Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-29 · Heft 39 (29.9.1905) · p. Seite 463

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228676--62046-3275901
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

habe nur von einem Nabbi vor Ihnen zu reden. Indes wenige Andeutungen mögen genügen. Ein Gelehrter ist er, das ist gewiß. Aber er ist nicht etwa ein Lehrer von Beruf, ein Professor. Nabbi zu fein ist überhaupt nicht ein Lebensberuf, sondern man ist es nebenbei, während man irgend einem anderen der gang und gäben bürgerlichen Berufe angehört. Die Tätigkeit allerdings ist eine sehr hohe. Die Hingebung an den Beruf, die Leistung durch denselben gehört zum Höchsten, was geistige Tätigkeit überhaupt fordert und leistet. Eine gewisse Verwandtschaft hat er mit dem, was wir heute einen Prediger nennen. Aber es hat sehr viele, und höchst hervorragende Rabbis gegeben, die niemals gepredigt haben. An der Gesetzgebung nimmt er teil. Er hat eine gewisse Verwandtschaft mit dem Parlamentarier, der ja auch nicht von Berns Parlamentarier ist, nicht davon lebt, nur die Funktion leistet. Aber er wird nicht gewählt. Er wird auch von niemand ernannt. Er ist ein Rabbi, weil er ein Nabbi ist, weil er ausgebildet ist dafür, und weil er es sein will. Ich will ein paar noch höherliegende, allgemeinere Eigentümlichkeiten der jüdischen Kulturgeschichte in Ihre Erinnerung zurückrufen, an welche sich dann die spezifische Natur der Nabbi anknüpft, worauf sie sich gründet. Die Juden haben einen großen Teil der Zeit, daß sie ein Volk ausmachen, auch einen König. Er hat alle Prärogative des Königs; aber ein Gesetz kann er nicht geben. Er kann kein Gesetz geben und kein' Gesetz ändern. Ein zweiter Zug: Die Juden sind, soviel wir wissen, das einzige Volk, in welchem das Gesetz nicht bloß existiert, sondern das Gesetz dein Volke, der Allgemeinheit bekannt gemacht, vorgelesen wird. Alle Völker rechnen auf die Kenntnis des Gesetzes, sie fordern die Befolgung desselben; aber nie und nirgend lesen wir, daß irgend eine Vorkehrung getroffen worden ist, dem Volke wirklich das Gesetz vorzutragen. Bei den Juden bildet sich früh die Sitte aus, die wir finden: der König selbst ist verpflichtet, das Gesetz dem Volke vorzulesen. Daß er es befolgen wird, darf dann mit Sicherheit angenommen werden, wenn er dieses Gesetz als des Volkes Gesetz vorträgt. Aber nicht bloß vorgelesen wird es, es wird auch übersetzt und erläutert. Aus dieser Uebersetzung und Erläuterung des Gesetzes hat sich dann die Predigt ausgebildet. Heute ist diese Sitte weit verbreitet, daß Kenntnis des Sittengesetzes und der religiösen Gedanken an bestimmten festlichen Tagen überall verkündet, vorgetragen wird. Es stammt dies von dieser ältesten Erläuterung des jüdischen Gesetzes. Die Männer nun, welche diese Vorträge gehalten haben, welche das Gesetz erläutert haben, die waren die ersten Rabbis. Von der näheren Geschichte derselben, wie sich das bei den Männern der großen Synagoge - gemacht hat, und weshalb die ersten hervorragendsten Rabbis nicht einmal den Titel Rabbk haben, davon jetzt nichts. Ich will nur noch hervorheben,, daß also beides, die Fortbildung der Gesetze, also die Gesetzgebung in den Händen einer freien Genossenschaft solcher Gelehrten lag, welche Vorträge zur Erläuterung des Gesetzes gelegentlich hielten und in ihren Gelehrtenversammlungen debattierten, und daß diese die eigentlichen Rabbinersind; und unser Held ist einer von ihnen. Sein Name ist Josua ben.Chananja. Hatte ich Unrecht, ihn einen vergessenen Helden zu nennen? Freilich, die spezifischen Gelehrten hier unter uns kennen ihn sehr gut. Aber er ist im jüdischen Volke, geschweige in der allgemeinen Kulturgeschichte, nicht so im Vordergründe des Bewußtseins und der Erinnerung geblieben, wie er s^es verdient, wie wir uns vielleicht hier überzeugen werden, daß er es verdient. Es gibt viele Gründe, deren vollständige Erörterung — weshalb das Andenken des Josua ben Chananja sich nicht klar erhalten, ja sogar weshalb es höchst wahrscheinlich mit ziemlich viel Energie zurückgedrüngt worden ist — mehr als die Zeit füllen würde, für welche ich Ihre Aufmerksamkeit erbitten darf. Ich will nur bemerken: wir sehen an einem einzelnen Zuge, daß man schon zu seiner Zeit und in seinem engsten Kreise die eigentliche und wahre Würdigung desselben nicht recht gefunden hat. Nicht, daß man ihn zu niedrig taxierte. Aber wo das Spezifische seines Wesens liegt, wurde nicht sogleich herausgefunden. Der Beweis dafür ist: Er war ein Schüler des Rabbi Jochanan ben Sakkai. Dieser hatte fünf hervorragende Schüler. Es wird erzählt, daß er die spezifische Eigenart und die Eigentümlichkeit eines jeden charakterisiert hat. Von dem einen sagte er: er ist, wie eine wohlverkalkte Zisterne, die keinen Tropfen entläßt; von einem anderen gar: er ist wie ein frischer, sprudelnder Quell;, von einem anderen: er sei sündenscheu. Also von jedem ganz spezifische Eigenschaften. Von Josua heißt es: „Heil seiner Mutter, Heil der, die ihn gebar!" Es ist keine Charakteristik, es ist eine allgemeine Hervorhebung seines Wertes. Nun fragen wir, was war er denn nun eigentlich? Und ich könnte sagen: ein Staatsmann; denn er war öfter Gesandter des jüdischen Volkes beim Kaiser Hadrian. Ich könnte auch sagen — wenn Sie weiter fragen, ja, was war sein Lebensberus, wovon hat der Mann gelebt? —: er war ein Handwerker. Er war Nadler; das war sein Beruf. Wie hoch er geschätzt wurde wegen seiner Tätigkeit, wie erfolgreich diese gewesen sein muß, sehen wir ans einem Bericht, worin nach Jahrhunderten die Tradition erhalten und im babylonischen Talmud dann ausgezeichnet ist. Es wird eine große Reihe der vorzüglichsten Männer aufgeführt; deren Verdienste werden gepriesen, indem man sagte, was mit jedem zugrunde gegangen ist, was nun fehlte, weil er dähingegangen war. Von dem einen: die Frömmigkeit; von dem anderen: der Scharfsinn usw. Von unserm Josua ben Chananja wird gesagt: „Als er starb, war Rat und Plan dahin." Er war der Vertreter also von Rat und Plan. Ich übersetze so; es ist möglich, daß noch etwas ganz anderes in dem einen Worte, das ich mit Plan übersetze, liegt, es kann wohl sein — denn das wäre die wörtliche Uebersetzung —: Der Gedanke, der freie Gedanke war mit Josua ben Chananja dahin. Ich will bei der Gelegenheit nicht unterlassen zu bemerken, mit welcher Schärfe und Genauigkeit man diese alten duellen, die zu. gleicher Zeit historische Quellen sind, lesen muß. Ein so ausgezeichneter Mann wie Bacher, dessen vorzügliches Werk: Geschichte der Hagada, sowohl der Tanaim wie der Amoraim, ich hier mit Freude nenne, übersetzt, indem er die Stelle auch zitiert: mit Josua war der Rat dahingegangen. Er läßt das zweite Wort weg, in welchem vielleicht sehr viel liegt. Josua war unter den Rabbinen zu gleicher Zeit der Pertreter des demokratischen Prinzips. Ueberall kommt es ihm daraus an, daß die größte Rücksicht auf die Masse des Volkes genommen werde, daß auch die Fassung der Gesetze, die Anschauung von den.Gesetzen sich nicht, aristokratisch gestalte, sich nicht bloß an die hervorragenden, bevorzugten und wohlausgebildeten Geister wende, sondern daß die Größe des Volkes dabei berücksichtigt werde. Um ihn etwas näher kennen zu lernen, verehrte Anwesende, muß ich notwendig Ihnen den Kreis zeigen, in dem er lebte. Ich hatte schon gesagt, daß er ein Schüler des Nabbi Jochanan ben Sakkai war. Dieser war der Neübegründör des Judentums am größten Wendepunkte der Geschichte der Juden. Damals, als der Staat zugrunde ging, indem seine Hauptstadt erobert und eingeäschert wurde, damals, als die Einheit des Volkes, die bis'dahin ihr Symbol im Tempel hatte, im höchsten Maße auch auf religiösem Gebiete dadurch gefährdet war, daß der Tempel zerstört wurde, damals waren es Rabbi Jochanan ben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.