Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-13 · Heft 41 (13.10.1905) · p. Seite 490

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
Seite 490 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228678--62087-3275944
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

müssen, immer aus edler Absicht' hervorgegangen: ist. Nichts finden wir bei all denen hon Herrschsucht, von hierarchisch^ Gelüstennur eine falsche Richtung des .Geistes, welche in starrer Tradition allein das Heil gesehen hat. Unterscheiden müssen wir aber zwischen der Rechtfertigung der Person, also dessen, der zu seiner etwas ausgesprochen hat, und der Berechtigung der Sache desselben. Was zu seiner Zeit vernünftig gewesen sein kann, ist es noch lange nicht für eine spätere Zeit. Um so mehr, als der zweite Punkt — einer der Hauptfehler dieser traditionellen Richtung — darin besteht: alle werden gleich geschätzt, und alles wird gleich geschätzt. Früh schon hat das Uebel angefangen, daß man aus Pietät gegen die heilige Schrift den Gedanken ausgesprochen hat: jeder Satz in der heiligen Schrift, und wenn es nur heißt: „sein Kebsweib hieß Keturah", ist ebensoviel wie eins der zehn Gebote. Das eben war ein unglückseliger Gedanke, und ebenso die Gleichschätzung der beiden. Einer der tiefsten Gedanken des Talmud ist es, wenn es heißt: „Der Tempel ist zerstört worden, weil man in jener Zeit die Großen und die Kleinen, die Edlen und die Niedrigen gleich geachtet hat." Wir sollen nicht alles gleich achten, wir sollen unterscheiden zwischen dem, was dauernd ist, und dem, was vielleicht einmal Weisheit war zu seiner Zeit, es darum aber noch nicht immer ist. Ein weiterer Gedanke: immer die Meinung jedes Früheren war die höhere. Daher stammt der Ausspruch: Wenn die Früheren wie Engel waren, dann sind wir wie die Menschen; wenn die Früheren wie Menschen waren, dann sind wir wie Esel. Nicht alle Früheren waren gleich, nicht immer sind die Früheren auch die Besseren, obwohl wir im ganz speziellen Falle hier ausdrücklich sagen müßten: von einer bestimmten Epoche an finden wir die größere Weisheit nach rückwärts. Aber das gilt keineswegs allgemein. Jeder einzelne Mann, jeder einzelne Satz muß geprüft werden. Der Witz, der harte Witz, welcher sagt: „O, es ist ganz richtig, wenn die Früheren Engel waren, dann sind wir nur Menschen; wenn die Früheren aber Menschen waren, dann sind wir Esel — daß wir ihnen folgen," dieser Witz stammt nicht von mir, er stammt auch nicht aus den Kreisen, die man etwa die aufgeklärten nennen kann; es ist ein Witz des Bet Hamidrasch; daher stammt er. Man hat auch da das Drückende, Unzutreffende aller Gleichstellung dessen, was überliefert ist. sehr wohl erkannt. So wie man früher schon einmal — im Grunde genommen geht jede Reformation auf eine frühere Zeit zurück — um ein ganzes Jahrtausend beinahe zurückgegangen war und an die Zeiten der Joschijahu, an die Richter angeknüpft hat, in der wahrscheinlich gegründeten Meinung, daß in der dazwischen liegenden Zeit das Gesetz, z. B. bezüglich des Pessachfestes, nicht so gehalten worden sei wie es sollte, so werden wir einmal znrückgehen müssen auf jene Zeiten, des Talmud, in welchen die ersten großen talmudischen Gedanken Mgeschaffen worden sind, und werden sie aussondern müssen von Uden übrigen. Ueberall, wo der Gegensatz ist in den Köpfen, werden wir uns auf die eine Seite stellen müssen, wo das Licht ist, und die andere Seite zurückdrängen, wo das Düsternis und die Finsternis sich gebildet hat. Wenn man bedenkt, daß im Talmud alle religiösen Gedanken zu finden sind, welche die erhabensten Anschauungen für den menschlichen Geist, das Tiefste und Ergreifendste für das menschliche Gemüt umfassen, wenn man bedenkt, daß auf Grund der Bibel durch die talmudischen Gedanken eine unendlich erhabene Religion, eine absolut geläuterte Religion zusammenzustellen ist, über welche der menschliche Geist sich nichts höheres denken kann: dann begreifen Sie, daß es eine Pfiicht ist, eine solche Arbeit an dem Talmud endlich zu vollziehen. Die^ letzten Zeiten haben etwas in bezug auf die Geschichte, auf die Wissenschaft des Judentums getan, wir haben die. Quellen; erforscht. und sie dargestellt. Die wahre Wissenschaft.des Judentums ist aber noch nicht da, bis wir wissen, was Judentum ist. Und wir wissen es nicht. Wir folgen dumpf einer Tradition, und wenn sie uns zu schwer wird, werfen wir.sie ab.. Es ist.damit geschehen.-:das klassische Volk des Gesetzes ist das Volk der Gesetzlosigkeit geworden. Niemand unter uns weiß heute, was ist wahrhaftes Judentum. Das wahrhafte.Judentum ist.das Judentum der Propheten, erläutert durch den Talmud. Aber es muß.eben aufgesucht, es muß mit den Mitteln der Kritik festgestellt werden. Man fragt zuweilen, ob wir das Recht der Kritik haben. Recht! Von Recht ist gar nicht die Rede: ob wir die Pflicht der Kritik haben. Lassen Sie mich Ihnen ein paar Worte des leider so früh verstorbenen Dr. Joel vorlesen. Die „Zeitung des Judentums" vom 4. Dezember 1890 hat eine Rede desselben gebracht, da heißt es: „Auch diejenigen können aus den Makkabäerzeiten lernen,, welche sich selbst stark dünken, wie die Makkabäer, welche im Alleinbesitz der Religion zu fein vermeinen, weil sie in ihr nicht unterscheiden, was wirklich zu ihr gehört, und was nur der Mangel an Verständnis des Religiösen zu ihr rechnet." An einer späteren Stelle: „Heißt es nicht von der Gotteslehre : Beobachtet sie und übt sie aus, denn sie ist Eure Weisheit und Eure Einsicht in den Augen der Völker, welche hören werden von all diesen Vorschriften und sprechen: Ja, eine weise und verständige Gesamtheit, ist diese große Gemeinschaft. Haben wir nach diesen Worten das Recht zu sprechen : Was kümmerts uns, was andere von uns denken? Müssen wir uns nicht bestreben, das Edle auch edel zu zeigen; zu zeigen, wie unsere Lehre keinem wahrhaft Guten und Verständigen,. das die Zeit gebiert,, hinderlich in den Weg tritt, wie keine Bildungsstufe ihr zu hoch, daß sie nicht hinanklimmen könnte, kein Licht ihr zu grell, daß sie darunter litte? Oder glaubt einer wirklich der Religion zu nützen, indem er sie als unvereinbar darstellt mit den Fortschritten der Wissenschaft oder mit den Ansprüchen eines geläuterten Geschmacks?" Es ist mir nicht gestattet, Ihre Aufmerksamkeit noch länger zu fesseln. Ich will mit einem einzigen Gedanken nur noch schließen. Vieles gibt es in der überlieferten Satzung, was sich ganz von selbst deshalb überlebt hat, weil die historischen Verhältnisse, weil die natürlichen Dinge, die sozialen Umstände sich geändert haben, vieles so einfach, so klar zutage liegend. Es handelt sich um Dinge, die es damals gar nicht gab, die kein Mensch kannte, die dann nur eine dumpfe Tradition späterer, unglückseliger Zeiten angenommen hat. Die Augsburger Synode hat beschlossen, daß man an Sabbat- und Feiertagen zu dem Gottesdienst fahren könne, besonders wenn es einem zu gehen schwer wird. Es würde nicht schwer fallen. Ihnen zu zeigen, daß es gar keine Vorschrift, nicht einmal eine alte Tradition gibt, daß man am Sonnabend nicht fahren soll, daß'dies gar keinen gesetzlichen Grund hat, aus einer Zeit stammt, wo noch niemand gefahren ist, als auf dem Kriegswagen und auf dem Lastwagen. Von einem Fahren, um sich den Weg zu erleichtern, war absolut nicht die Rede, auch bei keinem Griechen, keinem Römer, im ganzen Mittelalter nicht. Ausfahren als Spazierenfahren, oder um sich die Mühe des Weges zu erleichtern, gab es gar nicht. Und ist das nicht ein sehr einfacher Gedanke: eine Stunde Weges lausen ist eine Arbeit, eine Stunde fahren ein Vergnügen? Weil es heißt: „du sollst nicht arbeiten", darf man nicht fahren! Hat es viel, genützt, daß die Synode das vorgeschlagen hat? Ich muß noch eines Punktes gedenken — Sie müssen mir noch eine Minute dafür gewähren — um zu zeigen wie es geht, wenn die absolute Tradition aufrecht erhalten wird. 'Wir in unserem Alter wissen von denjenigen Leuten, welche denKampf um

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.