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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-13 · Heft 41 (13.10.1905) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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WWW 69i Jahrgang. No. 41. .v . i. Berlin, 13. Oktober 1905. Lin unparteiisches Vrgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Aedakte«rr Gustav Rarpek«». Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson. VerlrZs-LWeMoll: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen fär Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße ^6/^9, zu richten. Verlag von Rudolf rnofse, Berlin. Wdilch-losial. ^, ' ' ' Berlin, 12. Oktober. st es wirklich nur eine blöde Nachahmung).wenn wir den Begriffen Christlich-sozial oder Evangelisch-sozial das Wort Jüdisch-sozial gegenüberstellen? War es wirklich nur ein Ausdruck des Trotzes, wenn ein.geistvoller Publizist dem Worte Bismarcks vom praktischen Christentum den Begriff praktisches Judentum einmal gegenüberstellte? Wir glauben Nicht und die/Erfahrung der letzten zwanzig Jahre hat uns gezeigt, daß man in unseren Kreisen die Bedeutung dieses Begriffs richtig ersaßt und die praktische Durchführung desselben mitEifer und mit. Geschick versucht hat. ^Jm Lichte des Sukkoth-Festes zeigt es. sich . mehr, .als deutlich, daß das Wort Jüdisch-sozial keine, inhaltlose. Phrase, keinE'blässer Schemen, sondern zum mindesten eiste', ebenso große 'Berechtigung hat, als die Worte Christlich- und Evangelisch-sozial.- - ^Was bedeuten denn eigentlich diese, beiden Begriffe? . , Der sozialen Frage oder vielmehr dem ganzen Komplex von Leiden-und Fragen, der durch diesen Titel bezeichnet wird, vermag, sich niemand zu entziehen, und wer ein Herz, hat für sein Volk, darf sich dem nicht entziehen. „Dem Christen aber sind /die Notleidendem Schwachen, Verirrten auf' die Seele gebunden durch die bestimmtesten und eindruckvollsten Anweisungen Christi, durch sein Beispiel, und durch die Stiftung der Kirche, die als ein Bruderbund gedacht ist. und. aushört, sie selbst zu sein, wenn sie dieses Ideal preisgibt." Mit diesen Worten erklärte Härnack bei Eröffnung des 1, Kongresses die Bedeutung des Wortes Evangelisch-sozial, um daran die Frage zu knüpfen: Wo ist zu Helsen und wie ist zu helfen? Wie kann in dem Kampfe widerstreitender Interessen das Friedenszeichen einer geistigen, und inneren Gemeinschaft MsgerilMt; werden, die stärker ist als die Macht, der. Zertrennung? Das seien die Fragen, die keinem Christen aus dem Sinne kommen, dürften. Nun, sollte es irgend einem von uns etwa schtver werden, die obige Definition mit den schönsten und, LebeutungsvoWen Stellen aus der'Bibel und aus dem Talmud zu belegen und dieselben Fragen daran zu knüpfen? Sind dem gläubigen Israeliten die Notleidenden, Schwachen und Verirrten nicht auch auf die Seele gebunden durch die bestimmtesten und eindrucksvollsten Anweisungen der heiligen - Schrift,, durch das Beispiel unserer großen Führer und Gesetzgeber, durch die Stiftung des Judentums selbst, das ja wohl auch von den Propheten als ein Bruderbund gedacht ist und ebenso/ aufhört, .sich selbst zu sein, wenn es dieses Ideal „ preisgibt, wie etwm die Kirche? Haben wir also / das Recht/ von.' einer / sozialen Aufgabe des Judentums zu sprechen, so ergibt sich von 'selbst die Notwendigkeit, daß auch uns die Frage, 'wo/.ist zu helfen und wie ist zu helfen,' nicht aus dem Sinn kommen dürfe. Aber nicht die Synagoge als organisiertes' Institut kann sich zur wirksamen Macht wider die soziale Not ausgestalten, ebensowenig wie die Kirche, wohl-aber das Haus, und vor allem die Gemeinde. Wenn es gewiß ist, daß die soziale Frage nicht nur eine 'Magenfrage ist, sondern , auch eine Gemüts- und Herzensfrage, .pipe Frage der' Menschen, die sich nicht geächtet fühlen und nicht' geliebt wissen, so erfüllt die jüdische Gemeinschaft'ihre Pflicht nicht, wenn sie hier nicht Abhilfe zu -schaffen sucht. Sie muß vielmehr, wie es die Väter g^tan haben, den Armen und Notleidenden überall entgegentreten und muß den Menschen im Menschen aufsuchen und es. ihm wieder zu fühlen geben, daß er geliebt und geachtet, ist; sie muß den Abel jeder rechtschaffenen Arbeit nicht nur in-Worten predigen, sondern die Anerkennung dieses Adels im Leben des Tages zum Ausdruck bringen. ' Viele werden nun allerdings sagen, daß die Synagoge, dciß das Judentum als religiöse Gemeinde nichts mit den sozialen Fragen, an sich zu tun habe, da doch Stadt und Staat eine Hroße Anzahl von Wohlfahrtseinrichtungen geschaffen habe, welche ihre Wohltaten ohne jede Beschränkung, ohne konfessionelle Rücksichten und ohne speziell, die Juden zu benachteiligen, ängedeihen lassen. Wir . können dies ohne'weiteres zugeben und gern anerkennen, daß in den städtischen Verwaltungen, in den staatlichen schon weniger, .und in privaten Verbänden ein humaner Geist herrscht, aber wir dürfen darum doch nicht vergessen, daß wir die Verpflichtung haben, in ganz besonderer Weise Fürsorge für unsere Glaubensgenossen zu. /treffen, namentlich, bei Zuständen, wo Stadt und Staat nicht eintreten können und auch nicht einmal die Verpflichtung dazu haben. Wir. dürfen uns dieser Pflicht nun einmal nicht' entziehen und die Verhältnisse erfordern es geradezu. Das ist Jüdisch-sozial! . / ■ / Was haben wir nun aber zu tun, wo ist zu Helsen und wie ist zu helfen? " Vor allem ist es notwendig, daß wir unsere soziale Frage studieren, daß wir uns Kenntnis verschaffen von dem Vorhandensein, von dem Umfang und von den Tiefen sozialer Schäden in unserer Mitte, daß wir uns durch genaue Untersuchung, statistischer und ökonomischer Art über die einschlägigen Verhältnisse so informieren, um uns eine sichere Unterlage für soziale Arbeit zu verschaffen. Daran erst kann sich eine bestimmte Organisation schließen, und deren Aufgabe muß es sein, ^.dW.BegriffL.eben. .einzuhauchen. Es.ist schon wiederholt darauf

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