Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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die Läuterung des Gottesdienstes geführt haben, daß der Kampf sich wesentlich gedreht hat um „Jekarn purkan“ um ein bestimmtes Gebet, welches am Sonnabend gesprochen wird in aramäischer Sprache; aramäisch beiläufig, wie wir deutsch.sprechen, weil es die Landessprache gewesen. Es war ein heftiger Streit — bis zu großen Prozessen ist es darum gekommen — daß das Gebet abgeschafft werden sollte. Was wird darin gebetet? Für die Gesundheit, das lange Leben, das behagliche Dasein, den Kindersegen usw. des Exilarchen, also des Oberhauptes des Exils, und des Vorstehers der Schule in Babylon. Nun verehrte Anwesende, gibt es seit Jahrhunderten keinen Exilarchen mehr und keinen Vorsteher des Hochschulkollegiums mehr. Und dennoch soll für sie gebetet werden! Und dennoch ist dieses Gebet in Sachs' Gebetbuch noch enthalten, darin abgedruckt, aber nicht übersetzt. Die Synode'hat ferner beschlossen, es, sollten diejenigen Gebete, welche von der Rückkehr nach Palästina und der Wiederherstellung der Opfer handeln, abgeschafft werden. Das erste beten wir nicht mit dem Herzen; die wenigsten wollen nach Palästina zurückkehren. Das zweite ist schlimmer. Wenn es uns nun vergönnt wäre, daß wir heute die Opfer wiederherstellen könnten, daß wir einen Tempel hätten, dann würden wir sie nicht haben wollen, dann würden wir sie nicht haben können, dann würden wir sagen: Schon Rabbi Jochanan den Sakkai sagte: „Liebe wollen wir, nicht Opfer." Ein Mann aus der Neu-Orthodoxie, mit dem ich als Repräsentant der hiesigen Gemeinde bei der Wiederbesetzung eines Rabbinerpostens zu korrespondieren hatte, antwortete mir, als ich ihn fragte, wie er zu dieser Verordnung der Synode stehe, er sei der Meinung, daß wir diese Gebete beibehalten müßten. Auf die weiter erfolgende Frage, ob er denn wirklich die Wiederherstellung der Opfer wünsche, bejahte er dies; denn er sei ja überzeugt davon, daß die Leute, welche früher die Opfer dargebracht haben, tief religiös gewesen seien und tief religiös davon ergriffen worden seien; warum sollten wir dies nicht auch? — Verehrte Anwesende! Das Lallen eines Kindes ist schön und lieblich, bald drollig und bald ergreifend. Das Lallen eines Kindes ist immer schön. Wenn aber ein zwanzigjähriger Mensch lallt wie ein Kind, dann ist es ein Unglück. Was in einer vergangenen Zeit einmal religiöse Gefühle erweckt hat, das erweckt sie darum heute noch nicht. Was vor irgend einer Zeit einmal die angemessene Form, sei es des Gottesdienstes, sei es des religiösen Bewußtseins, gewesen ist, das ist es heute nicht mehr. Lassen wir es daran genügen. Ich könnte der Beispiele noch viele ansühren, welche uns alle' diese Pflicht der Kritik nahelegen. Dem Kleinen begegnet auch zuweilen das, was den Großen begegnet ist, denn wir lernen ja von ihnen. Ich kann wirklich mit dem Propheten Jeremias sagen: Ich dachte, ich will es nicht mehr erwähnen, ich. will nidjt mehr davon reden, aber wie ein Feuer brennt es mir im Herzen. Ich kann es nicht halten, ich ertrage es nicht. Darum habe ich von der Notwendigkeit dieser Kritik, von der Aufgabe, die vor uns steht, um unsere Religion in ihrer Läuterung, in ihrer Herrlichkeit zu haben, gesprochen. Um Zions willen, um der Herrlichkeit der Religion willen kann ich nicht schweigen, auf daß in Ihnen allen das Wort des Jesaias zur Erkenntnis käme: rum nösn nin^ pn mm mm „Das ist die Grundwahrheit Deiner Geschichte, die Sicherheit des Sieges der Weisheit und der Erkenntnis.". Um Tage der Erinnerung. Von Samuel Gordon. III. *^1 ber eigentümlich war es doch, daß sich der Richter diese Frage so oft vorlegen mußte — in stiller, einsamer Nacht und auch im hellen Glanze feiner täglichen, vornehmen Umgebung — ohne aber eine richtige, befriedigende Antwort zu erhalten. Und eines Tages glaubte er sie doch erlangt zu haben. Sie kam zu ihm in Gestalt zweier Männer, unsauber gekleidet, borstenhaarig, durch den Geruch der Armut schon von großer Weite als Ghettojuden erkennbar. — Er wußte sofort, daß er jetzt „Josef in Aegypten" hätte aufführen können — denn er erkannte die Männer sogleich: es waren seine älteren Brüder. „Warum wir geschmuggelt?" jammerten sie, bei dem strengen Verhör, dem er sie unterwarf, „weil unser Vater auf dem Totenbett lag und unsere Mutter darben mußte; wir hatten nichts im Hause um ihren Hunger zu stillen, um seine Schmerzen zu lindern. Wir riskierten Leib und Leben, um unsere Kindespflicht zu erfüllen, um unsere Mutter zu sättigen, um unserem Vater den Todeskampf zu erleichtern." Er fühlte einen Stich im Herzen. So war er jetzt tot, der strenge, ernste Mann, den er einst Vater genannt. Und diese hier waren seine Brüder — lebendige Typen von dem, was auch er geworden wäre — hätte er nicht damals — die Scheibe zerschlagen. Aber es war gut so — — Er war doch anders als diese beiden hier; da standen sie, unsauber, struppig, arm, die „Leben und Freiheit wagen mußten" um ein Stück Brot zu verdienen —; er hingegen reich, vornehm, gebildet, angesehen, als pflichttreuer Richter bekannt, dem das höchste Vertrauen entgegengebracht wurde. — — Ja, wirklich angesehen? War er wirklich ein Hüter des Gesetzes? Hat er auch das vornehmste Gesetz, welches Natur und Religion gegen die Erzeuger, gegen die Hüter und Pfleger der Jugend aufgestellt, getreulich beobachtet? Und wer steht wohl höher im Ansehen aller rechtlich Denkenden, jene simplen Menschen, die Leib und Leben in die Schanze geschlagen, um ihre Kindespflicht zu betätigen; sie oder er, der die Bande der Natur herzlos und grausam entzweigerissen und jetzt noch sein eigen Fleisch und Blut mit einem unverdienten Haß verfolgt? Wer hat wohl seinen Lebenszweck redlicher und ehrlicher erfüllt? Jene, die um einer großen, heiligen Sache eine kleine Unredlichkeit begangen, die sie aber durch ihre Strafe abbüßen wollten — oder er, der sein ganzes Dasein auf Trug und Falschheit ausgebaut und sich in seinem genußreichen Wohlleben als schein-D heiliger Tugendwächter gebärdet?? — 1 Doch wozu all diese Grübeleien —? Die Vergangenheit ist tot, und er muß für die Gegenwart leben. Hier steht er, fest auf seinem Posten, unerschütterlich und pflichttreu, um die Rechte der Menschheit zu wahren, und jede Uebertretung muß nach Gebühr geahndet werden. — „Das Recht der Menschen!" Wirklich? Muß jede Verletzung geahndet werden? Nun, Herr Richter, gilt dieser Grundsatz nur bei den Gesetzen des Staates und nicht auch bei den ewigen Naturgesetzen, die der All-Schöpfer jedem Menschen ins Herz geschrieben?-Ist Nicht Ehrfurcht, Dank und Liebe zu den Eltern auch der grundlegende Gedanke der staatlichen Gesetzgebung? Er vernahm jetzt das Sausen und Klatschen der Peitsche auf dem nackten Rücken feiner Brüder, er hörte das Jammern und Winseln