Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
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zum beträchtlichen Teil die Kinder der kleinen sind. Noch weit mehr trifft es in einer viel wesentlicheren Hinsicht zu. Die kleineren Gemeinden sind nämlich die eigentlichen Sitze des Gemeindelebens, der allgemeinen Teilnahme ant Judentum. Das Leben lehrt es allenthalben, daß, je enger ein Kreis ist-, desto wichtiger darin die Stellung des einzelnen ist,' sowohl tatsächlich, als auch seinem Empfinden, seinem.Selbstbewußtsein nach. Denn je begrenzter die Gemeinschaft ist, ein um so volleres Maß an Opferwilligkeit ist. zu ihrer Erhaltung nötig, um so gewichtigere Anforderungen muffen an einem jeden in ihr gestellt werden. Die Familie verlangt beispielsweise Tugenden; die der Staat nicht zu beanspruchen braucht. Und mit den Pflichten, die obliegen, nimmt das Gefühl zu, etwas zu bedeuten, ein Glied der Gesamtheit zu sein. In der kleineren Stadt merkt und empfindet der Bürger, daß er Bürger ist upd in der kleinen und mittleren Gemeinde weiß jeder, daß er zur. Gemeinde gehört. Jeder wird notwendig hier herangezogen: der, welcher sich abseits stellt, hat die mehr oder minder peinliche Gewißheit davon, und ebenso haben sie die anderen alle, die ihm gegenüberstehen: er kann nur mit Absicht abseits sein, nicht aber, weil er vergißt oder vergessen wird. Hiergibt es daher ein umfassendes und bewußtes. Gemeindeleben, die Leistungen der Gesamtheit sind das Ergebnis der vereinten Kräfte. Die Geschichte des Judentums in Deutschland weiß viel von der Kleingemeind erei, wenn dieser Ausdruck gestattet ist, zu erzählen. Die Abneigung gegen die allzu große Zentralisation war allgemein, man liebte es,-Gemeinden in der Gemeinde zu schaffen; jede Zunft, jede Berufsgenossenschast bildete gern eine besondere religiöse Vereinigung. Ost mag die Eigenbrödelei dabei mitgespielt haben, aber im Grunde war es kein ungesunder Zug, dieser Zug zum Kleingemeindeleben. Nicht zu verkennen ist es, wie sehr auch die Liebe zur Gemeinde damit zusammenhängt. Es ist echt menschlich, daß mit der Größe der Opfer, die man bringt, die Treue und Hingebung zunimmt. Das hat seine ideale Seite; den Eltern sind z. B. ihre Sorgenkinder in der Regel am innigsten ans Herz gewachsen. Es hat aber auch seine recht nüchterne Seite; die meisten halten nur das hoch, was Anforderungen an sie stellt, oder prosaisch gesprochen, was sie etwas kostet. Die kleinere Gemeinde liegt jedem ihrer Mitglieder schon deshalb an der Seele, weil er seine Zugehörigkeit zu ihr an seinem Beutel spürt. Die große Gemeinde bedeutet den meisten ihrer Angehörigen nicht genug, weil sie von ihnen auch in materieller Hinsicht zu wenig fordert. Das mag recht naturalistisch klingen, aber es ist, wie gesagt, ein echt menschlicher Zug, der sich darin ausspricht und der darum nicht außer Betracht zu lassen ist. Je größer die Gemeinde ist, desto weniger wird in ihr jeder Einzelne beansprucht, ein großer Teil der vorhandenen Kräfte wird nicht gebraucht und ist also, der Wirkung nach, überflüssig. Und es ist ein Daseinsgesetz bei jedem Organismus, daß das Einzelleben, das nicht gebraucht wird, schließlich aufhört, an dem Gesamtleben des Organismus teilzunehmen und endlich abstirbt. Die Gleichgültigkeit des Jndifferentismus vieler, mit .seiner Folge, dem Abfall, ist eine notwendige Begleiterscheinung des allzu großen Wachstums der Gemeinde. Ein eigentliches Gemeindeleben kann sich hier nicht entwickeln; eine Gemeinde von vielleicht 50000 Seelen ist im Grunde ein Widerspruch in sich, eine eontraäletio in adjecto, wenn anders jener Name eine Vereinigung bezeichnet, in der sich prinzipiell die religiöse Einwirkung auf jedes ihrer Glieder erstrecken soll. Man kann die zentralisierten Großgemeinden mit den Latifundien vergleichen; alle die Nachteile, die diesen eigen sind, finden sich in gewissem Sinne auch hier. Die nüchterne, bestimmte Zahl tut es am augenfälligsten dar, wo sich die Leistungskraft offenbart. Man braucht nur einmal, etwa auf Grund des statistischen Jahrbuches des D. I. G. B., das Verhältnis der Aufwendungen zusammenzustellen, die in den Gemeinden weiten und engeren Umfangs für die allgemeinen Zwecke gemacht werden; es kommen Zahlen heraus, die zu denken geben- und vor denen die großen Summen, mit denen die Budgets der Großgemeinde blenden, alsbald sehr viel von ihrem Glanze verlieren. Und dieser Vergleich wird noch beweiskräftiger und packender, wenn man auch gewissermaßen das Schwereverhältnis in Betracht zieht, die Besitztümer nämlich, die materielle Potenz hier und dort abwägt. Ein deutliches Bild gewinnt man schon, wenn man etwa die Mitgliederzahlen prüft in den gemeinnützigen Vereinigungen, die sich überganz Deutschland erstrecken. Vergleicht man beispielsweise die einzelnen Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, so ergibt sich: auf 1000 Seelen kommen in den mittleren und kleineren Gemeinden durchschnittlich ungefähr 80 Mitglieder des Vereins, in Großberlin dagegen kaum neun. Mitglieder. Diese Zahlen sprechen deutlich, und sie sind nur e i n Fall aus der steten Regel. Den schroffen Gegensatz zu dieser Hypertrophie der Großgemeinde, die zmn Jndifferentismus vieler führen muß, bildet die Atrophie der Kleinsten, der winzigen Gemeinden. Wir haben in Preußen eine nicht unbeträchtliche Zahl solcher, die nur acht, zwölf oder zwanzig Familien umfassen; von den größeren Zentren zu weit entfernt, müssen sie sich selbst zu Gemeinden zusammenschließen. Die Opfer sind hier groß, sehr groß; nicht selten erreichen die ordentlichen Gemeindeabgabeu die Höhe von 200°. <> der Staatssteuer. Jeder Einzelne nimmt es auf sich. Aber alle Opferwilligkeit ist unzureichend, sie ermöglicht kaum, und nur in primitiver Form, die unentbehrlichsten Institutionen des Gemeindelebens; dasselbe kann sich nicht entwickeln aus Mangel an Mitteln; alles Mühen erlahmt schließlich, weil es zur Ergebnislosigkeit verdammt ist. Es ist nicht nötig, Einzelbilder zu entwerfen, die trüben, schwierigen Verhältnisse sind oft genug geschildert worden. Diese beiden Gegensätze bilden das große Problem der preußischen Judenheit: Einerseits die Frage der Großgemeinden oder wir können fast sagen, die Berliner Frage; denn. Berlin umfaßt ja mehr als ein Viertel der Juden Preußens. Und andererseits die Frage der ganz kleinen Gemeinden. Welches die Lösung ist, steht klar vor den Augen aller, die sehen wollen; es ist die materielle Unterstützung und Hebung der ganz kleinen durch die großen und leistungsfähigen, und es ist die Schaffung eines eigentlichen Gemeindelebens in den großen Gemeinden. Das ist das Ziel; den praktischen Weg dahin zu. finden, ist die Aufgabe der Berufenen. „Wo ein Wille ist, da findet sich auch ein Weg." Lur Nrgsnilation der Milchen Leligionsgemrinden in Kreutzen. Eine Entgegnung von Dr. H. Vogelstein-Stettin. it Dank ist jede Erörterung und Besprechung des Rosinschen Entwurfs, betreffend die Organisation der. jüdischen Religionsgemeinden in Preußen, zu begrüßen, da hierdurch eine Klärung der Ansichten herbeigesührt, und auch manche Aenderung, die als eine Verbefferung zu betrachten ist,