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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-13 · Heft 41 (13.10.1905) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
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hingewi'esen worden, daß die Leitung der Lrebestätigkeit in der Ge-? meinde früher in beachtenswerter Weise mit demKultus in innigste Verbindung gesetzt wurde. „Dort, wo man himmlische Gaben ' empfing, empfing man auch die irdischem, und dort, wo man fich - verpflichtete) Seele und Leib MM tebend.igencOpfer zu bringen, opferte man auch irdische Gaben. für.die Brüder." .Diese'Verhältnisse haben sich geändert. Die großen wirtschaftlichen Umwälzungen haben vieles weggeschwemmt, was ehedem als traditionelle Uebung, ja als heiliges Gebot im Judentum lebte. Sie haben aber auch, wenn wir so sagen dürfen, unser soziales Gewissen geschärft und so ein tieferes Verständnis für die Pflichten des Einzelnen der Gesamtheit gegenüber gegeben. Man darf sagen: unsere soziale Aufgabe in der Gegenwart ist eben brennender als in der Vergangenheit. Gerade die Fortschritte, die die Menschheit gemacht hat, drängen uns neuen Aufgaben zu. Wir wollen nur einige hervorheben, indem wir den Anregungen folgen, die ein tatkräftiger und umsichtiger Führer der sozialen Bewegung in den B'nai Brith- Logen gegeben hat. Unsere größte soziale Not bringen die Armen und Unglücklichen wegen ihres. Glaubens verfolgten aus dem Osten mit. Wir haben es wiederholt zurückgewiesen, wenn man es versucht hat, die Teilnahme für diese durch die Hervorhebung der Schäden abzuweisen, welche ihre Masseneinwanderung notwendig mit sich führt. Damit steht'in Verbindung ein wichtiger Punkt der allgemeinen sozialen Frage: Wir müssen die Wohnungsverhältnisse der armen jüdischen Bevölkerung untersuchen, um daraus-zu ersehen, wie man am besten helfen kann. Bei solchen Untersuchungen wird man auf eine große Zahl alleinstehender junger Mädchen und Frauen stoßen, die in irgend einem Beruf tätig sind und denen wir Gelegenheit zur Fortbildung und zu edlerer Geselligkeit geben müssen. Die .Frage der Begründung von Mädchenheimen wird vor allem ins Auge gefaßt werden müssen; auch die Kinder dürfen unserer Fürsorge nicht entbehren. Die Säuglingssterblichkeit ist in den großen Städten eine sehr große, die städtischen Fürsorgeanstalten für Säuglinge werden von unseren Glaubensgenossen nicht immer benutzt,, die Errichtung eines Säuglingsheims sollte die Aufgabe einer jeden jüdischen Gemeinde^ sein. Auf dem Gebiete der Gesundheitspflege ist, so seltsam dies auf den ersten Blick erscheinen möchte, für uns als Juden noch manches zu tun. Bei der weiten und tiefgreifenden Verbreitung der Nervenkrankheiten unter unseren Glaubensgenossen wird man daran denken müssen, Volkssanatorien für Nervenkrankheiten zu errichten. Die Erfahrung lehrt, daß diese Kranken bei besonderer Behandlung schneller gesunden und oft mit dauerndem Erfolge. Das Gleiche gilt von Rekonvaleszenten- und Genesungsheimen. Andere Einrichtungen, die bereits bestehen, bedürfen des Ausbaus und der Erweiterung, so die Häuspflege, welche von verschiedenen unserer Frauenvereine geübt wird, die Zentralisation dieser Frauenvereine überhaupt. Ueberall müssen Arbeitsnachweise begründet werden und ebenso Jünglingsvereine und Fortbildungsanstalten, Haushaltungsschülen und dergleichen. Schließlich aber müssen unsere Glaubensgenossen, und das ist ein besonderer Teil unserer sozialen Arbeit, immer mehr und dringender auf die gemeinsamen Institutionen hingewiesen werden, die bisher aus irgendwelchen Gründen oder Vorurteilen entweder gar nicht oder nicht in dem Maße benutzt worden sind, wie sie es verdienen. Wir' nennen nur die Idee des Erziehungsbeiräts, die sich' in so außerordentlicher Weise bewährt hat, und wo sich die beste, und schönste Gelegenheit bieten würde, jüdische Kinder dem Handwerk .züzüführen. Denn wre vieles auch uns trennen mag und wieviel besondere Aufgaben wir auch haben, mögen, unser Streben und unsere Arbeit muß doch im letzten Grunde darauf i gerichtet seich nicht das Trennende/ sondern das 'Gemeinsame , und Verbindende aufzusuchen und bei aller Schonung -der Eigenart' nicht die große allgemeine soziale Arbeit zu'vergessen. Das ist Jüdisch-sozial!;C ■ " . . ~ Und das Sukkoth-Fest, .das wir in diesen Tagen feiern, zeigt uns, daß schon in alten Tagen diese sozialen Aufgaben Israel eindringlich vörgeführt wurden. Israel sollte, sich Laubhütten bauen und darin wohnen sieben Tage, damit es seines Ursprungs nicht vergesse. Aus Palästen und stolzen Häusern sollten sie in niedrige Hütten ziehen, aus Zweigen' und Lauben gebaut, die der Sturm leicht umwerfen, der Regen hinwegschwemmen konnte. Gibt es eine bessere Erziehung für die Idee sozialer Gleichstellung? Dort mußte es ihnen zum Bewußtsein kommen, daß auch der erlangte Besitz unsicher in den Händen des Menschen sei, daß jeglicher Bau zusammenstürzen und seine Bewohner wieder auf den irren Pfad der Pilgerschast versetzt werden können, daß deshalb der Mensch die Pflicht habe, seinen Brüdern beizustehen und ihnen nach . Kräften zu helfen. Diese Erkenntnis lehxt uns vor allem das Gebot der Laubhütte. Ja, das Sukkoth-Fest ist das Fest des jüdisch-sozialen Gedankens, und an ihm sollen wir uns stärken und kräftigen für die großen Ausgaben, die unserer harren! Berlin, 11. Oktober. ^?^as Berliner Antisemitenblatt, das man lange als das führende der Partei ^anzusehen geneigt war, die „Staatsbürgerzeitung", hat einen Redaktionswechsel erfahren. Der-Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bruhn ist ausgeschieden und will ein eigenes Wochenblatt „Die Wahrheit" zur Vertretung „radikal-nationaler" Interessen begründen. Ob mit dem Personenwechsel auch ein Systemwechsel verbunden sein soll, ist aus dem Programm der neuen Redaktion nicht ersichtlich. Es ist auch nebensächlich. Dagegen ist ein Artikel des Blattes über die Berliner höheren Lehranstalten nicht nebensächlich — weil er auch in andere Zeitungen übergegangen ist. Es heißt^ darin: „Recht wenig Erfreuliches entnehmen wir den^Angaben über die Beteiligung des jüdischen Elementes am Lehrkörper und in der Schülerschaft. Die große Anzahl der jüdisch -klingenden,Namen^unter den Lehrern ist geradezu auffällig. Da finden wir einen Direktor Dr. Marcuse, einen Dr. Rosenberg, Goldschneider, Kalischer, Rosenthal, Klippstein, Samuel, Engländer, Levh, verschiedene Cohns rc. Die große Anzahl der jüdischen Schüler ist. teilweise erschreckend." Es folgt nun eine Art von statistischer Zusammenstellung, die in dem folgenden Schreiben eines königlichen Gymnasiallehrers an uns ihre rechte Würdigung erfährt : Ich weiß nicht, ob der ganze Artikel, den Sie ja gewiß kennen überhaupt eine Erwiderung oder Abfertigung verdient. ^. Selbstverständlich ist, daß er Unwahrheiten und Ungereimtheiten in Menge enthält. Zum Beispiel existiert ein Lehrer namens G o ldfchneider in Berlin überhaupt nicht. Gemeint ist der evangelische Professor Franz Goldscheider am Louisenstädtischen Realgymnasium. Direktor Dr. Max Marcuse von der Luisenstädtischen Oberrealschule ist evangelisch. Oberlehrer Richard Kalischer an der 12. Realschule ist evangelisch und meines Wissens nie Jude gewesen.. Daß der Name . Klippstein jüdisch klingen soll,isteineEntdecknng desBlattes,denn zweifellos'ist der Oberlehrer Willibald Klippstein am Kölnischen Gymnasium evangelisch. Einen Lehrer namens Levy gibt es an den höheren Lehranstalten Berlins nicht. Der unbedingt zuverlässige Kunzesche Kalender, 11. Jahrgang, der amtliches Material benutzt, kennt^ nur zwei Oberlehrer dieses Namens, einen in Allenstein am Königlichen Gymnasium und einen in Frankfurt a. M. am Philantropin, also an

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