Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 467 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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467 der wohlverdienten Ruhe mit vollem Behagen sich hingeben. Zwar war es erst der Anfang des Herbstes, wo die Sonne den ganzen Tag recht warm schien und die Erde noch mit tausenderlei buntfarbigen Blumen sich schmückte;, allein der Richter merkte es wohl, daß er alt geworden war, denn sein Blut fing bereits an, recht träge zu zirkulieren, als sei es endlich des langjährigen Einerlei müde geworden. Eine ganze Weile saß er gedankenlos da, und kein Geräusch störte seine Ruhe, doch plötzlich blickte er auf; die große Lampe, die bisher, von einem grünen Schirm beschattet, ein sanftes, mildes Licht verbreitet, begann zu knistern und zu flackern, und der schwere Damastvorhang vor dem Fenster bewegte sich leise hin und her, als ob unsichtbare Hände mit ihm spielten; bald wurde das Knistern stärker, hörbarer, und der Vorhang bauchte sich weit in das Zimmer hinein. Verwundert und unangenehm berührt, verspürte der Richter einen heftigen Windstoß, der eine Welle kalter Nachtluft in das Zimmer blies, die ihm ein Frösteln verursachte. Jetzt fiel es ihm ein: eine Fensterscheibe war heute zerschlagen worden. Sein Söhnchen hatte mit seiner Knallbüchse hineingeschossen. Ein leises Lächeln umspielte die bleichen Lippen des Mannes, als er an den Trünenerguß des kleinen Missetäters dachte, der über das geschehene Unglück tief traurig sich zeigte, und sich nicht eher beschwichtigen ließ, bis der Vater, der gerade im Begriffe war, nach dem Gerichtsgebäude zu gehen, ihn in die Arme genommen und recht zärtlich abgeküßt, und noch als besonderen Beweis der Vergebung ihm einen blanken Silberrubel geschenkt. Er hatte Sebastian, dem Diener, befohlen, den Schaden noch im Laufe des Vormittags beseitigen zu lassen; doch der alte Esel hat es sicherlich wieder vergessen. Mit einer zornigen Bewegung griff er nach dem Glockenzuge, um den pflichtvergessenen Diener herbeizurusen und zur Rede zu stellen — doch, wie von einer unsichtbaren Macht' festgehalten, blieb sein Arm steif und bewegungslos — ein plötzlicher Gedanke, eine unerwartete Erinnerung war in seinem Inneren aufgetaucht! Seine Hand krampfte sich zur Faust, als habe sie etwas gefangen, das sie nicht mehr loslassen wollte — es war der bleiche, stilläugige Geist der Vergangenheit, der bei ihm Einkehr hielt und mit eisernen Banden ihn umklammerte. Hat es nicht damals, gerade um dieselbe Jahreszeit, auch mit einer zerschlagenen Fensterscheibe begonnen? Richtig, heute beginnt doch wieder das jüdische Neujahrsfest — und darum hat auch der alte Landstreicher so flehentlich gebeten, freigelassen zu werden, „um am Gottesdienste in der Synagoge teilnehmen zu können, wo die ganze Gemeinde ihre Gebete für ein glückliches Jahr zum Schöpfer des Weltalls emporsendet". Ja,- dieses Fest und eine zerbrochene Scheibe! Trotzig, lachte der Richter laut auf — wie lächerlich und unbedeutend sich das anhört! Wahrlich, hätte er seinen eigenen Willen gehabt, er würde sich eine heroische Tat, ein himmelstürmendes Ereignis zum Wendepunkt seines Lebens gewählt haben. Eine zerschlagene Fensterscheibe — wie abgeschmackt. Eine nette Vorsehung, die sich hinter Glasscherben versteckt! Es ist gar kein Wunder, daß die Menschen vor einer solchen kleinlichen Vorsehung keine allzugroße Achtung haben. Im Geiste sah er sich wieder als zehnjährigen Knaben. Es war an: Abend vor dem Neujahrsfeste. Sein Vater und seine Brüder,' feiertagsmäßig und sauber gekleidet, kamen gerade aus den: Haufe, un: sich nach dem Teinpel zu begeben. „Wirst Du bald mitkommen, Du Taugenichts Du," sprach damals der strenge Vater, „oder Du wirst das neue Jahr mit zerschlagenen Knochen beginnen." , „Ich werde eher dort sein als Du," gab der Bengel frech zur Antwort, indem er sich ganz beschäftigt stellte, einige Holzspäne für das Küchenfeuer zusammenzulesen. Kaun: aber waren sie aus seiner Gesichtsweite, als er zu seiner früheren Beschäftigung zurückkehrte, die darin bestand, den Wetterhahn auf dem Dache zu steinigen, und die für den kleinen Jakob — das war der Name des Jungen - - weit anziehender war, als der Besuch des Gotteshauses. Dieser verhängnisvolle Wetterhahn hatte seinen luftigen Standort auf den: Giebel des Hauses, in welchem Jakob und seine Leute eine armselige Stube bewohnten. Seit der Junge zurückdenken konnte, war der Wetterhahn ein Gegenstand seiner besonderen Aufmerksamkeit; der blecherne Vogel flößte ihm einen gewissen Neid ein, der sich bald zu einem regelrechten Haß ausgewachsen — der Hahn stand da oben, so aufregend kühl — so vornehm gleichgültig, alles überschauend, den ganzen Tag auf der Straße; er durfte sich drehen und wenden, dahin, dorthin, ohne befürchten zu müssen, jemals zurechtgewiesen zu werden; er wurde nicht fortwährend mit Lernen und Bete-n gepeinigt, und sein Leben war nicht zwischen Tempel und Schule eingezwüngt — den ganzen lieben langen Tag konnte er sich da oben im Kreise herumtummeln und nach Herzenslust Karussell fahren.. Das einzige, was Jakob tun konnte, um seinem Feinde wenigstens ein klein wenig das Dasein zu verkümmern und unerträglich zu gestalten, war, Steine und Kohlenstücke nach ihn: zu Wersen, so oft die Gelegenheit dazu sich bot. Neunmal von zehn Würfen verfehlte er zwar sein Ziel, aber selbst wenn er traf, fühlte er sich keineswegs befriedigt; denn unbekümmert drehte sich der Hahn lustig weiter, krächzend und kreischend, und Jakob war es immer, als riefe er ihn: höhnisch lächelnd zu: „Du triffst mich doch nicht, Du kleiner Judenjunge! Du bist zu dumm dazu." Heute, am Nüsttage des Festes, war nachmittags keine Schule, und Jakob hatte darum genügend freie Zeit, um seiner Lieblingsbeschäftigung sich' hingeben zu können. Aber gerade heute wollte ihm kein Wurf gelingen und nicht ein einziges Mal hat er bisher sein Ziel getroffen; in: ganzen Hofe war kein Spahn, kein Ziegelstück, kein Stein mehr vorhanden, den er als Wurfgeschoß hätte verwenden können — und gerade heute schien der Hahn besonders spöttisch auf seine vergeblichen Versuche niederzublicken. Aber auch Jakobs Eigensinn war nicht klein zu bekommen. Mit einer Beharrlichkeit, die einer bessern Sache würdig wäre, setzte er seine Bemühungen fort und fort; er war rein versessen sein Ziel zu erreichen und dachte gar nicht daran, dem Vater nach dem Tempel zu folgen. Schließlich wurde er ganz wütend: er hörte die Gemeinde das „Sch^ma-Jisroel" singen; es war inzwischen auch bereits dunkel geworden, was ihm das Spiel noch weit schwieriger machte. Nur noch ein einziges Mal wollte er es versuchen — und^dann mochte es komn:en, wie es wollte. Einen gut geeigneten Stein von der richtigen Schwerkraft hatte er bereits in der Hand, vorsichtig nahm er Stellung, zielte vorsichtig und bedächtig und — krach — krach — hörte er es bald klirren und knattern! Er stand wie vom Schlage gerührt, ohne ein Glied'zu bewegen, und er fühlte es wie eine Gänsehaut den Rücken hinablaufen. Was war nur geschehen —? Ja, ja, jetzt sah er es ganz deutlich — es war leider kein Traum — er hat wirklich und wahrhaftig das einzige Fenster im Stübchen seiner Eltern total zertrümmert, und nicht genug damit, der Stein war auch noch auf den festlich hergerichteteu Tisch gefallen und hatte mancherlei beschädigt, und gerade in dem Augenblick, als die Mutter, mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen . den .Segen über die Lichter gesprochen, so daß sie vor Schreck laut aufschrie und beinah in Ohnmacht gefallen wäre.