Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mrmrnrren aus Alt-Lerlin. Von Dr. Adolph Ko Hut. I. s dürfte nur wenig bekannt sein, daß die Gattin des einst gefeierten Opernsängers, Schauspielers, Dramaturgen und Theaterhistoriographen Eduard Devrient', Therese, die in ihrer Jugend gleichfalls der Kunst angehörte, eine geborene Schlesinger und Jüdin war. Dieser Umstand allein böte für das große Publikum gewiß nur ein geringfügiges Interesse, denn diese „schöne Seele" war keine so. hervorragende und berühmte Frau,' wie ihre Geschlechtsgenossinnen Henriette Herz, Rahel Levin - Varnhagen, Dorothea und Henriette Mendelssohn e lutti quanti, die aus selbstsüchtigen, erotischen, romantischen oder sonstigen Gründen den Glauben ihrer Väter verleugneten und mit fliegenden Fahnen in das Lager des Christentums übergingen. Wenn ich an dieser Stelle dennoch der im Jahre 1882 als beinahe 80 jährige Matrone gestorbenen Dame Erwähnung tue, so geschieht dies deshalb, weil soeben ihr Sohn Hans Devrient die Jugenderinnerungen seiner Mutter^ herausgegeben, und weil sich in diesen Aufzeichnungen so manche Behauptungen finden, die vom Standpunkt des Judentums nicht ohne Widerspruch gelassen werden können. Doch auch in anderer Beziehung bieten diese schriftlichen Ergüsse einer jungen Jüdin, die, um Eduard Devrient heiraten zu können. Konvertitin wurde, in vielfacher Hinsicht ein so bedeutsames kulturgeschichtliches Interesse, daß ein längeres Verweilen bei dieser Publikation geboten sein dürfte. Im Anfang des 19. Jahrhunderts wanderten aus Schlesien zwei junge jüdische Kaufleute namens Schlesinger nach Hamburg und Berlin, um sich dort dem kaufmännischen Leben zu widmen. Während jedoch der 'eine, der später der Vater Theresens wurde und ursprünglich in Hamburg und Altona lebte, wenn auch nicht aus dem Schoße des Judentums austrat, so doch den jüdischen Zeremonialgesetzen gegenüber eine laxe Auffassung bekundete, blieb der andere, der Berlin zu seinem ständigen Aufenthalt wählte, Zeit seines Lebens ein strenger Anhänger des Glaubens seiner Väter. Aus religiösen Gründen hatten sie sich auch jahrelang getrennt, bis sie sich schließlich, als auch Simon, der Vater Theresens, den Entschluß faßte, nach der Hauptstadt Preußens überznsiedeln, wieder miteinander aussöhnten. Diese erste Begegnung der beiden feindlichen Brüder nach jahrelanger Trennung, und zwar an einem Sabbat, schildert die Verfasserin der Jugenderinnerungen u. a. in nachstehender anziehender Weise. „Auf einem der ältesten Märkte der Stadt zeigte Vater auf ein altmodisches Haus, den Laden seines Bruders. Er war fest verschlossen, was uns erinnerte, daß heute Sabbat sei, worüber wir nicht wenig verlegen waren, da wir befürchten mußten, unsere Gegenwart werde gerade heute dem alten strenggläubigen Manne verletzend sein. Wir traten in den Flur, hier war alles unfreundlich, gebräunt und finster. Wir stiegen die Treppen hinaus und klingelten an einer hölzernen Gittertür. Eine häßliche alte Jüdin öffnete sehr verdrießlich und lief, ohne sich weiter um uns zu kümmern, zurück in ihre Küche. Vater klopfte an eine Tür, es rief „Herein". Eine helle, besonders reinliche und wohlgeordnete Stube umfing uns. Altmodische Möbel ringsum. An der Wand ein Becken unter einem Wassergefäße von blankgeputztem Zinn, ein feines weißes Handtuch hing daneben. Aus der ganzen sorgfältigen Anordnung, aus der Stille, die im Zimmer herrschte und aus tausend Kleinigkeiten atmete uns eine Festtagsstimmung an, und als der alte Mann, der Vater so ähnlich sah, mit der kleinen, braunen Stutzperrücke uns so freundlich entgegentrat, seine Hände ausstreckte und „Schön willkommen" rief, da ') Jugenderinnerungen von Therese Devrient. Mit 12 Text- und 8 Vollbildern. Stuttgart. Karl Krabbe, Verlag. 1905. schwand unsere Verlegenheit und es ward uns wohl und behaglich zu Mute. Dieser herzliche Empfang und das schnell in Gang gekommene trauliche Gespräch der beiden Alten vertilgte den letzten Rest von Befangenheit in uns. Unterdessen öffnete einer der Söhne, die sich nun auch eingefunden hatten, die Türe eines anstoßenden Zimmers, um uns Kindern eine kleine Unterhaltung zu verschaffen. „Ach, wie schön!" riefen wir im Hineinireten; denn gewiß Hunderte von bunten, schön gestickten, altmodischen Röcken, Westen und Hüten, türkische und andere Kostüme hingen an den Wänden ringsumher, alle Kästen waren voll Schmuck, Schnallen, Schärpen und noch tausenderlei solch schöner Sachen. Wir waren ganz außer uns und besonders glücklich über die Erlaubnis, damit spielen zu dürfen. Rach einer kleinen Weile kamen wir, ich in einer altmodisch gestickten Weste, einem ebensolchen Rock mit langen Schößen, einem dreieckigen Hut auf dem Kopfe und einem Stock mit großem Knopfe in der Hand, Lore phantastisch gekleidet, in das Wohnzimmer, wo ich ehrerbietigst meinen Hut abnahm und gravitätisch auf die Versammlung losschritt. Der Onkel war ganz entzückt und lachte so herzlich darüber, daß wir, ermutigt durch den Beifall, aus dem Stegreif eine komische Szene aufführten, die albern und kindisch genug war, dem guten Onkel aber unbeschreibliches Vergnügen machte. „Kinderleb, geht 'naus zu Braine," sagte er mit seinem gutmütigen Ton, „die wird mal lachen." Braine, die alte, verdrießliche und fromme Köchin, die schon seit 30 Jahren im Hause des Onkels zuverlässig und treu gedient hatte, war eine Respektsperson, wie wir bald merkten und wir waren dein Onkel zuliebe gern bereit, uns vor Braine zu präsentieren. Mit starken Schritten und lauter, komischer Anrede traten wir zu ihr in die Küche, wo es delikat roch, und machten unsere Faxen, die ihren Eindruck nicht verfehlten, denn sie lachte, daß sie die Hände in die Seiten stemmen mußte, um sich zu halten. Nun wurde der Tisch gedeckt, das Essen ausgetragen und Vater und Söhne traten zum Becken, drehten den Hahn auf, und indem sie leise ein Gebet murmelten, ließen'sie das Wasser ihre Hände bespülen, trockneten sich, setzten ihre Hüte auf und gingen zu Tisch. Mein Vater folgte verlegen, unsere Blicke vermeidend, ihrem Beispiel. Wir setzten uns. Der Alte nahm ernst und feierlich das Brot, segnete es und teilte es aus. Sein sonst so freundliches Gesicht hatte einen finsteren, mißtrauischen Ausdruck bekommen, als er uns das Brot reichte. Aber es war uns allen in diesem Augenblick so fromm, so feierlich zu Mute, daß er es uns wohl ansehen mochte, denn erleichtert und heiter blickte er zu seinen Kindern hinüber. Bei Tische waren wir alle sehr munter und vergnügt. Das Essen war auf echt jüdische Weise bereitet, schmeckte vortrefflich und als Braine wieder mit überhitztem, glühendem Gesicht eintrat, eine Schüssel aufzusetzen, sagte Mutter: „Braine, Sie kochen ja ganz prächtig, ich komme nachher zu Ihnen in die Küche, da müssen Sie mir sagen, wie Sie die Sauce gemacht haben." Nun war auch Braine ganz gewonnen, sie drehte sich schmunzelnd auf den Pantoffeln und erwiderte: „Sie tun mir zu viel Ehre an, werteste Madame!" Der Onkel war ganz überglücklich und nach dem Essen rief er: „Braine. geh' mit den Kindern zu meiner Tochter, sie soll die Balchains mal sehen." Es dauerte nicht lange, so kam Braine, sauber angezogen, eine goldene Haube aus, uns zu holen. Sie nahm uns an der Hand und führte uns wie im Triumph durch die engen, schnrutzigen Straßen. Fast an allen Fenstern und Türen sahen wir zur Feier des Sabbats Braines müßige Glaubensgenossen, denen sie hie und da zunickte. Vor dem Fenster eines Hauses rief sie laut: „Hersch! Hersch!" hinaus. Ein' blasses Gesicht erschien eilig und freundlich nickend. „Meines Herrn Bruderkinder aus Hamburg," gellte sie ihm zu und zog uns weiter, uns auf ähnliche Weise noch an verschiedenen Türen und Fenstern präsentierend, bis wir in eine breitere, helle Straße einbogen und in das Haus der verheirateten Tochter des Onkels kamen." Das poetische Empfinden des jungen Mädchens, das schon damals den Beruf als Sängerin in sich fühlend, sich in törichter Weise, aus Eitelkeit, oder weil sie die Kränkungen und Verleumdungen damals vor Augen sah, denen ihre Glaubensgenossen ausgesetzt waren, ihres Judentums schämte, fühlte sich trotzdem von dem gemütlichen patriarchalischen Bilde, das ihr die Sabbatbraut bot, angeheimelt.