Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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«mni — 1 .478 übrigen Völkern, von den Nichtjuden. Er war der Ueberzeugung, daß jener Tag einer der nachteiligsten für die jüdische Entwicklung gewesen ist. Verehrte Anwesende, die Geschichte dieses kleinen Dialogs ist ein Stück der jüdischen Literatur und ein großes Stück Kulturgeschichte. Der Wandel, welcher mit der bloßen Erzählung dieses Dialogs stufenweise vor sich gegangen ist, enthüllt uns den ganzen Verfall des Mittelalters und zeigt uns unsere . Pflicht, zu jenen edlen und reinen Quellen zurückzugehen. Schon im babylonischen Talmud wird die Sache nicht mit demselben Gleichnis erzählt, wie im jerusalemischen. Die Sache spielt in Palästina, der jerusalemische Talmud weiß es besser, aber im babylonischen erzählt man wenigstens an einer Stelle die Sache nicht mehr so. Dort heißt es, Rabbi Elieser habe dasselbe gesagt, aber Rabbi Josua habe gesagt: „Es ist, wie wenn Du ein Gesäß mit Honig hast und tust Feigeu und Granaten hinein, darin fließt der Honig ab." Ei, Feigen und Granaten sind gerade so gut wie Honig. Man wagte in Babylon nicht mehr zu sagen: „Das Oel ist abgeflossen, das Wasser ist geblieben-" man nahm auch etwas wertvolles. Höchst bemerkenswert aber ist, daß die Mischnah des Rabbi Jehuda die ganze Kontroverse nicht ausgenommen. Und wenn man hört, daß ein Mann wie Raschi, ein so großer, gescheidter Mann, die Sache in seinem Kommentar beiseite läßt und nur auf das Spezielle eingeht, und wenn uran weiter sieht, wie andere Erklärungen des Talmud, die sogenannten Tosaphoth, aus dem Gedanken des Josua genau das Gegenteil machen wollen, als wäre das Gleichnis zum Lobe jener 18 Verordnungen gesagt, dann steht man den ganzen Verfall, dann sieht man, daß der Geist, der in jenen Altvordern gelebt hat, von ihnen gewichen war. Und dieses Schicksal setzt sich bis heute fort. Isaak Hirsch Weiß in seinem Buche „Zur Geschichte der jüdischen Tradition" — ein wundervolles Werk, ein Werk, vor dem ich die größte Hochachtung habe, bei dem man vielleicht bedauern könnte, daß es hebräisch geschrieben ist und nicht deutsch, wenn man sich nicht sagte, jetzt wird es mehr in den Kreisen gelesen, die desselben bedürfen, und kein halbes Jahrhundert wird vergehen, wo es nicht in alle europäischen Sprachen übersetzt ist — dieser Mann, der mit der größten Unparteilichkeit in alle Parteien hineinleuchtet und mit dergleichen Klarheit alle vorführt, der läßt die ganze Geschichte, dieses Gleichnis, weg. Leopold Löw, welcher bereits seine Zeitschrift, welche der Reform dienen sollte, „Ben Chananja" genannt hatte, hat auch den Wert jenes kleinen Dialogs an erkannt und dargestellt. (Schluß folgt.) Memoiren aus Mt-Lerlin. Von Dr. Adolph Ko Hut. II. och mehr zeigte sich das immer mehr zunehmende Gefühl der Zusammengehörigkeit zu seinen Stammesgenossen bei dein Vater Theresens während der letzten Krankheit. Er starb wie ein echter. Jude: „Gegen Abend wurden seine Phantasien heftiger," schreibt seine Tochter, „er ries mit tiefen feierlichen Tönen: „Die lange Nacht fängt an, gebt mir mein Sterbegewand und die heiligen Gebote!" Er machte eine Bewegung, als ob er die Tefilin um die Stirne legte und fing in schwachen, unheimlichen Tönen an zu beten und zu singen. Es klang schauerlich in der stillen Nacht aus dem düsteren Krankenzimmer. Mit höchster Begeisterung sang er in langgehaltenen klingenden Tönen bis zum Morgen hin. ,>Als der Tag anbrach, verstummten die Gesänge, todesmatt und bleiche aber mit einem seligen Lächeln und .dem Ausdruck des himmlischen Friedens blickte er uns an. Sein Bewußtsein war wiedergekehrt. Er bat Mutter, zu seinem Bruder zu schicken, daß er mit einigen frommen Leuten zu ihm käme, die letzte Stunde mit ihm zu beten. Es war noch keine halbe Stunde vergangen, so traten sechs Männer, die dreieckige Hüte auf dem Kopfe hatten, ein. Ohne zu sprechen, oder sich auch nur umzusehen, gingen sie langsam durch unsere Zimmer auf das Lager des Kranken zu, und umstanden es in einem Kreise. Vater erkannte seinen Bruder und blickte freundlich zu ihm auf, dieser reichte ihm die Hand, aber ohne das geringste Zeichen von Rührung oder Bewegung, dennoch entzückte mich der Ausdruck seines Gesichtes, denn auf seiner tiefgefurchten Stirne lag ganz der Ausdruck der Heiligkeit dieser Stunde. Ein brennendes Licht wurde an das Hauptende des Bettes gestellt und die sechs Männer begannen in eintönigem Gemurmel die Gebete herzusagen, die wir schon die Nacht hindurch vom Vater gehört hatten. Er lag ganz ruhig mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen, nur seine Lippen bewegten sich wie zum leisen Gebet. Als es beendet, sagte er kaum noch hörbar: „Amen — o wie wunderschön" — und starb." Nach dem Tode des Vaters und nachdem der schwachen Mutter es als ein großes Glück für ihre Tochter erschien, daß diese sich mit dem streng protestantisch gesinnten Schauspieler Eduard Devrient verheiraten durfte, ging Therese daran, sich für die Christenlehre zu präparieren. Obschon der Prediger, der ihr den neuen Glauben beibringen sollte, ein Rationalist und Freund Schleiermachers war, wurde es ihm doch sehr schwer, die Jüdin von der alleinseligmachenden Kraft der - neuen Lehre zu überzeugen, und nur die Liebe zu ihrem Eduard überwand in der Seele der jungen Dame die bangen Zweifel. Das Seelengemälde, das sie selbst uns zum Besten gibt, hat einen so hohen psychologischen Reiz, daß wir nicht umhin können, hier auszugsweise davon Notiz zu nehmen : „Meinen Glauben wollte ich hingeben," ruft sie aus, einen Glauben, dem ich der Ausübung nach längst nicht mehr angehörte und der mir jetzt, da ich ihn lassen sollte, lieb war wie ein alter Bekannter, an den uns nichts als die Gewohnheit fesselt und der dennoch in der Abschiedsstunde uns wert und teuer erscheint. Und wußte ich denn so gewiß, ob diese neue Lehre mit ihren ernsten, strengen Forderungen der Selbstverleugnung und Demut mir Ersatz geben würde, für die, welche ich lassen wollte. Ich war soglücklich ruhig, so frei gewesen, hatte mich nirgends beschränkt durch einengende Formen gefühlt. Meine Kirche war überall, wo ich zu Gott betete, mein Vertrauen und meine Zugehörigkeit zu ihm war so fest, so unerschütterlich, daß ich keines Vermittlers bedurft hätte. Aber ich verwarf alle Zweifel, alle Fragen, dem Christentum wollte ich angehören. Eduards beseligender Glaube, den ich durch ihn als das höchste Ziel alles menschlichen Strebens kannte, sollte auch der meine werden. Wir fingen mit dem Evangelium Matthäi bei der Geburt Christi an. „Wie ist es nur möglich," sagte ich, als ich das Buch weggelegt hatte, „daß die Menschen die klare, verständliche Lehre so verdrängen und verderben konnten? Wenn man bedenkt, daß im Namen dieser sanften, milden Religion die fürchterlichsten Greuel geschehen sind, begreift man es gar nicht. Aber nicht wahr, Herr Prediger; der Hochmut ist doch wohl an allem schuld, erst der Hochmut der Juden, die sich