Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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09. Jahrgang. No. 89, Berlin, 29. September 1905. Der Gemeindevote. Weilsge zur „Allgemeinen Leitung -eK Judentums Lorrelponven?en und Nachrichten. Deutschland. — Berlin, 24. September. Am 17. d. M. hat hier eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfs Vereins der Deutschen Juden stattgefunden, die auch von zahlreichen auswärtigen Mitgliedern besucht war. Der Vorsitzende, Herr James Simon, gab eine Uebersicht über die finanzielle Lage des Vereins, während der stellvertretende Vorsitzende und Geschäftsführer im Ehrenamt, Herr Dr. Paul Nathan, ein eingehendes Referat über die allgemeine Lage der Juden in Rußland und über die Maßnahmen erstattete, die zur Besserung ihres traurigen Loses unternommen worden sind. Der Verein hat nach Maßgabe feiner Kräfte überall helfend ein gegriffen. Dabei wurden alle Pläne, die auf eine Besserung der Lage der Juden in Rußland hinzielten, sorgfältig geprüft, und wo es zweckentsprechend war, nach Möglichkeit gefördert. An den Vortrag knüpfte sich eine längere Debatte, die die Uebereinstimmung der Anwesenden mit den Ausführungen des Referenten dartat. Hierauf wurde eine große Reihe von Bewilligungen beschlossen. Dem Komitee zur Hilfe durchreisender russischer Juden in Kopenhagen sind 2500 Mark, dem jüdischen Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg 2000 Mark, dem Bremer Komitee für hilfsbedürftige durchreisende Juden 1500 Mark von neuem bewilligt worden. Alle diese Komitees stehen im engsten Zusammenhang mit dem Zentralbureau für jüdische Auswanderungsaugelegenheiten, das dem Hilfsverein der Deutschen Juden und der Großloge „U. O. B. B." untersteht. Der jüdischen Gemeinde in Biälystok sind zur Verteilung an die durch die bekannten Exzesse ihres Ernährers beraubten Familien 5000 Mark zur Verfügung gestellt worden. Der neugebildeten Gesellschaft „Bezalel" zur Förderung des Kunsthandwerks in Palästina sind für das Jahr 1906 unter gewissen Voraussetzungen 3000 Mark bewilligt worden. Der Hilfsverein beschloß ferner, das Defizit der jüdischen Kindergärten in Jerusalem im Betrage von 1900 Frank zu decken. Auch für eine Mädchenschule in Jerusalem und andere Schulzwecke in Palästina und Rumänien wurden namhafte Beträge votiert. Mit Rücksicht darauf, daß die finanziellen Mittel des Hilfsvereins durch die trostlose Lage in Rußland und durch die zunehmende Auswanderung auf das äußerste in Anspruch genommen wurden, und da leider nichts darauf hindeutet, daß selbst nach dem Friedensschluß die Lage unserer Glaubensgenossen dort eine Besserung erfahren werde, hat der geschäftsführende Ausschuß sich dafür ausgesprochen, demnächst mit einem öffentlichen Aufruf an den bewährten Wohltätigkeitssinn unserer deutschen Juden zu wenden. 3. Berlin, 26. September. Wie wir bereits mitgeteilt, hat sich vor kurzem ein Verein unter dem Namen Tiergarten-Synagoge zur Erhaltung des Gotteshauses an der Potsdamerbrücke gebildet. Durch eine finanzielle Transaktion ging nämlich mit Ablauf des vorigen Jahres das Haus, in dem sich jene Synagoge befindet, aus den Händen der bisherigen Eigentümer in andere über, so daß der fernere Bestand der Synagoge in Frage gestellt war. Es ist erfreulich, daß diese Krisis vorüber und daß die Synagoge, die vor dreißig Jahren von den Herren Jakob Bamberger, den sel. Geheimrat Lachmann und N. Oppenheim erbaut wurde, entweder ihrem frommen Zweck an der bisherigen Stelle erhalten bleibt oder in neue, noch zu erwerbende Räume verlegt wird. Hoffentlich werden sehr viele Mitglieder sich dem neugebildeten Verein anschließen, damit derselbe recht bald in der Lage ist, an Stelle des alten Gotteshauses ein neues zu errichten, das den berechtigten Anforderungen der Aesthetik und der Hygiene in vollkommener Weise entspricht. Anfragen und Zuschriften sind an das Bureau der „Tiergarten-Synagoge", Schöneberger Ufer 26, zu richten. Zum Vereinsvorstaud sind gewählt worden die Herren: Rentier Jacob Bamberger, Steglitzerftraße 36, Direktor Isidor Cohn, in Firma Trautwein- Leipzigerstraße 119/120, Fabrikbesitzer Aron Hirsch, Roonstraße 1, Bankier Max Jaffa, Hausvogteiplatz 11, von denen insbesondere Herr Jaffa zu jeder Auskunft gern bereit ist. Der Mitgliederbeitrag'sist auf nur 10 Mark jährlich^festgesetzt, so daß cs vielen leicht gemacht ist, sich zu betätigen. — Berlin, 25. September. Bekanntlich hat sich ein größeres Konutee, Bezalel, dem neben vielen hervorragenden Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft auch eine Reihe bedeutender Künstler, wie Josef Israels, Max Liebermann, E. M. Lilien, Professor Boris Schatz, Herm. Struck u. a. angehören, gebildet, mit dem Zwecke, die Hausindustrie und das Kunstgewerbe in Palästina einzuführen. Schon jetzt ist das Komitee in der Lage, an die Ausführung dieses Plans heranzutreten, und zwar begibt sich der bekannte Bildhauer Professor Boris Schatz in Gesellschaft des Malers E. M. Lilien noch in diesem Herbste nach Palästina, um dort die nötigen Ateliers und die Kunstgewerbeschule zum Unterricht im Zeichnen und Malen, in der Plastik, im Entwerfen von Modellen für die in Aussicht genommenen Kunstgewerbe (Teppichknüpferei, Textil-, Holz-, Ton-, Metall-, Steiuarbeit u. a.) einzurichten, deren Leitung in opferwilligster Weise Boris Schatz übernommen hat. Für diese Schule wird ein jüdischer Lehrer gesucht. Außerdem sollen 10 besonders begabte Schüler und Schülerinnen vorgemerkt werden, denen in der Kunstgewerbeschnle in Jerusalem unentgeltlich Unterricht erteilt werden wird und die nach Absolvierung desselben Aussicht haben, Leiter von Ateliers zu werden. Bewerbungen sind zu richten an: E. M. Lilien, Berlin SW., Eroßbeerenstraße 69 — aus europäischen Ländern — und an Professor Boris Schatz, Jerusalem — aus Amerika und anderen Weltteilen. — Berlin, 25. September.- Im Mai d. I. war es wieder vorgekommen, daß ein Polizeibeamter bei Ueberwachung einer Pückler- Versammlung diese nicht auflöste, trotzdem die Rede des Grafen von Aufreizungen zur Begehung der schwersten Verbrechen, wie Mord und Raub, wimmelte. Auf die vom Zentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hiergegen beim Polizeipräsidium eingelegte Beschwerde.gab dieses für die Unterlassung der Auflösung die Begründung, der Graf habe in einem Vorwort zu seiner Rede erklärt, das, was folgen werde, fei nicht ernst gemeint und dürfe nicht wörtlich aufgefaßt werden. Der Zcntralverein sah sich nunmehr veranlaßt, den Minister des Innern darüber in. einer Beschwerde zu interpellieren. In dem seitens des Ministers ergangenen Bescheid wurde die theoretische Frage nicht berührt, aber bemerkt, es fei Vorsorge getroffen worden, daß bei einem etwaigen weiteren Auftreten des Grasen Pückler in öffentlichen Versammlungen im Falle von Ausschreitungen Auflösung erfolge. Tatsächlich sind auch die beiden nächsten Versammlungen des Grafen nach Aufreizungen zur Begehung von Verbrechen rechtzeitig aufgelöst worden. Lp. Ans der Provinz Posen, in: Septenrber. An: 5. d. M. ist Rabbiner Dr. Lew in aus Pinne in sein neues Amt in Kempen eingeführt worden. — Herr Kaufmann Rudolf Elkuß hat den Insassen des Altersheims zu Flatow 250 Zentner Steinkohlen geschenkt. — Kaufmann Moritz Jacobowicz in Adelnau ist zum Magistratsmitgliede daselbst gewählt und bestätigt worden. — In Sch loch au feierte jüngst das Färbermeister Rosenbergsche Ehepaar das Fest der goldenen Hochzeit. — Der Bezirksausschuß zu Posen hat genehmigt, daß in Ostr'owo wegen des Versöhnungsfestes der Wochenmarkt vom 9. Oktober auf den 10. Oktober er. verlegt werde. — Fabrikbesitzer Auerbach in Schroda hat dem dortigen Landwehrverein 2000 Mark als Spende überwiesen. — Kaufmann Stahl aus Amerika hat anläßlich des Besuches seiner Heimatgemeinde Kempen dieser einen namhaften Betrag zur Errichtung einer Dampfheizungsanlage in der Synagoge als Spende überwiesen. - Kantor Steinkritzer in Rogasen ist an die Gemeinde zu Krojanke berufen worden. — Kaufmann Salty Cohn in Wronke, langjähriges Aufsichtsratsnutglied des Vorschußvereins daselbst, ist in: Alter von