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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-29 · Heft 39 (29.9.1905) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 460 (sequence 4)
Language
German
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worden sind, die Juden in Rußland gleich wertvolle Förderer'des ‘ Gemeinwohls sein und gleich eifrige Liebe für das zeigen werden, wie dies bisher bei den Juden aller Länder der Fall gewesen ist, die ihnen gleiche.Rechte wie den übrigen Bürgern' eingerämnt haben. Die. Tatsache ist unbestritten, daß in den Vereinigten Staaten die Juden eifrige Amerikaner, in England loyale Engländer, in Frankreich patriotische Franzosen und in Deutschland durch und durch Deutsche geworden sind. . Ew. Exzellenz wissen, daß die Bürger der Vereinigten Staaten mit gespannter Aufmerksamkeit alles dasjenige verfolgen, was,, gegenwärtig in Rußland sich zuträgt. Ihre Sympathien wenden sich jetzt vom Rußland ab, weil sie von glühender Liebe für Freiheit und Gerechtigkeit erfüllt, zurückschaudern vor den Schrecknissen von Kischinew und vor dem elenden Zustande, in welchem die Juden solange vegetierten und der erst jetzt völlig ans Tageslicht getreten ist. Der Einfluß der Juden in den Vereinigten Staaten, namentlich derjenige politischer Art, hat schon großes Gewicht erlangt und nimmt beständig zu, da er durch die starke Einwanderung russischer Juden iortgeseht Zuwachs erhält. Kann man nun erwarten, daß der Einfluß der amerikanischen Juden auf die öffentliche Meinung zugunsten eines Landes.ausgeübt wird, das die Stammesgenossen systematisch erniedrigt, indem es ihr Leben allmählich unerträglich macht? Mag die Zahl der russischen Auswanderer noch so groß sein, so werden noch immer zumindest 6 bis 7 Millionen Juden in Rußland bleiben, weshalb es ganz klar ist, daß die russisch-jüdische Frage in Rußland gelöst werden muß und zwar prompt und gründlich, in jenem, erleuchteten Geiste,, den Ihr Kaiserlicher Herr bereits bei .so vielen anderen Anlässen bewiesen hat. Die Lösung dieser peinlichen Frage wird dann sofort und für immer einen Faktor beseitigen, der Rußland im Innern wie nach Außen empfindlich schädigt. Wir hoffen darum zuversichtlich, daß der Meinungsaustausch, der zwischen uns stattgefunden hat, zu dieser Lösung führen wird, welche unserer Aeberzeugung nach Sie und die Bestgesinnten Ihres Landes aufrichtig wünschen." Neuesten Nachrichten zufolge soll man in Petersburg der * Meinung sein, daß es Witte nach seiner Rückkehr ohne große Schwierigkeiten gelingen werde, die Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons durchzusühren. * Mit Ausnahme von Spanien und Portugal hat kein Land Europas eine so geringfügige jüdische Bevölkerung, wie die Länder der skandinavischen Halbinsel, die jetzt wieder einmal im Vordergrund politischer Interessen steht. Dänemark zählt bei einer Bevölkerung von über zwei Millionen Einwohnern 3476, Schweden mit über fünf Millionen Einwohnern 2800 und Norwegen mit 2% Millionen kaum 600 Juden. Im ganzen leben in genannten drei Ländern mit einer Bevölkerung von ca. 10 Millionen Einwohnern nur 6876 Inden 0,06 Prozent. Es ist dieses um so merkwürdiger, als die Juden da seit 1860 die volle Gleichberechtigung genießen, und infolgedessen und weil sie ihre natürlichen Gaben und Fähigkeiten ungehindert entfalten können, ziemlich wohlhabend sind. Der Grun.d dafür ist'in erster Reihe in der Tatsache zu suchen, daß die Judenemänzipation in Skandinavien nur ganz jungen Datnms' ist. So durften die Juden bis 1860 beispielsweise in Schweden nur in drei Städten wohnen und selbst da bedurfte die Niederlassung eines Juden jedesmal der ausdrücklichen Genehmigung des Königs. Im Jahre 1711 wurden in Schweden dreiJuden verbrannt und im Jahre 1779 sind die wenigen daselbst wohnenden Juden verhaftet, bestraft und ausgewiesen worden. Die in Skandinavien eingewänderten Juden stammen teils aus Hamburg und Amsterdam, meist aber aus Rußland, Da jedoch die Hamburger und Amsterdamer Juden es nicht nötig haben, nach Skandinavien auszuwandern, den russischen Juden aber das Land nicht gerade auf dem Wege liegt, so wächst die jüdische Bevölkerung daselbst sehr langsam. Es darf auch nicht vergessen werden, daß Skandinavien augenscheinlich trotz seines großen Umfangs und seiner dünn gesäeten'Bevölkerung doch kaum, seine eigenen Einwohner ernähren kann. Dieses beweist die Tatsache, daß vom Jahre 1820—1904, also in 84 Jahren, die skandinavische Halbinsel 1763145 Emigranten nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika entsendet hat. Wie überall, so bildet auch in Skandinavien die geringe Zahl der jüdischen Bevölkerung ein mächtiges Hindernis für die Fortentwicklung des Judentums.. Die Religionslosigkeit nimmt, überhand, Mischehen dezimieren die jüdische Bevölkerung und wenn nicht sehr bald eine größere Emigrationswelle von Inden aus dem Osten nach den Ländern der skandinavischen Halbinsel hinüber stattfindet, so dürfte die Zukunft des Judentums namentlich in Schweden und Norwegen, eine sehr trübe werden. flus der Berliner Gemeinde. Von Paul Simon. ie hiesige Gemeindevertretung hat gerade in der letzten Zeit tiefe und beklagenswerte Verluste erlitten. Der Tod Martin Simons hat in einem der Häuptressoris der Verwaltung, auf dem Gebiete des Armenwesens, eine schmerzlich empfundene Lücke /gerissen. Es besteht zwar begründete Aussicht, daß in den Verwaltungskörper ein Mann eintritt, der diese Lücke ausznfüllen vermag, der Herz und Verstand, Zeit und Kraft genug besitzt, um das bisher Erreichte erhalten zu können und neuen sozialen Ideen Eingang zu verschaffen. Doch kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, daß diejenigen Männer, die ihre Zeit und Kraft gern in den Ehrendienst der Gemeinde stellen, leider immer seltener werden. Immer schwerer erweist sich die Besetzung vakant gewordener Stellungen im Gemeindevorstand, und es fehlt fast völlig an dem geeigneten Nachwuchs, der in diese Vakanzen einzutreten' gewillt ist. Bis in das 80. Lebensjahr, wo ihn der Tod ereilte, nahm der ebenfalls vor wenigen Tagen dahingeschiedene Geheimrat Wiesenthal, welchem das seltene Glück zuteil ward, bis in dieses hohe Alter hinein seine volle geistige und körperliche Frische sich bewahren zu können, an der Gemeindeverwaltung und ihren Institutionen noch tätigen Anteil, nachdem er früher durch Jahre hindurch dem Gemeindevorstand selbst als Mitglied angehört hatte; einer jener Aerzte, die, wie eine Fachzeitschrift ihm mit Recht nachrühmte, in unserer Zeit der zunehmenden Spezialisten und Spezialitäten leider immer seltener werden, ein wirklicher Arzt, der seinen Lohn in dem Vertrauen und den Dank der Kranken sah und fand. Es sind auch in der Tat recht hohe Anforderungen, die an die Männer gestellt werden, welche sich der Gemeinde ehrenamtlich widmen. An der Spitze unserer Verwaltung steht ebenfalls ein hoher Siebziger, Herr Julius Jacobh, der seit mehreren Jahrzehnten im Gemeindedienst tätig ist und dessen Arbeitskraft und Arbeitslust erfreulicherweise ihm noch die Erfüllung der schweren Aufgaben gestatten, welche ihm das Amt des Vorsitzenden im Gemeindevorstand auferlegen. Er ist der große Rechenmeister und Finanzkünstler unserer Gemeinde, der den Etat in der Balance hält, aus daß die Wage des Solls nicht die des Habens überlaste, und es ,st wahrlich nicht zu viel gesagt, wenn wir die Bürde und Verantwortung dieses Postens mit derjenigen des Finanzministers eines mittleren deutschen Fürstentums vergleichen wollten. Gegen Ende des letzterstatteten Verwaltungsberichts der Gemeinde (vom 1. April 1901 bis 31. März 1904) war die Zahl der .Steuerpflichtigen bereits auf 26471 gestiegen, die Einkünfte aus

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