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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-13 · Heft 41 (13.10.1905) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
Seite 492 (sequence 12)
Language
German
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der Verurteilten nebenan in der Stratzelle^— und^.jeder.C gmg'sihm. durch die eLgenenMrven'dMjm'mar.Zs/SKHeVeUen' die blutigen Striemen, seinen^ eigenen Körper.. Er versuchte zwar wenigstens ein Stückchen „Joseph . in AegyPtw'^zÜ spielen^ daß er jedem der Brüder ^für die '25 Knütenhiebe ebenso viele Rubel heimlich in die Taschen stecken-ließ — er wollte dadurch sein Gebühren Noch womöglich zu' 'einer nobeln Tat stempeln — aber in seinem Innern wußte er es doch, daß es nichts anderes war als ein armseliger Knochen, den. man dem Hunde hinwirst, nachdem man ihm erst kurz vorher einen Fußtritt versetzt, — Nein, das Zerren und Reißen in seiner Brust ließ deshalb doch nicht nach — das Gewissen ließ sich nicht beschwichtigen! - Und seit damals — es sind bereits Jahre her — konnte er diese Gedanken nicht mehr los werden — die gellende und kreischende Stimme ließ sich nicht betäuben und das Peinigende und Quälende aus seinem Innern nicht vertreiben: Seine vornehme Frau wurde ihm zu einer Geißel, da er beständig an seine niedere Herkunft denken mußte; die Geburt seines Kindes wurde für ihn ein zweischneidiges Schwert, da sie ihm die Sünden seiner eigenen Jugend vor Augen führte; die Achtung seiner Mitmenschen wurde für ihn 'zu einer Quelle der Leiden, da er sich selbst als Betrüger und Heuchler anklagen mußte; die Schaffensfreudigkeit in feinem Berufe ging ihm ganz verloren, da jeder Angeklagte ihm zuzurufen schien: „Richter, richte dich selbst." Jeder konnte für sein Vergehen irgend einen Grund, eine Entschuldigung, irgend eine Veranlassung anführen; doch er —! Er hat seinen Gott verleugnet, das Glück seiner Familie vernichtet, Spott und Schande ap.f bas Haupt der Eltern geladen —! Warum? Aus Trotz, Eigensinn, aus verstocktem Herzen!;•! getrostest? Du, lachst mich noch aus? Ein Judenb enget bin ich? Das sollst du mit diesem schweren Stein büßen! - Sie beten schon das „Sch"ma-Jsroel"; nur nochdiesen einzigen — jetzt werde ich doch sicher — —! -Aber, so wartet doch — ich muß. doch. auch beten! Vater, Brüder, wartet doch — ich komme ja schon! Warum soll ich es nicht können? Ich bin ja doch eist-jüdisches Kind geblieben: „Schema Israel, adonaj elohenu, adonaj e—cho—o—d!" Kalter Schweiß bedeckte seine Stirn; ächzend und stöhnend zerrt er die große Bibel, die auf dem Tische lag, näher an sich heran — mit wahnsinniger Angst schlägt er die Blätter um — endlich — hier — hier ist es ja! „Gott, Du bist gerecht, und Dein Urteil ist gerecht!!" Noch ein kurzes Röcheln — dann Totenstille. Die Sterne der Nacht schauen in das Zimmer hinein, wo ein Menschenkind starr und steif daliegt. Dann flüstern sie leise: „Wir sind auch Fensterscheiben — Fensterscheiben im Himmel — durch welche der ewige Vater auf seine Geschöpfe niederblickt. Und wir brauchen keine Angst zu haben — uns kann keiner, zerschlagen — und wenn man auch noch so viele Steine nach uns wirst!" Als Sebastian einige Stunden späterhin das Zimmer trat, um feinen Herrn nach der Schlafstätte zu geleiten, erkannte, er bald, daß seine Hilfe hier nicht mehr verlangt wird.; sein Herr war bereits vom ewigen.Schlaf umfangen. Und als der Diener weiter hinsah, da bemerkte er, daß beide Zeigefinger des Entschlafenen auf die Stelle in der Bibel gepreßt waren: „Ehre Deinen Vater und Deine Mutter, damit Deine Tage verlängert werden auf dem Erdenreiche, welches der Herr, Dein Gott, Dir gibt!" Gewißvor den Augen der Menschen war er ein weiser, strenger und gerechter Richter, der, wenn auch mit zerrissenem Herzen; nach bestem Wissen und Können das' Urteil fällte. Ja, vor den Menschen! Einst aber wird er selbst vor dem höchsten Richter im Himmel erscheinen müssen!' Welches Urteil wird da über-ihn gefällt werden? Aber warum stürmten denn diese Gedanken gerade heute mit solcher Macht auf ihn ein? Warum erschütterten ihn diese Erinnerungen gerade heute so besonders tief? Ach ja — heute sind es gerade dreißig Jahre, daß es begonnen — daß er sein Schicksal in feine eigene Hand genommen —; heute war ja wieder Neujahr — der Jom-hasikoraun — der' Tag der Erinnerung, wo der Mensch sich seiner Taten erinnern soll und sie-bereuen, vor dem gerechten und allweisen Richter, der Herz und Nieren prüft und dem entsprechend das Los feiner Erdenkinder bestimmt! — _ . — — — — — Whizzz, Whizzz —!, Wie das wieder schaurig kalt hinein- Kbläst! Welch" scharfer Wind durch die zerbrochene Scheibe Meindringt! Hat er denn gar die Lampe ausgeblasen? Es ist doch alles so schwarz, so finster ringsherum. — — Er wird lieber Sebastian rufen, daß er ihn zu Bett bringt — — Oder nein, er wird sein Söhnchen küssen; das wird vielleicht hie peinigenden Erinnerungen verscheuchen — —I Mühselig suchte er sich aufzurichten; doch es gelang ihm nicht, feine Glieder waren steif, wie gelähmt. Und wie das' schmerzt — da tief innen — — das sticht und schneidet ja, als ob ein ganzer Haufen Glassplitter und -Scherben in feinem Herzen wären — und überall so dunkel, so düster und schwarz die Nacht! Ja, ja, die Glassplitter — — oder sind es spitze, haarscharf geschliffene Dolche? Oder sind es giftige Schlangenbisfe? Ach,' nein, es ist ja der Löse Wetterhahn mit seinem scharfen Schnabel — — Na, warte nur! Was? Wieder nicht Literarische Mitteilungen. — Poetisches Tagebuch. Von Livia. Men 1905. Moritz Waizner L Sohn. Es ist eine echt dichterische Natur, die sich in diesen formschönen und inhaltstiesen Versen ausspricht. Wenn man heute den Juden inniges und reines lyrisches Empfinden äbspricht, so könnten die Gedichte dieses poetischen Tagebuchs beredtes Zeugnis gegen diese Anklage ablegen. Hier rauscht der Quell reiner Lyrik voll und klar; hier ist Kraft, Adel, Grazie. verbunden mit melodischem Wohllaut und hoher,'rein menschlicher Gesinnung; kein phantastisches Träumen, sondern der Geist der Erkenntnis zieht durch diese, allem Edlen und Großen geweihten Blätter, aus denen tiefe Empfindungen aufsteigen, reine Gedanken, welche die Seele erheben, nicht erschrecken. Das tut wohl in einer Zeit, in der die Lyrik nur noch nach Sensationen hascht und von wüster Phantasie erfüllt ist. Es weht durch dieses poetische Tagebuch etwas wie frische Berglust; die Form der Lieder ist schlicht und innig, ost bilderfunkelnd und von einschmeichelndem Reiz. Livia ist eine edle Frauennatur . warum sollen wir es nicht verraten? Sie ist die Tochter des unvergeßlichen Dr. Ignatz Kur and a, Fräulein Olivia Kuranda in Wien. Und wie sie in allem Edlen und Guten, in der Begeisterung für die Freiheit und den Fortschritt ihres Vaters rechte Tochter ist, so auch in der Liebe zu dem Glauben der Väter. Die Gedichte „Ahasver", „Auch ein Passionsweg", „Der Kirchenräub zu Kasan" und . andere sind dessen, ein Zeugnis. Das poetische Tagebuch ist dem Andenken des geliebten Vaters geweiht, das die Dichterin hoch in Ehren hält. Sein- Erdenwallen ist ihr „der Traum der schönsten.Sommernacht" und überallhin begleitet sie die Erinnerung an den Heißgeliebten.- Auchdiesen Zug möchten wir nicht missen in. dem Bilde einer lyrischen Individualität, die uns aus so vielen Gründen sympathisch anspricht. s. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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