Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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einer/jüdischen -h öheren Lehranstakt. Wer 'sich über die wirklichen Zähtenverhältnisse der jüdischen Lehrer und Schüler an den höheren Unterrichtsanstalten Preußens oder' Berlins unterrichten will, wird sich hüten müssen» aus dieser unlautern Quelle zu schöpfen. Auf p. 194 -199 des eben erschienenen 17.'Jahrgangs des statistischen Jahrbuchs deutscher Juden, das im Aufträge des D. I. G. B. vom Bureau für Statistik der Juden heräusgegeben worden ist, findet man das ganze einschlägige Material. Dort lesen wir, daß unter 6947 im Königrich Preußen an höheren Lehranstalten eingestellte Lehrer sich 86 Juden— 1,24 Prozent befinden. Im Stadtkreis Berliusind an staatlichen und. städtischen höheren Lehranstalten angestellt 672-Lehrer darunter 43 Juden, d. h. 6,4 Prozent. Da schon im Jahre 1900 der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung Berlins 4.38 Prozent betrug und im Sommerhalbjahr 1901 nach dem im 16. Jahrgang des statistischen Jahrbuches p. 163 veröffentlichten, aus amtlichen Quellen entnommenen Zahlen der Prozentsatz der die neunstufigen höheren Lehranstalten Berlins besuchenden jüdischen Schüler 22 war. — die Zahl der jüdischen Realschüler Berlins ist mir augenblicklich nicht bekannt, — wird kein verständiger und vorurteilsfreier Mann denAnte.il „des jüdischen Elements am Lehrkörper" als zu hoch und auffällig bezeichnen dürfen. - r. Herr Dr. Paul Nathan hat im Namen des H i l f s - Vereins der Deutschen Juden das nachfolgende inhaltlich sehr bedeutsame Schreiben an Israel Zangwill gerichtet: Hochgeehrter Herr Zangwill! Der geschäftsführende Ausschuß des Hilssvereins der Deutschen Juden war am 17. September 1905 zu einer Sitzung Zusammengetreten unter dem Borsiß des Herrn James Simon. Ich legte dem Ausschuß gemäß unserer Verabredung Ihre Anschauungen über die Frage der Beschaffung eines Territoriums zwecks Besiedlung mit jüdischen Auswanderern aus dem östlichen Europa dar. Sie hoffen in erster Reihe von der britischen Regierung geeignete Ländereien zu erhalten, ohne daß'Sie Verhandlungen mit anderen Staaten ausschließen. Sie wollen, daß das-zu erwerbende Territorium gesund gelegen sei und sowohl die Möglichkeit für eine landwirtschaftliche wie für eine industrielle Entwicklung gewährt, und Sie erstreben für die neue Ansiedlung ein gewisses der Individualität jüdischer Kolonisten angepaßtes Maß freier Selbstverwaltung unter staatlicher Aufsicht und Oberhoheit jenes Reiches, von dem das Gebiet übernommen wurde. Die Schwierigkeiten, die der Verwirklichung eines solchen Planes entgegenstehen, sind zweifellos große, daß sie aber unüberwindlich sind, kann nach meinem Dafürhalten nicht erwiesen werden. Mit der gebotenen Vorsicht und Sachkunde in Angriff genommen und aus kleineren Anfängen folgerichtig entwickelt, liegt ein Gelingen durchaus im Bereiche der Möglichkeit. Unter diesen Voraussetzungen aber verdienen Ihre Bestrebungen, wie mir scheint, die aufrichtigen Sympathien aller jener, die helfen wollen, um die völlig unerträgliche Lage.unserer Glaubensgenossen in Rußland zu lindern. Millionen Juden sind in den westlichen ' Grenzgebieten des russischen Reiches durch gesetzgeberische Maßregeln zwangsweise zusammengepfercht. Diesen Massen ist fast jegliche. Möglichkeit genommen, sich wirtschaftlich aus dem tiefsten Elende empor zu arbeiten und jede neue Kindergenerationsteigert.,, die allgemeine Armut, weil die karge Arbeitsgelegenheit, die den Erwachsenen kaum erlaubt, das Leben zu fristen, durch die Heranwachsenden Arbeitsfähigen noch weiter geschmälert wird. Auswanderung, Hunger, Krankheit und an einzelnen Orten Jndenmaffakres, die seitens der planmäßig mißleiteten Volksmasse stattfinden, schaffen in gewissem Umfange immer wieder, einigen Raum. Ein solcher grauenerregender wirtschaftlicher und politischer Notstand lähmt oder verlangsamt zugleich die intellektuelle Entwicklung der betroffenen Volksmaffen. . . Es ist nicht meine Ansicht, daß durch Auswanderung, diesen traurigen Zuständen endgültig gesteuert werden kann. Millionen eine neue Heimat zuzuweisen, wird eine Unmöglichkeit bleiben. Das ) i Schicksal der Masse der russischen Juden ist unlösbar. mit dem Schickall des russischen Volkes -verknüpft. Das ist auch die Ansichtder vörausschauenden Juden in Rußland. Nur gemeinsam mit allen russischen Untertanen, deren Leiden zum Teil eben so große und meist, nur etwas mildere sind, kann auch, für die Inden, eine bessereZukunft Heraufziehen. . Allein, da ein Bruchteil der jüdischen Bevölkerung Rußlands und anderer östlicher Länder alljährlich in jedem Falle auswandert, so ist es von hohem Werte, daß die Möglichkeiten vervielfältigt werden, die diesen Elementen geboten werden können, um . sich eine neue Heimat zu gründen. Eine Kolonie kann nur gedeihen, wenn das Klima und die Bodenverhältnisse die. nötige Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung darbieten, aber eine Kolonie, bei der diese Grundlagen, gegeben sind, wird um so. schneller emporblühen, wenn auch die Menschen, die sie zu bevölkern bestimmt sind, mit gesteigerter Arbeitsfreudigkeit und mit einer gewissen idealen Hingabe sich ihrer neuen Aufgabe widmen. Bei den Stimmungen und Empfindungen aber, die einen großen Teil der Juden in Rußland beherrschen, wird eine solche Arbeitsfrendigkeit und solche Hingabe vor allem dadurch geweckt werden können, daß die kolonialen Einrichtungen den religiösen Bedürfnissen der Bewohner besonders Rechnung tragen, wie es geschehen kann, wenn die Kolonie unter der Oberhoheit einer Großmacht doch zugleich ein verständiges Maß freier Selbstverwaltung genießt. Bedrückungen, die sich aus religiösen Gegensätzen ergaben, haben häufig genug den Anlaß gegeben zur Auswanderung und zu kolonisatorischer Tätigkeit, und starkes religiöses Empfinden befähigte die Kolonisten in der neuen Heimat, die Drangsale der ersten Zeiten standhaft zu überwinden und guszuharren. Die Geschichte der Vereinigten Staaten liefert nicht das einzige, aber das gewaltigste Beispiel hierfür. Daß Sie das ideale Streben unserer russischen Glaubensgenossen nach einer gewissen Autonomie', wie sie auf jungfräulichem Böden zu erreichen ist, nicht unberücksichtigt ließen, ist gewiß berechtigt, und es erscheint mir als Verdienst, daß- Sie dieses, aus den russischen Verhältnissen heraus zu erklärende Streben auf reale Ziele hinzulenken suchen. ' Nachdem ich diese meine Gesichtspunkte, dem geschästsführenden Ausschuß des Hilfsvereins der Deutschen Juden entwickelt hatte, wurde ich beauftragt. Ihnen, sehr geehrter Herr Zangwill, gegenüber das Folgende im Namen des Hilfsvereins der Deutschen Juden zum Ausdruck zu bringen: „Ohne zu-den Meinungsverschiedenheiten, welche den unmittelbaren Anlaß zur Inangriffnahme Ihres Projektes gebildet haben, Stellung zu nehmen, begrüßt der „Hilfsverein der Deutschen Juden" Ihre Bestrebungen, wie jedes gesunde im Dienste des russischen Hilfswerkes stehende Unternehmen mit warmer Sympathie und er ist bereit, im Bereiche seines Leistungsvermögens Ihre Bestrebungen zu fördern." ... Ich erlaube mir. Ihnen diesen Beschluß zu übermitteln und ich verbleibe in größter Hochachtung Ihr ganz ergebener (gez.) Dr. Paul Nathan. $ Vielfach ist die Frage aufgeworfen worden, welche Stellung die Juden in Ungarn in der gegenwärtigen Krisis einnehmen. Darauf kann nur aus genauer Kenntnis der Verhältnisse geantwortet werden, daß .sich die Juden) die einen regen Anteil an der Politik nehmen, beinahe in sämtlichen Parteilagern, in der liberalen, demokratischen Gruppe, in der Unabhängigkeitspartei, in der Partei der Achtundvierziger, bei den Dissidenten, in der Banfsy-Gruppe usw. befinden, am meisten aber bei der liberalen Partei unter Stefan Tisza. Der Einfluß der Juden auf das politische Leben Ungarns beruht auf einem stillschweigenden Pakt. Die ungarischem Regierungen zur Zeit der nationalem Renaissance des Landes hatten für die nationale Gefahr, die von seiten der überwiegend deutsch erzogenen Juden drohte, Verständnis.. Ohne Hilfe der Juden hatte ein Kampf Mit dem alten Element keine Aussicht auf Erfolg - man mußte also die gegen 800 000 Köpfe, d. h. beinahe fünf Prozent zählende jüdische Bevölkerung assimilieren