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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-29 · Heft 39 (29.9.1905) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 468 (sequence 12)
Language
German
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468 Eine namenlose Angst bemächtigte sich des Knaben; nach dem, was jetzt geschehen war, durfte er es nicht mehr wagen, dem Vater unter die Augen zu treten — dem strengen, ernsten Vater, der ihn, wie schon so oft, sicherlich auch jetzt wieder,., so schmerzhaft an den Ohren Hochziehen und so erbarmungslos mit dem Lederriemen schlagen wird — erstlich weil er nicht züm Gottesdienst gekommen, zweitens weil er den Feiertag entweiht, indem er etwas zerstört, und drittens, was eigentlich ganz besonders schwer ins Gewicht fiel, weil er eine unnötige Ausgabe für ein neues Fenster verursacht. Und als die große Zahl, seiner Vergehen vor seinem Geistesauge aufstieg, da stieß der Knabe einen wilden Schreckensruf aus und floh von dannen, als ob eine Legion von Teufeln mit Lederriemen in den Händen hinter ihm her wäre. Das dichtbevölkerte Judenviertel lag längst hinter ihin, und noch immer lief er, betäubt und verwirrt, durch die ihm fremden, oft sich kreuzenden Straßen, mit keuchender Brust, die Augen ängstlich nach allen Seiten richtend. Wohin er lief, wußte er selbst nicht — kümmerte sich auch nicht — nur fort, fort von dem sausenden und zischenden Lederriemen. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen; der Verkehr wurde geringer, die Straßen immer stiller, und er lief noch immer weiter. Als er endlich einen Augenblick stehen blieb, um Atem zu schöpfen, da fühlte er seine Schulter berührt; ein Ausruf des Schreckens entfuhr seinen bleichen Lippen und blitzschnell warf er sich zu Boden. „Gnade, Vater, Gnade — nicht schlagen — ich werde es, nie mehr tun —" jammerte er mit geschlossenen Augen, die Hände wie zur Abwehr emporhaltend. „Stelst auf, ich tue Dir nichts," hörte er eine fremde Stimme sprechen, während eine weiche Hand liebkosend sein Haupt streichelte. Und als er endlich Mut gefaßt und aufgeblickt, da sah er einen Mann, in einem langen schwarzen Nock vor sich, der mitleidig auf ihn niederschaute. „Du hast Angst — Du fliehest vor einer Gefahr," sprach dieser sanft, „Du kannst jetzt ganz ruhig sein, es geschieht Dir nichts. Erzähle mir, was Du fürchtest." Hastig und noch immer ängstliche Blicke um sich werfend, berichtete jetzt Jakob, was ihm passiert sei. „Und wenn ich jetzt nach Hause komme," so schloß er weinend, „dann schlägt mich der Vater noch mehr als sonst, oder er sperrt mich wieder in den finsteren Keller." er brach plötzlich ab; wie ein Betrunkener taumelte er hin und her, und wäre zu Boden gestürzt, wenn der Fremde ihn nicht aufgefangen hätte. „Verhungert — so wahr ich lebe!" murmelte dieser, den Knaben in seine Arme nehmend. Es war eine erbarmungswürdige leichte Last. Er schritt eilig dahin, und als er ein hohes, graues Gebäude betrat, hatte sich Jakob so weiterholt, daß er wieder den Kopf emporheben konnte. Noch ganz verwirrt blickte er um sich. „Was ist denn das?" fragte er verwundert, als er am Eingänge des Hauses, eine große, vergoldete Holzsigur an einem Kreuze bemerkte. „Das — das — das ist ja unser Türpfosten-Amulett," erwiderte verlegen der Fremde. „Habt Ihr nicht auch solche an Euren Türen?" „Nein, dieses ist nicht wie unseres," widersprach Jakob, „dieses ist ja nur aus Holz, und unseres ist in einer feinen Blechkapsel mit einem Fensterchen, durch welches Gottes Auge in die Stube hineinsieht — — das hat ja der Lehrer erst gestern gesagt. Aber vielleicht ist dieses eine neue Machart —- „Ja, ja, eine neue Machart," wiederholte der Fremde leise, wie zu sich selbst, „die aber noch andauern wird, wenn Eure Blechkapsel schon längst vom Rost zerfressen ist." „Das ist nicht wahr!" schrie Jakob mit voller Stimme, „Unser Lehrer sagte, in jeder Kapsel wohnt ein Engel Gottes, und wenn sie zerbrochen wird, dann fliegt er in eine neue hinein, die man bald wieder an die Tür befestigt, und das wird so ewig fortgehen, so lange die Welt besteht." (Schluß folgt). Literarische Mitteilungen. — Der neue Jahrgang (5666 — 1905/06) des von der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" herausgegebenen „Kalender für Israeliten" ist soeben erschienen. Auch, dieser Jahrgang weist wesentliche Verbesserungen und Ergänzungen auf. Dem kalendarischen Teile wurde die größte Sorgfalt gewidmet und im schematischen Teile war man bemüht, die möglichste Vollständigkeit und Aktualität der Daten, betreffend die österreichisch-ungarischen Kultusgemeinden, ihre Vorstehungen, Funktionäre und rituellen Institutionen, zu erreichen. Ebenso wurde auch diesmal dem jüdischen Vereinswesen die größte Aufmerksamkeit zugewendet. Das Verzeichnis aller in Oesterreich erscheinenden jüdischen Zeitungen wurde vervollständigt. Der literarische Teil bringt eine interessante Studie über den Zusammenhang der jüdischen Monatsnamen mit religiösen Vorstellungen aus der Feder des ausgezeichneten Talmudkenners Leopold Mandl, ferner eine spannende Erzählung aus dem jüdischen Auswandererelend von Julius Uprimny. Die handliche Form und die elegante Ausstattung des Kalenders werden auch diesmal gewiß volle Anerkennung finden. Der billige Preis ermöglicht auch den Minderbemittelten die Anschaffung dieses vortrefflichen Kalenders und statistischen Jahrbuchs für Oesterreich-Ungarn. Sxrechsaal. Geehrter Herr Redakteur! in Irrtum, der sich — bisher unwidersprochen — in Ihr geschätztes Blatt während der Sommerszeit eingeschlichen, bedarf der Berichtigung. In Nummer 35 wird berichtet, daß die Synagoge in der Heidereutergasse in diesem Winter ihr 200 jähriges Jubiläum feiern werde und sie ihre Entstehung einem Geschenk des Königs Friedrich Wilhelm I. verdanke, der einen großen Garten in der Heidereutergasse den Juden für diesen Zweck geschenkt habe. Beides ist falsch! Die jüdische Gemeinde hat den Bauplatz für 4000 Taler erworben. Und als Geschenk für die erteilte Erlaubnis zum Vau mußten die Juden dem König 3000 Täler zahlen. Ja, als sie säumig wurden, schreckte man sie mit der Drohung, „wenn sie nicht bis Sonntag zahlen, so soll Liebmanin die Schulst haben." Diese Hofjüdin hatte bekanntlich ihre eigene Synagoge und lebte in beständiger Fehde mit der Gemeinde. Die Einweihung der Heiderentersynagoge aber fand — allerdings in Gegenwart des Königs und des Hofes — am Neujahrstage 1714 statt. Hochachtungsvollst Martin Liebermann. Oriekksltrn der Redaktion. . H. N. in S.: Sie haben Recht. Der Artikel war nur eine Satire auf die politischen Verhältnisse in Oesterreich; mehr nichts. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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