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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-06 · Heft 40 (6.10.1905) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Stadtverordnetenvvrstehers, sein jüngereer Bruder ist seit langem iu seiner Eigenschaft als unbesoldeter Stadtrat der medizinische Berater dieser Körperschaft. Heinrich Straßmann verdankt seine medizinische Ausbildung vornehmlich der Berliner Universität, an der er nach seiner Promotion noch lange Zeit tätig war, zuerst als Assistent des Gynäkologen Martin, dann des berühmten Klinikers Griesinger.. Damals entfaltete er auch eine fruchtbare Lehrtätigkeit, an die sich - viele ältere Aerzte mit Dankbarkeit erinnern. Während und auch ' noch nach seiner akademischen Zeit veröffentlichte er eine Reihe' bedeutsamer wissenschaftlicher Arbeiten, von denen z. B. die über die- Stäbchenperkussion hervorgehoben sein möge. Andere Arbeiten' betreffen weiter das Gebiet der inneren Medizin und der Nerven-' krankheiten. Es gelang Straßmann in kurzer Zeit, auf Grund seines^ reichen Wissens und seiner hervorragenden rein menschlichen Eigen--' schäften eine umfangreiche ärztliche Praxis zu erwerben, auch zählte^ er zu den gesuchten Konsiliarien. In den großen Kriegen zeichnete, er sich vielfach aus, wofür er mit dem Eisernen Kreuz und hohen Orden geehrt wurde. In seinen späteren Jahren stellte auch er sein-- Wirken in den Dienst des öffentlichen Lebens. ■A. Berlin, 29. September. Ein Pücklerprozeß, der bereits , mehrfach der Vertagung anheimgefallen war, gelangte am 26. v. M. vor der ersten Strafkammer des Landgerichts II zur Verhandlung. Wegen Aufreizung zum Klassenhaß war der Rittergutsbesitzer Graf Pückler-Klein-Tschirne angeklagt. Er wurde, da er wiederholt ohne jede Entschuldigung zum Termin nicht erschienen war, von dem' uniformierten Gendarmerieoberwachtmeister König aus Klein-Tschirne vorgeführt. Der Angeklagte wurde beschuldigt, am 13. Dezember v. I. in Bernau verschiedene Klassen der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten öffentlich angereizt zu haben. Am 13. Dezember hielt Graf Pückler in dem Restaurant „Elysium" in Bernau eine Rede über das Thema: Die Juden in. Polen. Einzelne Stellen der Rede, die wohl nicht recht „bildlich" gemeint sein konnten, veranlaßten den Bernauer Polizeiwachtmeister, der die Versammlung überwachte, diese für au f-c gelöst zu erklären. Außer den üblichen Kosenamen wie: Elende Gauner, Parasiten, Asiatenpack, schwarze L—kerls, mit denen Grast Pückler seine Todfeinde belegt, forderte der Angeklagte die zahlreich! erschienenen Bernauer Einwohner zu einem frisch-froh-fröhlichen. Kampfe auf. „Faßt die schwarzen Halunken am Kragen und macht ihnen mit Euren kräftigen Armen und Fäusten das Fell locker. ' Feste druff, auf die Judenbande! Wie schön wäre es, wenn sich auchhier ein paar junge Leute finden würden, die ein bischen demolieren täten und den Juden ein bischen die Fenster einwerfen würden.: Nur Keile hilft." Im Anschluß hieran ging Graf Pückler in ausführlichster Weise auf das Judentum in dem alten Königreich Polen, ein und stellte die große Judenverfolgung in Krakau im Jahre 1407-, als leuchtendes Vorbild dar. „Diese großen Judenhetzen seien zum. Teil durch Kinderschlachtungen durch die Juden entstanden. Wie viel. Kinderschlachtungen mögen nach der Konitzer Mordsache, in welcher: russische Juden eine scheußliche Tat verübt haben, wohl bei uns verübt worden sein?" In dieser Tonart ging es weiter, wobei die. Bernauer Anhänger des Grafen sich in riesigem Beifall ergingen. Vor Gericht bestritt Graf Pückler jede Schuld und behauptete, die., inkriminierten Stellen seiner Rede nur bildlich oder in Form eines., geistigen Kampfes gemeint zu haben. Staatsanwalt Brüning hielt.- indessen in der Rede des Angeklagten eine öffentliche Aufreizung zum 1 Klassenhaß für festgestellt, denn, wenn junge Leute vom Lande dazu, : aufgesordert würden, den Juden alles zu demolieren und ihnen die ' Fenster einzuwerfen, so könne man unmöglich zu der Auffassungkommen, daß dies bildlich gemeint sei. Mit Rücksicht auf die Vor--, strafen wegen desselben Vergehens beantragte der Staatsanwalt drei . Monate Gefängnis. Der Gerichtshof unter Vorsitz des Landgerichts-- rats Hellwig erkannte nach kurzer Beratung wegen Vergehens gegen die öffentliche Ordnung aus 600 Mark Geldstrafe oder 60 Tage. Gefängnis. i. Königsberg, 26. September. Die Einweihung desisraelitischen Waisenhauses für Stadt und Provinz hat am' 24. d. M. stattgefunden. Unmittelbar zur Linken der Synagoge in der Lindenstraße erhebt sich das Bauwerk und bildet zu dem Gotteshause in gleichem Maße eine wirksame bauliche Ergänzung. Um 12 Uhr versammelten sich die eingeladenen Gaste, unter ihnen Vertreter der Königlichen Regierung, . der Universität, des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung vor dem Portal' des Waisenhauses und wurden von Mitgliedern des Vorstandes Stadtrat Professor Dr. Lassar»Cohn und Max Minkowski begrüßt. Iw der Aula des Waisenhauses, einem mäßig großen einfach gehaltenen Raume, fand dann die eigentliche Einweihungsfeier statt. Nach einem Orgelpräludium hielt der Vorsitzende des Waisenhausvorstandes, Herr Professor Dr. Louis Saalschütz die Festrede, in der er die Geschichte der Anstalt seit ihrer Begründung schilderte. Mit eineni Bittgebet für den Kaiser schloß Professor Dr. Saalschütz, nachdem er vorher noch zur Mitteilung gebracht hatte, daß anläßlich der Einweihungsfeier als Festgabe eine „Geschichte des israelitischen Waisenhauses", sehr sorgfältig bearbeitet von dem Inspektor der Anstalt Adolf Peritz. erschienen sei. Sie gelangte im Laufe des Festaktes . zur Verteilung. Als Vorsitzender des Gemeindevorstandes nahm hierauf Herr Stadtrat Magnus das Wort. Er schloß mit dem Zitat: „In der Kräfte schön vereintem Streben' erhebt sich wirkend erst das wahre Leben" — dieses Spruches Wahrheit ist die Anstalt ein Zeuge. Mögen an dieser Stelle Menschen erzogen werden, der Gemeinde und unserer Stadt zur Ehre, dem Staate zum Nutzen. Das walte Gott!" Nach einem Gesang für Männerstimmen, der Komposition eines altjüdischen Tondichters Rosst aus dem Jahre 1587 mit dem Text: „Wenn Gott der Herr das Haus nicht baut, vergeblich ist des Menschen Mühn", wurde nun durch Rabbiner Dr. Vogelstein die Weihe des Hauses in einer gedankenreichen Rede vollzogen. Mit einer Ansprache an die Kinder schloß die Weiherede und mit der Mahnung, dahin zu streben, durch treue Pflichterfüllung wer v?lle Bürger des Vaterlandes zu werden. Namens der ehemaligen Zöglinge des israelitischen Waisenhauses gab Rabbiner Fabian-Breslau cm diesem Tage den Gefühlen der Dankbarkeit Ausdruck. Gleichzeitig überbrachte er als Geschenk ehemaliger Zöglinge zu dem Tage eine Jahrzeitlampe mit den Namen verstorbener Wohltäter der Anstalt. — Dann trat Stadtältester Leo an den Vorsitzenden heran und überreichte als Ertrag einer Sammlung, mit deren Zinsen die Zöglinge des Waisenhauses unterstützt werden sollen, 8000 Mark. Professor Dr. Saalschütz dankte beiden Rednern und verlas dann u. a. auch noch den Brief eines Wohltäters mit der Mitteilung, daß dieser dem Waifenhause testamentarisch 1000 Mark vererbt habe. —. Dann folgte die Besichtigung des neuen Hauses. Es auszuschmücken haben sich mannigfache Wohltäter angelegen sein lassen. Alle Einrichtungen sind den neuzeitlichen pädagogischen Erfahrungen' gemäß getroffen, die ganze Anstalt macht den vortrefflichsten Eindruck. — Griese«, 22. September. Am 17. d. M. fand hier der Gemeindetag des Verbandes der Synagogengemeinden im Regierungsbezirk Bromberg statt. Der Verbandsvorsitzende, Herr Landtagsabgeordneter, Kommerzienrat und Stadtrat Aronsohn aus Bromberg, war am Erscheinen durch plötzliche Erkrankung verhindert, so daß statt seiner Herr Stadtrat Gimkiewicz-Gnesen die aus verschiedenen Städten beschickte zahlreiche Delegierten - Versammlung eröffnete und seinem lebhaften Bedauern Ausdruck gab, daß der bewährte Vorsitzende dieselbe zu leiten nicht in der Lage sei. Nachdem Herr Stadtrat Gimkiewicz die Versammlung herzlich begrüßt und vorzüglich den auswärtigen Herren für ihr Erscheinen gedankt hatte, schritt man zur Wahl. Es wurden einstimmig gewählt: Herr Stadtrat Gimkiewicz-Gnesen zum Vorsitzenden, Herr Rechtsanwalt und Stadtrat Bärwald-Bromberg als stellv. Vorsitzender, Herr Rabbiner Dr. Walter-Broniberg zum Schriftführer und Herr Rabbiner Dr. Jacobson-Gnesen als dessen Stellvertreter. Zur Tagesordnung übergehend, erstattete zunächst Herr Dr. Walter den mit außerordentlicher Sorgfalt ausgearbeiteten Rechenschaftsbericht, darauf Herr Barnaß- Bromberg den Kassenbericht. Nachdem der Herr Vorsitzende beiden Herren für ihre Tätigkeit gedankt hatte, wurde dem Herrn Schatzmeister Decharge erteilt. Punkt 4 der Tagesordnung: „Bericht über die Verhältnisse der Juden und Judengemeinden Posens", mußte ausfallen, weil der Berichterstatter, Herr Kommerzienrat Aronsohn, wegen Erkrankung nicht erschienen war.... Eine längere und sehr angeregte Debatte entwickelte sich dagegen bei Pi>nkt 5: „Die Frage der Bezirksrabbinate", worüber Herr Stadtrat Gimkiewicz referierte. Es wurde ein Antrag des Referenten angenommen, der dahin ging, daß eine Angliederung der kleinen rabbinerlosen Gemeinden an die

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