Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228677--62069-3275925- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
' -—— 479 — für die Auserwählten hielten, dann der der Christen, die den Himmel und die künftige Seligkeit für sich allein errungen glaubten." . „Allerdings ist leider viel Hochmut unter den Christen, derenHaupttugend Demut sein sollte; indessen dürfen Sie den Glauben der Christen, daß ihre Religion die alleinseligmachende sei, nicht für Hochmut bezeichnen. Niemand kann zum Vater kommen als durch mich, sagt der Erlöser." „Er meint, wer in seinem Sinne, nach seiner Lehre lebt — wer an ihn glaubt — mit einem Wort, wer Christ ist! " „Nur wer Christ ist, Herr Prediger? — und für alle übrigen wäre das Himmelreich verschlossen?" „Allerdings!" „Unmöglich, das wäre ja lieblos und ungerecht; — also ein Mensch, der fromm und gut ist — in Liebe und Sanftmut sein Leben hingebracht hatte, wäre ausgeschlossen von der ewigen Seligkeit, weil er zufällig als Jude geboren ist, jüdische Gebräuche ihm anerzogen sind? Wenn ich nun z. B. jetzt stürbe — oder — was red' ich denn von mir — wenn meine liebe, gute Mutter jetzt stürbe, so glauben Sie, Herr Prediger, Gott würde seinen Himmel ihr verschließen?" „Sachte, sachte: nur nicht so lebhaft, liebes Kind! Es schmerzt mich, wenn ich Ihnen wehe tue, aber ich muß Sie vor allen Dingen bitten, diese freigeistige Religion, die Sie sich selbst gebildet haben, aufzugeben, und ohne Vorbehalt der Lehre Christi sich zuzuwenden." Mit großer Bestimmtheit setzte er mir nun auseinander, wie nur durch Christus, den Vermittler, der das Kreuz auf sich genommen hatte und für die Erlösung gestorben sei, die Seligkeit gewonnen werden kann, und wie nur die Christen, die an ihn glauben, Anspruch darauf hätten. Die unerschöpfliche Güte Gottes aber würde gewiß den Nichtchristen nach ihrem Tode auf irgend eine Weise Gelegenheit geben, das Christentum anzunehmen, uud sie so, wenn auch später, dennoch der Gnade des Erlösers teilhaftig machen. Ich verstummte, Tränen traten mir in die Augen, ich weiß nicht, ob vor Wehmut oder Entrüstung; er suchte noch lang mir seine Ueberzeugung klar zu machen, verteidigte und erklärte sie durch tausend gelehrte Wendungen, indem ich schweigend und nur dem Scheine nach aufmerksam zuhörte. Als die Stunde vorüber war, ich allein draußen auf der Straße, brach mein ganzer Zorn gewaltig los. „Herr, mein Gott," dachte ich. „wie kannst Du Geduld haben mit all der Verkehrtheit und dem Unsinn der Menschen!" Ich haßte eine solche Religion, die zu solchen Verdrehungen Anlaß gab, die so hochmütig überhaben gestatten konnte. Ja, ich war so aufgeregt, daß ich in dem Augenblicke eher Eduard entsagt als falsch und unredlich zu einem Glauben mich bekannt hätte, der mir so zuwider war." Obzwar sie nun kein Wort dem Prediger glaubte und von der Unrichtigkeit der von ihm vorgetragene Lehre überzeugt war, gab sie doch schließlich klein bei, denn die Liebe zu dem schönen Manne war in ihrer Seele mächtiger als die Liebe zur Wahrheit und zu den Geboten Gottes. Nur ab und zu ließ sie sich doch von ihrem scharfen jüdischen Verstand und ihrer inneren sittlichen Empörung hinreißen, wenn es der Prediger gar zu arg trieb, d. h. ihr Dinge weiß zu machen suchte, die an das Unglaubliche streiften. Es war dies z. B der Fall bei Gelegenheit der Wunder, die er sich bemühte, ihr auf natürliche Weise zu erklären. Besonders lange verweilte er bei der Hochzeit zu Kana, bei welcher die Verwandlung des Wassers in Wein ihm große Schwierigkeit machte. Es war ihr unbegreiflich, daß er gar nicht merkte, wie sehr er seinen Wundern dadurch schadete; er verwickelte sich in Widersprüche' daß sie ihm zu Hilfe kommen wollte und sagte: „Ach, lassen Sie es gut sein, Herr Prediger, ich brauche die Wunder nicht, mir erscheinen sie unnütz und unbedeutend; ich glaube gern und von ganzer Seele, und das ist doch wohl das Wichtigste." Da ward der sonst so sanfte Mann sehr finster und strenge, wie ich ihn noch nie gesehen hatte und sagte: „Der Wunderglaube ist das wesentlichste Erfordernis des Christentums." .Sie schwieg und gelobte sich, niemals wieder, so lange auch der Unterricht dauern würde, ihre Ansicht offen auszusprechen. Therese Schlesinger-Devrient wollte augenscheinlich den neuen Glauben, in den sie hi ne in h eiratet e, verherrlichen, aber ihre eigene Darstellung und die unwillkürlichen Bekennt- .-nisse ihrer „schönen Seele" legen Zeugnis wider sie ab und dienen zur Warnung für alle, die dies Vorbild etwa nachzuahmen die seltsame Neigung haben sollten. Jtm Tage der Erinnerung. Von Samuel Govdon. II. 3akob erschrak; die Augen des Mannes, die ihn bisher so mild und sanft angeblickt, sahen ihn jetzt zornig an; doch dauerte es nur einen Augenblick, denn bald sprach der Mann wieder freundlich und lächelnd: „Das verstehst Du nicht, es ist so, wie ich Dir sage, doch ,nun setze Dich hin und iß —; vorerst muß Dein Körpergepflegt werden — für Deine Seele werde ich schon später . sorgen." Er trug verschiedene Speisen herbei, über welche Jakob, ohne sich erst lange zu besinnen, heißhungrig herfiel. Den > ganzen Tag über hatte er fast nichts gegessen. Wie üblich, gab es an den Tagen vor dem Sabbat und. den Festen unrein mehr als frugales Mittagbrot; erstlich weil die Hausfrauen mit den vielfachen Vorbereitungen zu sehr in Anspruch genommen sind, sodann aber, um den Appetit zu schärfen, um du Festmahlzeit mit um so größerem Behagen zu genießen. — Heute bekam er nur eine einfache Kartoffelsuppe, die er, eigensinnig wie immer, gänzlich unberührt gelassen. Der Mönch — denn ein solcher war es —beobachtete ihn schweigend, und nur ein befriedigendes Lächeln umspielte seine Lippen. Als der Knabe gesättigt war und schlaftrunken das Haupt sinken ließ, nahm er ihn wieder in seine Arme, um ihn zur 'Schlafstätte zu tragen. Jakobs Herz erbebte und hörbar schlugen seiner Zähne zitternd zusammen. Er glaubte wieder in kalte Nacht hinaus zu müssen, um auf dem harten Pflaster zu schlafen, von Finsternis und den bösen Geistern umgeben. Ihm kam die biblische Erzählung von seinem großen Namensvetter, dem Erzvater Jakob, in den Sinn, der ja auch auf freiem Felde übernachtet und auch nur einen harten Stein hatte, sein Haupt darauf zu legen, dennoch aber im Schuhe des Allmächtigen sicher ruhte! Bald aber bäumte sich wieder sein Trotz mächtig auf; er wollte kein Erzvater sein, und für ein solch geringfügiges Vergehen, wie das Zerschlagen einer Fensterscheibe, braucht er. wahrlich nicht so schwer bestraft zu werden, um, wie Kain, unstät und flüchtig in der Welt herumzuirren. In seiner Verblendung übersah er es vollständig, daß er sein trauriges Schicksal sich selbst - bereitet — denn anstatt über seine Missetat Reue zu empfinden, Abbitte zu leisten und Besserung zu