabbinern zusammenberusen werden. — Die jüdischen Studenten der Petersburger Universität sammeln Unterschriften zu einer Petition wegen Abschaffung der Prozentausnahme in der Universität. — Der Minister der Volksaufklärung empfing die Bevollmächtigten der Warschauer Juden, deren Kinder in den Mittelschulen nicht ausgenommen wurden; sie setzten ihm ihre schwere Lage auseinander. General Glasow nahm ihre Bittschrift entgegen und versprach, die Bitte der Bevollmächtigten zu erfüllen. — Der Eintritt jüdischer Aerzte in den. städtischen Dienst in Petersburg ist nun gestattet worden. In der vereinigten Sitzung der städifchen Uprawe(Magistrat) und der Vorsitzenden dervollziehenden Kommissionen wurde diese Frage ballotiert und der Beschluß fiel zugunsten der Juden aus. — Die Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland sollte gewisse Beschränkungen erfahren. Inzwischen hat sich heraus gestellt, daß das Ministerium nicht berechtigt sei, die Statuten der' Gesellschaft zu ändern. — Es zirkulieren Gerüchte, daß der Kiewer Millionär Löon Bro dsky seine Kandidatur als Mitglied der Gosudarstwenaja Duma in einem der Kreise des Kiewer Gouvernements; aujftefft..—Wie der „Krimmer Bote" mitteilt, soll die Gleichstellung der Juden, nach dex Ansicht des Taürischen Gouverneurs, zusammen mit der Durchsicht der Städte-