Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Therese und die Ihrigen schienen sich des alten Onkels, der so gar nichts Modernes und Gelecktes an sich hatte, im Grunde geschämt zu haben, denn wie sie selbst eingesteht, ängstigten sie sich schon im voraus, daß er sein Versprechen, die nunmehr mit ihm ausgesöhnten Verwandten eininal zu besuchen, erfüllen werde. Entsetzt ruft sie aus: „Was werden die Leute sagen, wenn der alte Mann mit dem langen Bart und dem dreieckigen Hut zu uns kommt! All diese Gedanken quälten uns, so lieb wir den guten Alten auch gewonnen hatten." Der alte Onkel, der wohl gemerkt hatte, wie sehr die Kinder seines Bruders „christelten", war taktvoll genug, seine Gegenvisite an einem solchen Tage zu machen, als im Hause seines Bruders kein Fremder anwesend war. Auch blieb er nur ganz kurze Zeit, doch bat er die Seinigen recht herzlich, bald wieder zu kommen. Wieder war es an einem Sabbatabend, als die „aufgeklärte" Familie des pseudo-jüdischen Bruders bei dem Alteu ihre Visite machte. Auch von diesem Sabbatabend entwirft die Verfasserin ein anmutendes Bild, dem wir das Folgende entnehmen. „Sein Laden ist noch auf, laßt uns einen Augenblick zu ihm hineingehen, das wird ihm Freude machen," sagte Vater. Wir traten in den engen, finsteren Laden, der von oben bis unten mit alten Kleidern voll gehängt war. Der Onkel stand da in einem abgetragenen Rock und zeigte mit unterwürfiger Gebärde und Ausdruck einem Käufer ein Kleidungsstück. Er sah ärmlich und scheu aus, kaum getraute er sich, uns zu begrüßen, und machte durch sein Benehmen einen unbeschreiblich wehmütigen Eindruck auf mich; ich fühlte die Unterdrückung der ganzen Nation in diesem Augenblick. Wir gingen hinaus, um im Wohnzimmer ihn zu erwarten. Ein angenehmer Duft von Reseda wehte uns entgegen, und dennoch kam es mir heute in der Dämmerungsstnnde auch hier trübe und freudlos vor. Nach einer Weile hörten wir unten den Laden schließen, den Onkel mit den Söhnen die Treppe hinanfsteigen. „Nn seid mir herzlich willkommen. Kinderleb!" rief er sehr freundlich im Eintreten uns zu. Braiue kam, seinen Festtagsrock über dem Arm. «Aha, gib her!" sagte er wohlgefällig und heiter, zog den alten Rock ab und warf ihn verächtlich hin. als ob er die ganze Last der Wochentage damit von sich täte und legte mit dem Ausdruck der größten Behaglichkeit den besseren an. Wraine hatte unterdessen den Vorhang herabgelassen, ein feines, neues Tuch über den Tisch gelegt und zündete nun in der ganz dunkel gewordenen Stube eine Menge von Lichtern auf schweren silbernen Leuchtern an, die sie allein symmetrischer Ordnung ans den Tisch stellte. Das kleine Zimmer lvar plötzlich tageshell geworden und wie nun der Onkel wie ein alter Patriarch mit ehrwürdiger, feierlicher Miene an dem Tisch stand und zum Beginn des Sabbats seine Gebete murmelte, da fühlte ich in dieser Umwandlung ans einmal all den süßen Zauber, der iit der Ausübung frommer Gebräuche ruht. Der Abend verging teils wieder in herzlichen Gesprächen und Erinnerungen der beiden Alten, teils wußte Mine sich durch ihre Lieder sehr beliebt zu machen. Als sie beim Abendessen ihre Serviette öffnete, fand sie im Bunde derselben einen Louisdor. Sie war verlegen und wußte nicht, wie sie dies so seltsam gebotene Geschenk annehmen oder ob sie es znrückweiseu sollte, als der gute Alte aber sehr naiv sagte: „Mein Tochterleb, Du hast mir heut so viel Freude gemacht, muß ich Dir doch auch eine machen," da fühlte Mine, daß sie ohne Kränkung es ihm nicht abschlagen dürfe." Obschon die beiden FamiÜen sich so offiziell versöhnt hatten, blieb es doch bei diesen zwei Besuchen allein, und so trafen sich die Brüder bis zum Tode nicht mehr. Immerhin hatte diese Annäherung das Gute, das sich der Vater Therese Schlesingers seiner religiösen Pflichten, anläßlich der hohen Feiertage wieder erinnerte und so z. B. den Versöhnungstag nach altem jüdischen Ritus wieder feierte. Freilich beging er die Feier nicht in der Synagoge, sondern bei sich zu Hause. Die Besorgnisse seiner Angehörigen, daß ihm das Fasten am Versöhnüngstage sowie - die sonstigen Anstrengungen nicht bekommen würden, wies er entschieden zurück. Allerliebst ist die Szene, die die Verfasserin der „Jugenderinnerungen" .nun einmal aus Alt-Pankow entwirft:; „Kaum war die Szene am Vorabende des Festtages untergegangen, so wünschte er uns allen eine gute Nacht und ging in ein einsames Hinterstübchen, das er verschloß. Es war ein grauenhaftes unheimliches Gefühl für uns, in seinen Sterbekleidern ihn uns denken zu müssen. Geräuschlos legten wir uns nieder und hörten seine Gebete, die Müdigkeit aber übermannte mich, noch lange hörte ich die Töne seines Gebets durch meinen Schlaf. Am anderen Morgen wartete Mutter besorgt an feiner Tür, er aber trat'heiter und fröhlich heraus. Keine Art von Erfrischung durfte er sich erlauben, selbst sich zu waschen, wor ihm verboten. Er ging ins Freie, Lore und ich begleiteten ihn. In dem großen Garten der Herrschaft stand auf einem Hügel, von Büschen versteckt, ein japanisches Schirmdach auf dem Mittelpfosten ruhend. Auf der Spitze saß eilt buntgemalter Drachen von Holz, der mit einem grimmigen Nachen und den ausgebreiteten Flügeln aus dem Grünen hervorragte. Es war ein angenehmes Plätzchen, Spaziergänger vor einem.Regenschauer zu schützen. „Das soll mein Tempel sein," sagte Vater lächelnd, „spielt Ihr unten und stört, mich nicht." Mit diesen Worten ging er langsam den Hügel hinan und ward unseren Blicken durch das Gebüsch entzogen. Wir setzten uns andächtig in das hohe, weiche Gras, eine heilige Stille war rings um uns her, nur durch den Gesang der Vögel unterbrochen, die lustig über uns hinflogen in dem hellen Sonnenschein. Mir war so wohl, so leicht ums Herz, als wären auf einmal alle Schwächen und Fehler von mir genommen, durch das Gebet des alten, frommen Mannes da oben unter dem Drachen. So hatten wir eine Zeitlang, in tiefer Rührung gesessen, nun fing uns aber doch die Zeit an lang zu werden, wir standen auf, suchten Blumen, spielten, jagten und kamen lachend und lärmend zu Hause an. Mittags war auch der Vater znrückgekehrt, wir baten ihn aber, sich zu entfernen, als wir uns zum Essen setzten, denn es war uns nicht möglich, in seiner Nähe etwas zu genießen; er willigte uns zu Gefallen ein, versicherte aber freundlich und anspruchslos, wie er immer war, daß er gar kein Bedürfnis fühle, etwas zu genießen. Endlich kam die von Mutter sehnlichst erwartete Dämmerungsstunde, und mit frohem Herzen breitete sie ein Tuch über den Tisch, zündete die Lichter an und ließ die Lieblingsgerichte Vaters auf dem Tische dampfen. Eilig liefen wir, ihn zu holen, aber er fing erst in aller Ruhe an, sich zu waschen und zu putzen und als wir nun ungeduldig immerfort ihn riefen, sagte er: „Ei Kinder, ich kann doch nicht so unfestlich an den hellen frischen Tisch mich setzen." Seine wahre begeisterte Frömmigkeit hatte ihn leicht und ohne Anstrengung die schweren Stunden des Fastens überstehen lassen." (Schluß folgt.) MlltiLeCniv Km Tage drr Erinnerung. Von Samuel Gordon?) ^p^er Richter befand sich jetzt in seinem behaglich und komfortabel eingerichteten Wohnzimmer; der heutige Tag war ein besonders anstrengender gewesen; Wilddiebe, Schmuggler, Bettler, politische Verbrecher waren heute vor seinen Richterstnhl gebracht worden. Gewissenhaft hatte er seine Pflicht als kaiserlich russischer Strafrichter erfüllt und jedem seine Strafe, dem Vergehen angemessen, zudiktiert: jetzt aber, wo des Tages Lasten und Mühen, vorüber waren, konnte er, im weichen Schlafrock gehüllt, im bequemen Polsterstuhle sich zurücklehnend und die Füße am offenen Herdfeuer wärmend. Frei übersetzt von M. Pulvermann.