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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-29 · Heft 39 (29.9.1905) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 459 (sequence 3)
Language
German
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459 Angriffe aus dem Lager des antisemitischen Handlungsgehilfenverbandes nur Nutzen gebracht haben, nach Kräften zu unterstützen. Schon Friedrich Schiller, dem doch auch der deutschnationale Handlungsgehilfenverband sicher deutsche Gesinnung nicht äbsprechen wird, hat in der „Braut von Messina" erklärt: „Der ist kein Ehrenmann, der den Gebieter läßt verachten!" £ Eine beachtenswerte Erscheinung in dem Getriebe der Zeit ist der Religionskongreß, der diesmal in Gens abgehalten wurde. Er ist seines Zeichens der dritte; der erste war in London, der zweite in Amsterdam. Die Anregung zu diesen Kongressen ging vom amerikanischen Protestantismus aus, und ihr Zweck ist, wie das Programm von Boston sagt, „aus allen Ländern diejenigen miteinander in Verbindung zu bringen, die sich bemühen, die reine Religion mit der vollkommenen Freiheit zu vereinigen und unter ihnen die Brüderlichkeit und Solidarität zu befestigen". Zur Teilnahme an den Kongressen meldeten sich Protestanten aller Richtungen, liberale Katholiken, Juden, Bekenner des Islam und indische Theisten, und sie alle kamen.in der Hoffnung aus eine gegenseitige Annäherung, die ein wichtiger Schritt wäre in der religiösen Entwicklung. Der Genfer Kongreß stand feinest Vorgängern, sowohl was den Besuch als die Verhandlungen betrifft, in keiner Weise nach. Der interessanteste Teil der Verhandlungen drehte sich um die große Frage: Was ist Religion und ist Religion denn überhaupt nötig? Professor Gourd von Genf versuchte den wesentlichen Charakter der Religion zu bestimmen, indem er ihr ein unbedingt eigenes ausschließliches Gebiet zuwies. Andere Redner, namentlich Hocard und Voutroux. hielten daran fest, daß die Religion aus der Verbindung mit' den anderen Bedingungen der Natur und des Geisteslebens nicht gelöst werden dürfe. Der Rabbiner Louis Germain L 6 v y aus Dijon begründete dann mit großer Beredsamkeit die Religion auf philosophischer Grundlage. Für ihn ist die Religion „die notwendige Ergänzung.des Lichtes, die von der Vernunft verlangt wird, wenn sie die Wissenschaft erschöpft hat; sie ist der notwendige Zusatz von Wärme, den unser Herz fordert . und den die Moral allein nicht gewähren kann." Pastor j Wagner aus Paris stimmte dieser Formel zu, da sie geeignet j sei, eine Verbindung zwischen dem Judentum und dem liberalen . Christentum herzustellen. Auch Hyaeinthe Loyson spendete der Formel Beifall, und er sprach seine Freude darüber aus, daß so die Vertreter dreier Religionen sich znsammenfinden, die sich ehemals bekämpften. Das Schlußwort sprach ein Reverend Savage aus Newyork. Er führte u. a. aus: „Jede Wahrheit, die an den Tag kommt, ist eine Wahrheit Gottes, gleichviel durch wen sie gesunden und ausgesprochen wird, und jedes neue Wort ist Gottes Offenbarung, die niemals endgültig abgeschlossen sein wird!" Es sind wohl alle Gläubigen, und nicht bloß solche, die diesen Worten unbedingt zustimmen können. £ Ueber die Konferenz der amerikanischen Bankiers mit Herrn v. Witte gingen durch die Presse beider Länder bis in die letzten Tage noch die widersprechendsten und abenteuerlichsten Nachrichten. Nun bringen amerikanische Blätter die Denkschrift.der fünf Herren an den russischen Minister. Diese hatte folgenden Wortlaut: „Indem wir uns der Vergünstigung, Sie während unseres jüngsten Aufenthalts in Portsmuth zu besuchen, erinnern, halten wir es für angebracht. Ihnen, bevor Sie die Vereinigten Staaten verlassen, um in die Heimat zurückzukehren, zum besseren Verständnis uyd zur späteren Bezugnahme darauf einige der Mitteilungen schriftlich zu wiederholen, welche wir Ihnen machten, als wir die Ehre hatten, Sie zu besuchen, um Ihre wertvolle Meinung zu hören. Wir halten es für gerechtfertigt, darauf zu beharren, daß der Anspruch der russischen Negierung, die Frage der Lage der Juden in Rußland sei eine rein interne, welche die Völker und Regierungen anderer Länder nichts angeht, nicht länger ausrecht erhalten werden kann. Wenn eine Regierung durch die Anwendung von Ausnahmegesetzen oder durch andere Mittel große Massen ihrer Untertanen dazu zwingt, daß sie ihre Lage durch Auswanderung nach anderen Ländern zu verbessern suchen, so dürfen die Völker jener Länder, die diesen Flüchtlingen ein Asyl vor Verfolgung und Unterdrückung gewähren, mit voller Berechtigung die Zustände kritisieren, die einen solchen Zustrom in ihr Land verursacht haben, und sie dürfen mit gutem Rechte darauf bestehen, daß die Ursachen der erzwungenen Auswanderung aufhören — und sie dürfen dies, ohne sich der Beschuldigung auszusetzen, daß sie sich in Dinge mischen, die sie nichts an gehen sollten. Das ist unserer Ansicht nach die Stellungnahme des amerikanischen Volkes im allgemeinen. Wir als Juden haben das erhöhte, spezielle Interesse an der Lage der Juden in Rußland, das durch die Bande des Blutes und des Glaubens immer mehr hervorgerufen wird, und wir halten es deshalb für unsere unbedingte Pflicht und Schuldigkeit, alles, was in unseren Kräften steht, zu tun, um eine Verbesserung ihrer Lage herbeizu führen. Wie wir Ihnen in unserer Konferenz darlegten, ist es unsere entschiedenste Ueberzeugung, daß nur die Bewilligung der vollen Bürgerrechte an die jüdischen Untertanen des Zaren die Zustände gänzlich beseitigen wird, welche die Ursachen so vieler Wirren in Rußland und feindlicher Kritik im Auslande sind. Sie haben uns geantwortet, daß der russische Jude im allgemeinen für die Ausübung der vollen bürgerlichen Rechte nicht genügend vorbereitet ist, und daß die Gefühle des russischen Volkes derartige sind, daß die Juden mit ihm nicht auf gleichen Fuß gestellt werden können, ohne daß dadurch ernste innere Störungen hervorgerusen werden, Und Sie äußerten, daß es rätlich und ausführbar sein dürfte, die bestehenden Rechtsunterschiede allmählich auszuheben und so den Weg für eine eventuelle völlige Bewilligung bürgerlicher Gleichheit vorzubereiten. Was dies anbetrifft, so versichern wir, daß die Million oder mehr russischer Juden, die nach den Vereinigten Staaten gekommen sind, gute Bürger geworden sind, ungeachtet ihres plötzlichen Auftauchens aus der tiefsten Dunkelheit in das hellste Tageslicht politischer und bürgerlicher Freiheit, und daß sie sich den Verpflichtungen ganz gewachsen gezeigt haben, die ihnen als Bürgern dieser großen Republik anferlegt sind. Auch die neuere Geschichte und Erfahrung zeigt gleiche Erscheinungen, wie die vorerwähnten. Napoleon garantierte im Jahre 1806, Deutschland etwas später und England bereits zur Zeit Cromwells den Juden volle Bürgerrechte, ohne das Staatsinteresse zu schädigen, obschon die Juden damals unter weit traurigeren Verhältnissen lebten, wie diejenigen, unter denen sie zurzeit in Rußland leben. Es mag wahr sein, daß innerhalb eines Teils der russischen Bevölkerung eine feindliche Gesinnung gegen die Inden herrscht, woran zum Teil die russische Regierung die Schuld trägt, aber dennoch würde nach unserer Ansicht die plötzliche bürgerliche Gleichstellung der Juden mit der übrigen Bevölkerung nicht mehr Reibungen verursachen. als jeder der anderen Schritte, die aus dasselbe hinaüslaufen. Gerade dieser Einwand, den Sie Herborheben, scheint uns ein gewichtiger Grund, weshalb diese Angelegenheit sofort und für immer geordnet werden sollte, anstatt, daß sie lange hingezogen, wird, um bei jeder Gelegenheit neue Unordnungen hervorzurufen. Die Behauptung, daß in den Reihen derjenigen, welche in Rußland die Autorität der Behörden zu untergraben versuchen, sich viele Juden befinden, mag vielleicht richtig sein. In der Tat würde es einigermaßen überraschen, wenn sich nicht einige von denen, die durch Verfolgung und Ausnahmegesetze so furchtbar heimgesncht worden sind, schließlich gegen ihre unbarmherzigen Unterdrücker gewandt hätten. Es darf jedoch mit Sicherheit behauptet werden, daß im großen und ganzen die jüdische Bevölkerung Rußlands loyal, den Gesetzen treu ist, und es kann kaum bezweifelt werden, daß, wenn ihnen erst die Bürgerrechte mit allen damit verknüpften Vergünstigungen gewährt

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