Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228677--62061-3275917- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
471 Zürich hat auf das Gesuch bezüglich des Hausierverbots für russische Israeliten folgenden Bescheid ergeben: „Aus das Gesuch um dauernde Belassung von Hausierpatenten an israelitische russische Staatsangehörige kann nicht eingetreten werden. — Das Patentbureau ist jedoch ermächtigt, solche Patente zurzeit noch zu erteilen bezw. zu verlängern, aber nur in der Meinung, das; mit Ende Oktober 1905 die Gültigkeit aller dieser Patente erloschen sein soll." * -Aus Rumänien hat man lange nichts gehört und das war gut. Neuerdings wird von dort berichtet, das; einer der liberalen Minister des jetzigen Kabinetts sich bei der Besprechung der letzten Ereignisse und besonders der Gewährung der Verfassung in Rußland dahin geäußert habe, daß es angesichts der den dortigen Inden gewährten Rechte für Rumänien fortan sehr schwer sein wird, die gegen seine Juden bestehenden gesetzlichen Restriktionen weiter aufrecht zu erhalten. Die rumänischen Politiker würden sich an den Gedanken gewöhnen müssen, daß früher oder später die die rumänischen Juden betreffenden Gesetze abgeändert werden müssen. Nach dem bekannten Wort, daß man die Danaer fürchten müsse, wenn sie Geschenke bringen, haben wir nun alle Tage aus eine Hiobspost aus Rumänien gewartet. Jetzt ist sie fahrplanmäßig eingetroffen. Der Präfekt des Kreises Botuschani hat die Ausweisung aller jüdischen Einwohner seines Kreises vom flachen Lande verfügt; eine Eingabe christlicher Bürger, diese Verfügung aufzuheben, war erfolglos. 230 Familien mußten nun ihren Wohnsitz verlassen und in die Städte ziehen, ohne daß ihnen > Zeit gelassen'swurde, ihre Geschäfte regulär zu liquidieren. Wer nicht freiwillig ging, wurde gewaltsam auf Wagen fortgeführt! Die Freiheitsbewegung in Rußland, welche vor zwei Jahren unter dem Fürsten Swiatopolk-Mirski als „Frühlingshauch" begonnen hat, um jetzt als brausender, alles vor sich niederwerfender Herbststurm durch das Zarenreich zu toben, hat die russische Bureaukratie anscheinend wenig erschüttert. Als wenn die Maigesetze ewig dauern sollten, werden die Juden jetzt genau ebenso behandelt, wie zuzeiten des verflossenen Herrn von Plehwe. Höchstens werden hie und da kleine Erleichterungen „geplant". So wird im Schoße des Ministeriums des Innern der Plan erwogen, wonach Juden im Alter unter 24 Jahren nur mit besonderer Erlaubnis des Ministers des Innern zum Christentum übertreten dürfen. Selbstredend wird diese Erlaubnis in jedem einzelnen Falle anstandslos erteilt werden. Der Inspektor des Kiewer Lehrbezirks macht bekannt, daß Juden, welche in den Lehranstalten der Stadt Kiew ausgenommen zu werden wünschen, keine Erlaubnis in Kiew wohnen zu dürfen, vorzuzeigen brauchen, da mit erfolgter Aufnahme die Aufenthaltserlaubnis eo ipso erteilt ist. In diesem Falle dürfen sich auch ihre Eltern unbeschränkt in^Kiew aushalten. Es ist das wieder eine homöopathische Dosis Freiheit, wie sie bereits unter Plehwe geplant wurde. Geht es in diesem Tempo weiter, so werden die Juden vielleicht nach einigen Jahrhunderten endlich das unbeschränkte Wohnrecht in Kiew erhalten. Auch an der völlig ungesetzlichen, weil durch ein Ministerzirkular dekretierten prozentualen Norm bei der Zulassung zu den mittleren und höherenIBildungsanstalten, wird mit einer eisernen Zähigkeit sfestgehalten. Die^Hofsnung der jüdischen Jugend, daß unter denH Drucks der öffentlichen Meinung schon jetzt die prozentuale Norm aufgehoben werden würde, hat sich als völlig grundlos erwiesen. Nur den Söhnen der im fernen Osten kämpfenden jüdischen Soldaten ist es durch einen besonderen Gnadenerlaß des Zaren gestattet worden, ungeachtet der bereits zugelasfenen jüdischen Kinder über die prozentuale Norm hinaus in den Mittelschulen ausgenommen zu werden. Bei den Universitäten pocht die jüdische Jugend nach wie vor vergebens an. So wurden in diesem Jahre m der Universität Charkow nur 24, in der von Warschau nur 12 jüdische Abiturienten ausgenommen. In Odessa mußten Hunderte von jüdischen Gymnasiasten jenseits der Universitäts- Pforten bleiben, worauf ein großer Teil von ihnen nach., Deutschland reiste, in der Hoffnung, vielleicht an irgend einer Universität Aufnahme zu finden. Nur dem Warschauer Polytechnikum ist großes Heil widerfahren. Hier wurden 63 Juden gegen 123 Christen ausgenommen. Natürlich schlug die „Nöwoje Wremja" ob diesem unerhörten Fall großen Lärm und denunzierte gehörigen Orts den von den Juden bestochenen Direktor Lagorio. Zur Verantwortung gezogen erklärte dieser, er habe deshalb so viel Juden aufnehmen müssen, weil sehr wenig Christen das Examen bestehen konnten, und er infolgedessen die Wähl hatte, das Polytechnikum leer stehen zu lassen, oder die leeren Plätze mit fähigen Juden, die ihr Examen glänzend bestanden hatten, auszufüllen. Im übrigen wird gegenwärtig im russsischen Bildungsministerium erwogen, ob es nicht den betreffenden Rektoren anheim gestellt werden könnte, Juden nach eigenem Ermessen auch über die prozentuale Norm hinaus zum Universitätsstudium zuzulassen. Inzwischen nimmt die Auswanderung der Juden aus Rußland derartige Dimensionen an, daß sie selbst die Aufmerksamkeit der Regierung erregt. Selbst die tief im Boden wurzelnden Kolonisten in Südrußland beginnen, in großen Scharen ihre Scholle zu verlassen, um jenseits des Ozeans von vorne anzufangen. Allein aus der Kolonie „Jngulez" im Gouvernement Cherson sind 100 Familien, d. h. 27,24 o/g aller Kolonisten ausgewandert. Die starke Zunahme der Emigration hat den Minister des Innern veranlaßt, einen speziellen Delegierten nach Südrußland zu entsenden, der den Ursachen, die die Kolonisten zur Auswanderung veranlassen, nachgehen soll. Der Herr Minister braucht zu diesem Zweck keinen besonderen Abgesandten zu schicken. Man weiß sehr wohl, weshalb die Kolonisten es vorziehen, nach Argentinien zu gehen, um da von neuem ihr Glück zu versuchen. Sie leiden zu Hause an einer drückenden Landknappheit und die bekannten Maigesetze gestatten ihnen nicht, durch Kauf oder Pacht ihren Zwergbesitz irgendwie zu vergrößern. Gkmrmdrleben. Von Dr. L. Bäck-Oppeln. s ist schon oft hervorgehoben worden, wie viel für die Kultur und das Geistesleben in Deutschland die kleine Stadt bedeutet. Ihr entstammen fast alle die Führer und Vorkämpfer des Volkes, die Männer der Wissenschaft wie die Männer der Umsicht und Tatkraft: Die große Stadt zieht sie an sich, aber der kleine Ort hat sie erzeugt. Immer und überall gewinnt der deutsche Genius, nach einem Worte Wilhelm Raabes, ein gut Teil seiner Kraft aus „dem Philisterium", d. h. aus der begrenzten, engeren Stätte. ' . Vom Leben der deutschen Juden kann ein Aehnliches gesagt werden. Es hat seine stärksten Wurzeln und seinen festen Rückhalt in den kleineren Gemeinden. Das gilt nicht bloß in dem rein äußerlichen Sinne, daß die kleinen Gemeinden für die große der Mutterboden sind, der ihr immer neuen. Zuwachs hinsendet, daß die Männer der großen Gemeinde