Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- Seite 480 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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geloben, und im schlimmsten Falle die wohlverdiente Strafe geduldig aus sich zu nehmen — hielt er sich noch für einen ungerecht Leidenden, für einen unschuldig Verfolgten, und anstatt daran zu denken, welche Sünde er beging, daß er durch seine heimliche Flucht die Eltern in Angst und Trauer versetzt, und Kummer und Sorgen auf ihr Haupt gehäuft, da verstrickte sich' sein böser Sinn in Grimm und Zorn, als er an oie Schrecknisse und Ungeheuerlichkeiten der finsteren Nacht draußen dachte. Doch er hatte sich umsonst geängstigt. Sein Beschützer' führte ihn jetzt in seine eigene Zelle, wo eine einfache aber saubere Bettstelle aufgeschlagen war. Kaum hatte Jakob sich hingelegt, da war er auch schon in einen festen Schlaf versunken, der Traum aber, den er zwar nicht begreifen konnte, der ihn aber am nächsten Morgen noch beunruhigte, er blieb, noch jahrelang in seiner Erinnerung: Er befand sich auf einem weiten, freien Felde, wo unzählige Wetterhähne herum-- hüpften, die ihre ellenlangen Zungen nach ihm herausrecktew und ihr spöttisches Gekrächze: „Judenjunge, Judenjunge," hörenließen. Und jenseits des Feldes stand sein Vater, mit einermächtigen Thorarolle in den Händen, und ganz nahe neben' ihm stand wieder der Schwarzrock voy heute, der die vergoldete. Figur auf dem Kreuze mit milder Bewegung um sein Haupt schwang; und Jakob lies von dem einen zum andern; aber er konnte weder den Vater noch den Schwarzrock erreichen, weil die Wetterhähne ihn in ihre Mitte nahinen und mit ihm im Kreise herumschwenkten; und als er wieder nach der Thorarolle blickte, da wurde sie immer kleiner und kleiner, bis sie zu einerdünnen Blechkapsel zusammenschrumpste, während die Figur am Kreuze in der aufgehenden Sonne leuchtete und glänzte,' und als er näher herantrat, da standen auch die Wetterhähne da und spieen viele, viele Silberrubel aus, die zu seinen Füßen/ hinfielen. So hätte damals ein neues Leben für ihn begonnen -- das Verweilen im Kloster, das Erlernen vieler ungekannter Wissenschaften — aber auch sein Kampf zwischen den Bandeni des Blutes und den Lockungen und Annehmlichkeiten seiner' neuen Heimat. Einmal, aber auch nur dieses einzige Mal/ hatte die erstere triumphiert. Es waren etwa fünf Jahre nach' seiner Flucht aus dem Elternhause verstrichen, als das-Verlangen ihn mächtig ergriffen hatte, über das Befinden seiner Angehörigen etwas Näheres zu erfahren. In stiller, finsterer. Nacht war er aus dem Kloster geschlichen und gelangte bald zum Hause seiner Eltern; leise bestieg er eine kleine Leiter, die dort lehnte und schaute in das Zimmer hinein: da saßen sie alle um den kleinen runden Tisch — der Vater, die Mutter, die Geschwister — essend, trinkend und fröhlich die hebräischen Lieder zu Ehren des Festes singend, als ob sie keinerlei Kummer, keinerlei Herzweh zu beklagen hätten. Ein eifersüchtiger, grimmiger Zorn bemächtigte sich seiner — er wurde also gar nicht vermißt — er war vergessen, die Lücke wieder ausgefüllt und die zerbrochene Fensterscheibe durch eine neue ersetzt. Schweigend stieg er wieder die Leiter herunter, fest entschlossen, nie wieder hierher zurückzukehren; da oben drehte sich wieder kreischend sein alter Feind, der Wetterhahn, der aber nicht mehr spöttisch „dummer Judeujunge" rief, sondern recht sanft und zutraulich piepte: „Wladimir, Wladimir, ach, welch feinen Namen wir jetzt bekommen haben." Und dann ging er eilig davon, im Stillen sich wundernd, warum denn sein Herz dennoch so gewaltig Poche, warum ihm das Blut so heiß in den Kopf stieg --? Ja, warum? Warum auchlmußte^er beschämt seine Augen Niederschlagen, d'a doch kein Mensch zugegen war, der ihm etwa Vorwürfe gemacht! Nach und nach aber wurde es ihm doch noch klar — er war jetzt alt genug, um die Gewissensbisse zu verstehen, die ihn Peinigten. „Kehre um — - kehre zurück," hörte er eine innere Stimme flüstern; „kehre Um zu Deiner Familie, zurück in den Schoß Deines angestammten Glaubens, Fliehe der Stätte, wo Dü allein und Verlässen dastehest, wo man Dich doch nur als Eindringling nnd Fremdling betrachtet! Fliehe die Genüsse, die Dir doch immer noch im Halse stecken bleiben, die Du doch nur mit innerer, heimlicher Qual herunterzuwürgen vermagst! Fliehe die Lehren, die nur Deine Lippen nachsprechen, von denen aber Dein Herz nichts weiß, weil Dü doch mit den Glaubenssatzungen Deiner Kindheit innig verwachsen bist und sie Dir bereits in Fleisch und Blut übergegangen sind! O, fliehe — bald — ein Leben, das Deine Tage beunruhigt und bei Nacht den Schlaf von Deinen Augen treibt! Kehre zurück, wo die Daterhand Dich leitet, wo das Mutterauge Dich bewacht —!" „Nein, ich will nicht!" übertönte wieder der Trotz die warnende und mahnende Stimme: „ich will nicht! Nimmermehr! — Sie haben mich ja verstoßen — sie haben meiner längst vergessen — --Aber, ich will ihnen zeigen, daß auch ich ihrer gar nicht bedarf — und wenn sie mich auch jetzt noch so sehr verachten, so sollen sie sich später doch noch vor mir demütigen — ich habe die Mittel dazu in Händen — und ich werde auch mein Ziel ganz gewiß erreichen!" Von jetzt ab lebte er nur noch für die Schule, und vollbrachte wahre Wunderwerke des Fleißes und der Aufmerksamkeit. Wie sehr seine Mitschüler sich abmühten, ihm gleich zu kommen, er überflügelte sie doch alle, und blieb immer der Erste in seiner Klasse, doch sein Eifer entsprang nicht der Liebe und Begeisterung für die Wissenschaft, sondern aus törichter Rachsucht und Schadenfreude, weil er sich einbildete, daß jedes Atom des Wissens einen Stein für die Mauer bedeute, die er bald ausrichten wollte zwischen sich und der Vergangenheit, mit allem; was sie enthalte. Absichtlich ließ er sein Herz zu einem Bleiklumpen verhärten, damit, wenn er je in Versuchung kommen sollte, die Scheidewand zu übersteigen, dieses Bleigewicht ihn wieder und wieder zurückziehen müßte- Nein, sie haben sich von ihm losgesagt — und er wollte auch von ihnen nichts mehr wissen! — Mit Riesenschritten ging er dem Ziele entgegen, das verstockter, eisenharter Eigensinn ihm vorgezeichnet, und der Erfolg war größer, als er selbst je zu hoffen gewagt; er stieg von Stufe zu Stufe, und jede, die er erklommen, diente ihm nur als Schwungbrett, um eine noch höhere zu erreichen. Endlich wurde er zum Richter ernannt, wo er erschreckt über die erreichte Höhe, in seinem verblendetem Ehrgeiz innehielt. Bei aller Güte und Freundlichkeit, die man ihm im Kloster erwiesen, fehlte es dennoch nicht an Momenten, die das bedrückende Gefühl des Ausgeftoßenen in ihm wachriefen, und die schwere Zuchtrute der Klosterregeln erinnerte ihn fort und fort an den hergelaufenen „Judenjungen", um jede freie Regung zu vernichten, um seine Selbständigkeit zu unterbinden, um Gehorsam und Unterwürfigkeit zu erzwingen. Jetzt aber hat er den Gipfel erreicht; jetzt stand er auf der Höhe, Herr seines Willens, von nichts und keinem abhängig, und ein spöttisches Lächeln drängte sich ihm auf die Lippen, bei dem Gedanken, daß er die Mönche, trotz ihrer Schlauheit, doch noch übervorteilt — denn für seine angesehene Anstellung, für seinen Reichtum, für die Fülle der Wissenschaft, die er ihnen zu verdanken hat, hat er ja nur das bischen Kindespflicht geopfert — nur das bischen Väterreligion von sich geworfen — hat er ihnen nur herzlose, scheinheilige Lippengebete gegeben — wer hat wohl das bessere Tauschgeschäft gemacht?- (Schluß folgt.) ' Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.