Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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464 Sakkai und seine Schüler, welche das Neue, das Geistige, das nicht aus dem zeitlichen Stammende und darum auch nicht auf die Zeit Beschränkte des Judentums hervorgekehrt haben. Rabbi Jochanan Len Sakkai verließ Jerusalem mit seinen Schülern einige Zeit schon bevor der Tempel zerstört, die Stadt erobert war. Er sah das Kommende voraus, er gehörte zu den Einsichtigen, welche sahen, wie es um die Sache steht, er begriff, daß aller Opfermut und alle Heldenhingebung eines so kleinen Häufleins, wie es die Juden eben gegenüber dem römischen Reiche waren, nichts nützen könnte, daß sie notwendig zugrunde gehen mußten. Er riet überall zu friedlichem Verhalten den Römern gegenüber, stand auch selbst in friedlicher Beziehung zu ihnen. Er verließ, sage ich, Jerusalem und erbat von den Römern, daß man ihm eine kleine Stadt draußen in der Nähe von Jerusalem geben -möchte, damit er dort seine Schule anfrichte. Dorthin zog er mit den Rabbinen, zunächst mit seinen Schülern. In der Geschichte ereignen sich zuweilen Tatsachen von symbolischer Bedeutung. In bezug auf unseren Auszug des Rabbi Jochanan gibt es eine solche Tatsache, die von so treffender Symbolik ist, das man fast fürchten kann, daß sie erfunden zugunsten dieser Symbolik. Innerhalb der Stadt Jerusalem waren die Parteien im hitzigen und häßlichen Kampf gegeneinander bis kurz vor dem'Fall der Stadt selbst. Diese Parteien hätten wahrscheinlich nicht gestattet, daß ein so hervorragender Mann wie Rabbi Jochanan ben Sakkai sich aus der Stadt entferne. Um dennoch herauszukommen und seinen Plan auszuführen, sei er aus einer Bahre als Leiche hinausgetragen worden, und Rabbi Josua und Rabbi Elieser trugen ihn hinaus. Wie viele noch mochten damals glauben — nicht bloß außerhalb des Judentums, nicht bloß die Römer — wie viele von den Juden mochten glauben: jetzt, wenn Stadt und Tempel zerstört sind, ist das Judentunr eine Leiche. Aber jetzt begann erst sein wahres Leben. Draußen mit Rabbi Jochanan ben Sakkai begann das neue Judentum ohne Staat, ohne Tempel. Ein einziges Wort von ihm kennzeichnet den ganzen großen Wendepunkt historischen Kulturlebens, welcher hier sich ereignet hat. Als seine Schüler später bei einem Besuch, den sie der Trümmerstätte Jerusalems machten, darüber weinten, daß der Tempel namentlich zerstört sei, da tröstete sie Rabbi Jochanan ben Sakkai und sagte: was bedürfen wir des Tempels! Er berief sich aus das Wort des Propheten Hosea: „Liebe verlange ich und nicht Opfer!" Menschenliebe heißt das Wort, und gar nichts anderes bedeutet es an dieser Stelle: „Menschenliebe verlange ich und nicht Opfer!" Die Zeit der Gründung der Religion auf den Opferdienst ist vorüber, der alte Kampf der Propheten gegen den Opferdienst ist durch die äußere Macht der Geschichte entschieden; arbeiten wir daran, daß die neue Form des religiösen Lebens durch die Liebe sich verwirkliche! Ja, aber unser Josua, der zugleich mit Rabbi Elieser, seinem Widerpart in vielen Stücken, also die Stütze war, welche den Rabbi Jochanan ben Sakkai hinausgeleitet hat — wenden wir nun uns zu ihm. Fragen wir, warum er zunächst den Namen eines Helden verdient. Ich erinnere Sie, um darauf hinzudeuten, daß ,es noch eine andere Art von Heldentum gibt als alle diejenigen, die wir vorher erwähnt haben, an das Gedicht von Schiller „Der Kampf mit dem Drachen." Die eine Geschichte von Josua ben Ehananja, die ich Ihnen erzählen will, hat sehr viel Aehnlichkeit mit jenem. Ich überlasse es Ihrer eigenen Phantasie und Ihrem Nachdenken, die Gleichheits- und Ungleichheitspunkte darin aufzusuchen. Für uns genüge es zunächst, daß ein Hauptpunkt darin gleich'ist. Ueberwinden ist die Tat des Helden, Selbstüberwindung ist die größte. Eine solche Selbstüberwindung hat einmal unser Josua ben Ehananja geleistet. Er war bereits von sehr hohem Ansehen innerhalb des Gelehrtenkreises und der hohen Schule, als der damalige Patriarch, Rabban Gamliel, die Festsetzung des Tages, wann der Neumond begonnen habe, ausgegeben hatte, wonach also der zehnte dieses Monats an dem und dem Tage sei; dieser Tag, nehmen wir an, war Montag. Damals nämlich stellte man den Kalender nicht nach Rechnung, sondern nach Beobachtung fest. Es wurden Zeugen abgehört, ob sie den aufgehenden Neumond gesehen hätten, und es war eine richterliche und zwar die höchste richterliche Funktion, die Feststellung der Zeiten durch den richterlichen Spruch, daß der Neumond an diesem Tage begonnen habe. Rabban Gamliel hatte also einen bestimmten Tag festgesetzt, und andere, darunter auch Josua ben Ehananja, waren der Meinung: die Feststellung war falsch: nicht Montag, sondern Dienstag. Dieser Widerspruch wurde dem Rabban Gamliel mitgeteilt, und er schickte einen der vornehmsten seiner Schüler, den nachmals so berühmt gewordenen Rabbi Akiba, zu Rabbi Josua und ließ ihm sagen: „Ich befehle Dir, daß Du an dem Tage, an welchem nach Deiner. Rechnung der Versöhnungstag ist, mit Stab und Geld zu mir kommst." Rabbi Josua ging an dem Tage mit Stab , und. Geldtasche zu Rabban Gamliel. Da stand dieser inmitten der Versammlung aus und trat zu Josua und sagte zu ihm: „Ich grüße Dich als meinen Lehrer und meinen Schüler; mein Lehrer an Weisheit, mein Schüler, weil du meinem Befehl gehorchtest." Ueberlegen wir uns ein wenig, welch eine Selbstüberwindung für einen Mann wie Josua ben Ehananja dazu gehörte, dieser Bestimmung zu folgen. Seine eigene Ueberzeugung war: an diesem Tage ist Jom-Kippur. Für einen Mann nicht bloß jener Zeit — fragen wir heute, wenn jemand fest überzeugt ist, es ist Jom-Kippur, und er soll gleichwohl aus diesem Tage einen Wochentag machen! Würde er nicht lieber leiden, als freiwillig das Gesetz der Jom-Kippurfeier, dieses „Sabbats der Sabbate", übertreten. Wir begreifen deshalb sehr wohl, daß Josua im ersten Augenblick, wie uns weiter berichtet wird, zu Akiba gesagt habe: „Ich wollte lieber, daß ich auf der Totenbahre läge, als daß Du mir den Befehl brachtest." Denn er wußte bereits in seinem Herzen, daß er dennoch gehorchen würde. Rabbi Akiba tröstete ihn auf seine Weife: daß es nicht darauf ankäme, welcher Tag ist objektiv der Festtag, sondern da es in der Bibel heißt: „welcher Tag ausgerufen wird", so ist dies der Festtag;- jener Mann ist eingesetzt, ihn zu bestimmen, es gibt also keinen anderen Festtag für uns. % Wir aber, wenn wir uns den ganzen Josua und seine Aussprüche, die erhalten sind, ansehen, dürfen die feste Ueberzeugung haben: für ihn gibt es eine noch höher liegende Gedankenform, als Akiba sie gefaßt hatte. Er wußte in seinem Herzen: auch nicht der wirkliche Tag, der Kalendertag, ob Montag oder Dienstag, sondern der Sinn, der Geist, die Gesinnung des Tages macht es. Ob einer diesen Tag am Montag feiert oder am^MmLtsa^— daß er ihn feiert und wahrhaft ebenso feiert, w^es eben M Geiste der Religion liegt, daraus kommt es an; ütr^das ist es, was ihm befahl, über seine eigene UeberzeuguH hinweg zu kommen und diesen Tag aSm au feiern. . (Schluß folgt.) wirklich mit den anotzenzu feiern.