Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- Seite 475 (sequence 7)
- Language
- German
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475 werden, daß die Rabbiner mit einer genau zu fixierenden Mindestzahl Sitz und Stimme in den Synoden haben; es kann nicht dem Belieben der einzelnen Gemeinden überlasten werden, ob sie rabbinische Vertreter in diese Körperschaften entsenden wollen, oder nicht. Denn die bloße Möglichkeit, daß einmal eine Synode ausschließlich aus Nichtrabbinern zusammengesetzt sein könnte, widerspricht dem Wesen einer derartigen Institution und würde ihren Beschlüssen in religiösen Angelegenheiten jegliche Autorität rauben. Noch bleibt der Einwand zu besprechen, den Herr M. vom Standpunkt der Anhänger einer freieren Richtung gegen eine Sondervertretung von Rabbinern erhebt. Er hegt die Besorgnis, die rabbinischen Vertreter könnten, da sie unwillkürlich sich nicht so sehr als Abgeordnete des Gesamtjudentums denn vielmehr als Abgeordnete der Rabbiner fühlen würden, oft in die Lage kommen, bei ihren Abstimmungen statt auf die bessere eigene Einsicht auf die Ansicht der Mehrheit der Kollegen das entscheidende Gewicht zu legen. Daß dies hie und da einmal Vorkommen mag, soll nicht bestritten werden, etwas ähnliches kann aber auch bei den aus der Mitte der Gemeindevorstände gewählten Synodalen Vorkommen. Im allgemeinen jedoch sollte man sich hüten, die Mitglieder eines, ehrenwerten Standes so ohne Weiteres einer Charakterschwäche oder eines Mangels anpersönlichemMutund an Ueberzeugungstreue zu bezichtigen. Ich glaube, der Rabbiner, der in religiösen Fragen seine eigene Ansicht aus Rücksicht auf seine Kollegen verleugnet, ist eine ebenso seltene Spezies, wie der in dem in Rede stehenden Artikel erwähnte samose französische Leutnant, der pflichtwidrig seiner meuternden Kompagnie Gefolgschaft leistet. Und ist es überhaupt richtig, die Rabbiner so schlechthin als Feinde des Fortschrittes zu bezeichnen? Gewiß gibt es deren in beträchtlicher Zahl, aber in den Gemeindevertretungen finden wir sie in nicht geringerer Menge, auch in den großen und größten Gemeinden. Sind aber nicht auch viele Rabbiner ausgesprochene Anhänger und sogar Vorkämpfer einer freieren Richtung? Muß ich daran erinnern, daß im vorigen Jahrhundert fast alle Reformvorschläge nicht bloß im Gottesdienste, sondern auch auf anderen religiösen Gebieten in erster Reihe von Rabbinern angeregt und zuweilen unter schweren Kümpfen durchgeführt nwrden sind? Setzen sich nicht noch heute manche Rabbiner gehässigen Anfeindungen aus, weil sie das Judentum vor religiöser Erstarrung bewahren und einen gesunden Fortschritt anbahnen wollen? Ihre Zahl würde freilich viel größer fein, wenn nicht der beklagenswerte Jndisterentismus der sogenannten freisinnigen Juden — Herr Makower und seine Gesinnungsgenossen bilden eine rühmliche, leider allzu seltene Ausnahme — die Kraft der fortschrittlich Gesinnten lähmte und ihre Bestrebungen unwirksam machte. Wenn Gemeinden, deren Mitglieder in überwiegender Mehrheit der freieren Richtung angehören, infolge der Lauheit der Liberalen bei den Wahlen eine - konservative Gemeindevertretung erhalten und einen konservativen Rabbiner wählen, oder wenn selbst liberale Gemeindebehörden, einer rührigen konservativen Minderheit schwächlich nachgebend, für den konservativen Rabbiner stimmen, weil sie dadurch dem Gemeindefrieden zu dienen glauben, und weil sie sich -von der bedauerlichen Wahrnehmung leiten lassen, daß die kulturellen Einrichtungen der Gemeinde vorzugsweise von den einer strengeren Richtung huldigenden Mitgliedern benutzt werden: dann kann man sich freilich nicht wundern, daß der jüngere rabbinische Nachwuchs sich größtenteils aus konservativen Kreisen rekrutiert, und daß wahrhaft religiös gesinnte, freier denkende Jünglinge sich nicht einem Berufe widmen mögen, der ihnen wenig Aussicht zur Entfaltung einer segensreichen Tätigkeit bietet. — Liberalismus und Jndisterentismus sind vielen Juden identische Begriffe, und eben diese Begrifssverschmelzung, richtiger Begriffsverwirrung, trägt die Hauptschuld an den unerquicklichen religiösen Zuständen in der deutschen Judenheit. Ein Zusammenwirken von Rabbinern und Gemeindedetegierten im Vorstande und in den Synoden muß -notwendig zur Klärung der Ansichten, zur Erstarkung des religiösen Bewußtseins führen und sollte darum namentlich von den Anhängern einer freieren Richtung als ein Moment des Fortschritts freudig begrüßt, nicht aber verhindert werden. Die Forderung freilich, daß die Kluft zwischen der „Lehre der Rabbiner" und dem Leben durch eine Preisgebung desjenigen Teiles des Religionsgesetzes geschlossen werde, das die überwiegende Mehrzahl der Nichtrabbiner nicht als geltendes Gesetz anerkennt, kann und darf nimmermehr von seiten der Rabbiner erfüllt werden. Damit würden diese ja die Führung in religiösen Angelegenheiten aus der Hand geben und jede Existenzberechtigung verlieren, sie würden einfach zu Nachbetern der Majorität herabsinken. Eine solche Forderung ist gleichbedeutend mit dem Verlangen, daß die Rabbiner ihre eigene religiöse Ueberzeugung verleugnen, um nicht in Widerspruch zu treten mit den Ansichten und Ueberzeugungen anderer, daß sie mit dem Strome schwimmen und den Mantel nach dem Winde drehen. Wenn die Rabbiner die Speisegesetze nicht nur für ihre eigene Person beobachten, sondern auch deren allgemeine Beobachtung sür wünschenswert erklären und in ihnen ein erziehliches und versittlichendes Mittel erblicken, so hat niemand, auch der nicht, der auf einem entgegengesetzten Standpunkte steht, das Recht, sie deshalb als ein Element des Rückschritts zu bezeichnen, und die Befürchtung, daß die Einräumung einer verstärkten Vertretung an die Rabbiner im Sinne der Rückständigkeit des Judentums wirken würde, ist ganz und gar unbegründet. Wohin würden wir kommen, wenn die Beobachtung oder Nichtbeobachtung der Zeremonialgesetze den Gradmesser für Fortschritt und Rückständigkeit abgeben sollte? Dann könnte es ja, — was Gott verhüten wolle — auch dahin kommen, daß derjenige, der am Versöhnungstage fastet, der am Pesfachfeste ungesäuertes Brot genießt, der an seinem Kinde die Circumcision vollziehen läßt, der am Sabbat nicht arbeitet, als ein rückschrittlicher oder als ein rückständiger Jude bezeichnet würde. Es ist noch nicht gar lange her, daß man die bürgerliche Gleichstellung der Juden von ihrer Verzichtleistung auf die Beobachtung des Religionsgesetzes abhängig machen wollte. Damals haben gut freisinnige Männer wie Gabriel Riester dies als eine Herabsetzung des Judentums weit von sich gewiesen und wahrheitsgemäß behauptet, daß das jüdische Religionsgesetz, worunter sie auch die Zeremonialvorfchristen verstanden wissen wollten, niemand verhindere, an der Kultur- und Geistesarbeit der deutschen Nation teilzunehmen. Man hat dann auch in allen zivilisierten Staaten das - Ungeheuerliche jenes Verlangens eingesehen und den Juden die Gleichberechtigung ohne Vorbehalt gewährt. Und nun verlangt der freisinnige Herr M., daß die Rabbiner den Preis für die Einräumung einer stärkeren Vertretung in der zu schaffenden Organisation mit ihrer Verzichtleistung auf einen Teil des Religionsgesetzes bezahlen. Fürwahr! Man kann die Sache des liberalen Judentums, die mir sehr am Herzen liegt, und für die ich seit nahezu 40 Jahren.wirke, nicht stärker diskreditieren als durch einen derartigen Gedanken, und es hat mich tief geschmerzt, ihn von einem Manne aussprechen zu hören, dem ich wegen seines lebhaften Interesses an allen . jüdischen Angelegenheiten hohe Anerkennung zolle.