Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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■:''■■■ ’ — . 477 --— ' . '; werden, bei welcher nicht die Mehrheit des Voltes wohl bestehen kann. Ich wünschte, daß einmal unsere Gelehrten diese Stellen alle zusammenbrächten, in denen die Rede davon ist,' daß eine Verordnung nicht getroffen werden darf, weil die Mehrheit dabei nicht bestehen kann, daß wir aus den Fällen einmal untersuchen, was sie sich darunter gedacht haben, daß man „nicht bestehen kann." Zugrunde geht man ja nicht! Das Leben verliert man ja nicht! Dennoch sollte rücksichtsvoll vorgegangen werden. Die Erschwerung sollte nicht zu groß sein; vielleicht auch, daß die persönliche Ueberzeugung dabei bestehen können soll. Ein großer Anhänger, wie begreiflich, des Studiums des Gesetzes, hat er soviel Rücksicht auf die anderen Lebensberufe, daß er meint: wenn einer nur durch die Wiederholung zweier Gesetze im Laufe des Tages dem Gesetz seine Huldigung dargebracht habe, die Anerkennung seines Wertes, dann soll er ruhig seinem wirklichen Berufe nachleLen, das ist ebenso gut, als wenn er den ganzen Tag studiert habe. Er ist infolgedessen auch für jede Erleichterung in bezug auf das Gesetz; freilich, wenn wir genauer Hinsehen, für jede Erleichterung in derjenigen Form, die wir am wenigsten billigen können, in der Form der Spitzfindigkeit: das Gesetz, nur juristisch gefaßt, künstlich zu umgehen, mit Scharfsinn eine Seite an ihm zu entdecken, indem man die persönliche Beziehung und die Gesinnungsbeziehung beiseite läßt, bei der es! möglich wird, das Leben erquicklich zu gestalten und dennoch das Gesetz zu erfüllen. Auch unser Josua war nur ein Mensch und ein Sohn seiner Zeit und hat ihr Tribut gebracht. Hervorragend an ihm war auch noch seine Friedensliebe überhaupt, im Privatleben, wie im politischen Kampfe. So sehr ist er ein -echter und wirklicher Nachfolger des großen Hillel, erschien er sogar den Zeiten unmittelbar nach ihm als solcher, daß an verschiedenen Stellen teils sein Name steht, wo das Haus Hillel dastehen sollte, teils das Haus, Bet Hillel, genannt ist, wo sein Name genannt sein sollte, wie aus verschiedenen Quellen, die man vergleicht, zu ersehen ist. Das Wesentlichste ist seine Methode; darin ist er grundverschieden von dem zweiten Schüler des Rabbi Jochanan, von Rabbi Elieser. Während dieser vor allem auf die Tradition sieht, bei jeder Frage, die entschieden werden soll, untersucht: was ist überliefert?, fragt er: wo sind die Vernurtftgründe? Jede Verordnung, jede Auslegung soll einzig und allein die klare Erkenntnis, der wirkliche Vernunftgrund entscheiden; ebenso bei der Auslegung der heiligen Schrift, bei der Auslegung des alten Gesetzes. Damals schon begann jene unglückseligste aller Methoden der Auslegung, welche es geben kann: die Wortklauberei und Silbenstecherei, um jeden eigenen Gedanken in einen Text hineintragen zu können. Josua war es, welcher, auch mit Witz und Ironie, dem entgegentrat. An einer Stelle sagt er geradezu: „Diese Gesetzesauslegung und die bloße wörtliche Tradition zerstören die Welt." In der Tat, sie zerstören das Eigentliche und Wesentliche der inneren Welt. Er war der Ueberzeugung, die heilige Schrift ist in der menschlichen Sprache geschrieben; man redet dort so, wie man in jeder anderen Schrift redet, und in derselben Weise muß sie erklärt und übersetzt werden. Auch einen anderen Punkt noch will ich nicht übergehen. Es wurde einmal. darüber gestritten, ob es erlaubt sei, in witziger und heiterer Form sich biblischer Verse zu bedienen. Er tritt dafür ein. Die Sitte ist bis auf den heutigen Tag — in der allerletzten Z it allerdings nicht mehr — geblieben. Auch auf der Kanzel galt der Witz und die Heiterkeit. Wie wir von den ältesten -christlichen Predigern wissen, daß als gute Osterpredigt nur eine solche galt, die auch den „risus paschälis“ hervorbrachte, so war eine gute jüdische Predigt vor hundert, zweihundert Jahren nur eine solche, in der es auch etwas Wohlgeschmack des Witzes, des Humors gab. Das hat ausgehört, aus leicht begreiflichen Gründen. Solange, verehrte Anwesende, als die Autorität und das Ansehen des Fürsten bei allen unbedingt anerkannt war, solange gab es Hofnarren; in -dem Augenblick, wo die Sache wankte, war der Hofnarr unmöglich. Solange die Pietät für das göttliche Wort so unbedingt feststehend ist, wie es früher war, durfte man auch seinen Witz damit machen; heute kommt es uns wie Blasphemie vor. Nach eines Punktes will ich schließlich gedenken. Josua war auch ein Freund der Methaphysik einerseits, andererseits' aber — was noch viel seltener in diesen Kreisen war und auch in späteren — der Naturwissenschaften. Nicht als ob die Dinge, die uns direkt von ihm überliefert werden, so werden vor sich gegangen fein. Es sind Gespräche, die er namentlich mit einem Alten aus Athen, dann aber ganz besonders mit dem Kaiser Hadrian hat. Aus allen diesen Berichten geht hervor, daß der Kaiser Hadrian diesen Mann gern hatte,- daß Josua, wenn er in Rom war, viel in seinem Hause nicht bloß, sondern auch in seiner Familie verkehrte. Es werden uns auch witzige Wechselreden, die er mit der Tochter des Kaisers gewechselt hat vorgeführt. Und es ist interessant: Hadrian, der bekanntlich sehr eifrig war, nicht bloß den Tribut von all seinen Völkern einzüziehen, sondern auch die Weisheit aller kennen zu lernen und sich anzueignen, der den größten Teil seiner Regierungszeit in Athen, in Aegypten usw. verlebt hat, besonders dort, wo er mit den Philosophien der Schule, den Priestern und Kennern der Mysterien sich beschäftigen konnte, der hat unseren Josua offenbar sogar einmal zu sich nach Aegypten kommen lassen, um sich seiner Unterhaltung zu freuen. Also Entgegentreten jeder Absonderung, das war das Kühne und das war das Eigentümliche der Richtung des Rabbi Josua. Auch darüber ist uns eine zweite Geschichte überliefert, welche von höchstem Interesse ist, ein kleiner Dialog. Das Widerspiel von Josua war, wie ich sagte, Rabbi Elieser. Er war der Mann ausschließlich der Tradition. Vernunftsgründe galten bei ihm nichts. Er erklärte ganz unverfroren: Was soll ich mit Euch mit Gründen diskutieren! Wenn Ihr mir Gründe vorbringt, welche meine Tradition bestätigen, erkenne ich sie an; wenn sie dagegen sind, erkenne ich sie nicht an! Etwa hundert Jahre vor der Blütezeit unseres Josua hat sich ein etwas mysteriöses Faktum in Jerusalem selbst vollzogen, dessen Schlußresultat aber dieses war, daß eine Versammlung, in welcher die Leute aus dem Hause Hillel und aus dem Hause Schamai zusammen waren — und an dem Tage sind die Hilleliten, wie es heißt, überstimmt worden — eine Verordnung von 18 Vorschriften aufgestellt hat, 18 neue Vorschriften, Verschärfungen alle, die meisten aber zur Absonderung von den übrigen Menschen, zur Absonderung von den Heiden bestimmt. Rabbi Elieser sagte: „An jenem Tage, als man diese Gesetze, diese Verordnungen zur Absonderung von den Heiden geschaffen, haben sie das Maß des Gesetzes vollgemacht." Unser Josua sagt: „An jenem Tage haben sie das Maß abgestrichen." Rabbi Elieser sagt: „Ich gebe Dir ein Gleichnis. Wenn Du in einem Gesäß Gurken und Kürbisse hast und Du schüttest Mohn oder Sesamkörner hinzu, so finden sie alle noch Platz darin, in den Lücken finden sie ihn; das ganze ist nun erst recht schön gefüllt." Rabbi Josua sagte: „Wenn Du ein Gesäß mit Oel hast und gießest Wasser hinein/so fließt das Oel ab und das Wasser * bleibt darin." Jene Gesetze waren Wasser, und was abgeflossen ist, ist das Oel. Wahrhaft gesinnte Religion ist gehindert worden durch solche Verordnungen, welche die Juden scheiden von den