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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-29 · Heft 39 (29.9.1905) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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Parochialeinteilung in bedenkliche Nahe gerückt. Man kann allerdings nicht behaupten, daß damit etwas Ideales geschaffen wird, aber irgend ein Ausweg wird doch getroffen werden müssen, da den Rabbinern die Ersüll.ung ihrer Funktionen in weit auseinandergelegenen Synagogen immer mehr zur Unmöglichkeit wird. Eine der schönsten Aufgaben im Pflichtenkreis der Verwaltung wird für die folgenden Jahre die Gemeindebibliothek bilden; insbesondere wird es sich um deren Erweiterung und um ihre Unterbringung in beu der Gemeinde gehörenden großen, schönen und luftigen Räumen handeln. In kaum drei Jahren umfaßt ihr Bücherbestand schon über 10 000 Bände, und bald wird die Bibliothek eine der größten jüdischen Bibliotheken sein. Ihr Spezialgebiet wird die Geschichte der Juden in Deutschland und speziell in Berlin bilden, und die Bibliotheksleitung ist eifrig bestrebt, das vorhandene Material so lückenlos zu sammeln, daß auch nicht die kleinste darauf bezügliche Broschüre darin fehlen soll. Als letzten, doch mit als einen der wichtigsten Punkte des vorliegenden Arbeitsprogramms möchten wir die Frage eines Neubaus des jüdischen Krankenhauses hier erwähnen. Bekanntlich ist diese Frage bereits seit langen Jahren Gegenstand ernster Beratungen gewesen, die einen ziemlich gewaltsamen Abschluß erst erfuhren, als die Vorgesetzte Behörde die Schließung des alten Krankenhauses angedroht hatte. Recht lange sträubte sich die Krankenhausleitung, aus dem von allen Enden der Stadt bequem erreichbaren Zentrum herauszugehen. Doch die Unmöglichkeit, an der alten Stelle ein für eine Reihe von Jahren ausreichendes Krankenhaus zu schaffen, die Schwierigkeit der während des Neubaues erforderlichen Unterbringung der Kranken an einem in der Nähe befindlichen Platz, schließlich der sehr bedeutende Kostenbetrag für den Umbau in der Auguststraße, machten es notwendig, in der Peripherie der Stadt ein Terrain zu wählen und dies um so mehr, als sich gerade dort in Anbetracht räumlicher Ausdehnung eine bessere Anlage schaffen ließ, als dies etwa inmitten des Häuserblocks innerhalb der Stadt der Fall sein könnte. Der Gemeinde ist es ja, wie bekannt, gelungen, zu sehr günstigen Bedingungen von der Stadtgemeinde eine 28211 Quadratmeter große Parzelle, an der Exerzierstraße, Schulstraße und Straße 67 belegen, zu erwerben. Die Kosten, die für den Neubau und für die durch die Verlegung notwendigen Aufwendungen entstehen, dürften sich auf mindestens 100 000 Mark stellen. Die Errichtung einiger neuer Krankenabteilungen ist nunmehr auch von der Krankenhausleitung zugesagt worden, und es steht zu hoffen, daß die so häufig wiederholte energische Forderung des Herrn Prof. Landau betreffs Schaffung einer gynäkologischen Abteilung ihre Erfüllung finden wird. Die bisher bestehenden Abteilungen werden natürlich eine nicht unwesentliche Ausdehnung erfahren, um nicht bei der stetig zunehmenden Zahl an Gemeindemitgliedern binnen kurzem schon wieder Platzmangel zu haben. Der Bau soll so eingerichtet werden, daß zu jeder Zeit auf Grund eines neuen Gemeindebeschlusses weitere Betten eingestellt werden können. In den Krankenhausvorstand ist vor wenigen Tagen der Professor an der hiesigen Universität uud Abteilungsvorsteher am Königlichen Institut für Infektionskrankheiten, Prof. Dr. A. Masserm ann, gewählt worden, und gerade diese Wahl des Gelehrten von Weltruf, des' hervorragenden Schülers von Robert Koch, bietet die beste Gewähr, daß unsere Gemeinde ein Krankenhaus erhalten wird, das mit seinen technischen uud hygienischen Einrichtungen den höchsten Anforderungen der Jetztzeit genügen wird. Noch viele andere und wichtige Aufgaben sind vorhanden, welche die Gemeindeverwaltung in nächster Zeit zu erfüllen haben wird, doch würde es den uns zur Verfügung stehenden Raum weit überschreiten, wenn wir hier auf alle Einzelheiten eingehen wollten. Der Pslichtenkreis der Verwaltung ist, wie man schon aus den erwähnten Ausgaben entnehmen kann, ein so großer und weitverzweigter, daß man nur von Herzen wünschen kann, es möchten sich immer die Männer finden, die Geist und Herz haben, um solchen Aufgaben zu genügen, und die vor allem den Gedanken in den Vordergrund stellen, daß die jüdische Gemeinde Berlin die führende in Deutschland sei und deshalb auch Ton und Muster angeben müsse für alle anderen Gemeinden des Landes und des Reiches. . Lin vergoltener tzeld. Ein Bortrag aus dem Nachlasse von Professor Dr. M. Lazarus. 1. Hochgeehrte Anwesende! s ist eine der originellsten Schriften von Thomas Carlyle „lieber den Helden und das Heldentum." Er sucht darin den Gedanken klarzulegen, alles Gute und Große unter den Menschen stamme von den Helden, von jenen starken Menschen, welche durch Schärfe des Denkens oder Energie des Willens oder Reichtum der Phantasie, also durch irgend eine schöpferische Kraft, der großen Masse vvrangehen und voranleuchten. Das einzige Verdienst dieser großen Masse ist, dem Helden zu folgen und den Helden zu verehren. Er zählt dann die verschiedenen Arten der Helden und des Heldentums auf, die in der Geschichte hervorgetreten sind, selbst des Helden als Gott in Odin; dann die Helden als Feldherren und Könige; den Helden als Gesetzgeber: Moses; den Helden als Propheten: Jesaias;1den Helden als Dichter: Shakespeare; auch den.Helden als Schriftsteller: Voltaire. Der jüdische Stamm hat solche Helden von jeder Art gesehen. In ihm vorzugsweise Hat sich denn auch noch zuweilen eine Art von Heldentum, von dem höchsten und unglücklichsten, ausgebildet: der Held als Märtyrer. Aber von keiner dieser Arten wollte ich heute zu Ihnen reden, sondern von einer anderen: ein Held als Rabbi. Rabbi und Heldentums — Nun, wir werden sehen, ob dieser Rabbi solchen Namen verdient. Aber was ist ein Rabbi? Es ist nicht so leicht, es zu sagen. Es ist hier eine Lücke in der Kulturgeschichte. Denn der Rabbi ist eine höchst eigentümliche Erscheinung in der Geschichte der menschlichen Kultur, eine Weife geistiger Schöpfung und Tätigkeit, eine Weise der Leistung für den eigenen Stamm oder für die Menschheit, wie sie sonst nicht vorkommt, und unter besonderen Umständen. Ich erinnere mich nicht, jemals in der allgemeinen Kulturgeschichte oder in einer jüdischen Geschichte, einer Geschichte des jüdischen Volkes oder der jüdischen Literatur, eine treffende. Schilderung dessen, was eigentlich ein Rabbi in seiner Eigentümlichkeit und Besonderheit ist, gelesen zu haben. Der Grund ist einfach: die Herren, welche darüber schreiben, wissen zuviel von der Sache und versetzen sich nicht in die Seele der Nichtwissenden, um denen die Eigenart der Erscheinung vor die Seele zu führen. Ein Rabbi ist eine eigenartige Erscheinung, gerade wie der Prophet, der seinesgleichen auch bei den^ anderen Kulturvölkern nicht hat. Nur über' den Propheten, weil auch viele von außerhalb des Stammes und der Religion sich damit zu befassen hatten, haben wir bessere Erkenntnis als über den Rabbi. ' . Ich bin nicht in der Lage, diese Lücken heute vor Ihnen auszusüllen. Denn ich habe nicht über den Rabbi überhaupt — und der würde viel Zeit in Anspruch nehmen — sondern ich

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