Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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morb ober gar von Morb vernommen? Gewiß nicht. Und jeder Bileam, ber bas alte jüdische Familienleben in seinerpatriarchalischen Einsachheit und in seiner zarten Innigkeit kennen lernte, hat noch seinen Fluch in Segen umwandeln müssen. Wie ist' doch bas altes anders geworden in dieser neuen Zeit! Und sind wir dadurch etwa zufriedener, besser) glücklicher geworden? Wir möchten den Lobredner der Gegenwart sehen, der solches ernstlich zu behaupten wagte. Und es ist nur ein schwacher Trost für uns, daß alle diese Fehler und Vergehen, alle diese Laster und Verbrechen nicht etwa in Israel von jeher heimisch, sondern daß sie vielmehr nur nachgeahmt, erlernt und überkommen, ja daß sie im Grunde unserer Eigenart so fern und fremd wie-möglich sind. Nun sollte man doch meinen, daß es nach solchen Erfahrungen die größte Sorge der älteren Generation sein müßte, die Jugend vor den Fehlern und Verirrungen dieser Zeit soviel als.möglich zu schützen und zu bewahren; daß sie ferner, soweit ihr die Zukunft des Judentums überhaupt noch am Herzen liegt, daran denken müßte, sich einen Nachwuchs zu erziehen, der in einer Zeit, wo die Säulen alles religiösen Denkens wanken, das Banner unseres alten Glaubens Hochhalten könnte über allen Stürmen und Revolutionen der Zukunft. Aber statt dessen sehen wir, wohin auch immer unser Blick sich wendet, leider nichts als Unklarheit und Uneinigkeit, als Lauheit und Gleichgültigkeit, als Treulosigkeit und Abfall! Was soll daraus werden? Man verstehe uns recht: es ist wahrhaftig nicht die Sorge um die Zukunft des Judentums, die uns diese bange Frage abpreßt. . Das Judentum lebt und wird leben, auch wenn kein Finger sieh für dasselbe regt. Es ist vielmehr einzig und allein die Sorge um uns selbst, um unser Geschlecht, um die Zukunft unserer Gemeinschaft, die uns angesichts all der betrübenden Erscheinungen, die die Zeit uns darbietet, mit tiefer Sorge erfüllt. Was soll daraus werden? Aber indem wir diese Frage an das Schicksal richten, erinnern wir uns, daß schon einmal in alten Tagen von Männern, denen auch die Sorge um die Zukunft schwer am Herzen lag, dieselbe Frage an ihre Führer und Propheten gerichtet worden ist. Und die Antwort, die jene von Gottesgeist erfüllten Seher den Fragenden und Zagenden erteilten, bleibt auch für uns der einzige, aber auch sichere Trost inmitten all der Wirrnis dieser Tage, all der Jrrnis unserer Verhältnisse. Es ist der letzte der Propheten, der am Abschluß einergroßen und denkwürdigen geschichtlichen Entwicklung uns mit grellen Farben die Schäden und Laster einer Zeit ausmalt, in der ängstliche Gemüter schon den „letzten Tag" kommen sahen. Da rief der Prophet dem Rest der Treuen in Israel, um ihren gesunkenen Mut wieder zu heben, das große Wort der Verheißung zu: „Und er wird zurücksühren das Herz der Eltern zu denKindern, und das Herz der Kinder zu den Eltern." Das ist es, und hier liegt die Antwort auf die Frage, was aus uns werden soll! Wenn Eltern und Kinder wieder eines Sinnes sind, wenn die Herzen der Eltern und der Kinder wieder für dieselben Ideale schlagen, die einstmals Israels heiligstes Erbgut waren, wenn wir in unseren Kindern uns Bürgen unserer Zukunft sichern, wenn wir für einen Nachwuchs sorgen, der freudig bereit ist, die Ideen uüd Institutionen zu erhaltenfür die ihre Väter Gut und Blut und Leben hingeopfert haben, dann sind wir gerettet! Mögen die herannahenden Feste in uns allen diesen festen Vorsatz wecken, daß'jeder in seinem Kreise, und so viel an ihm liegt, an der Bildung und Erziehung, an der sittlichen I Erhebung und religiösen Läuterung der Heranwachsenden Generation eifrig nach seinen Gaben Und Kräften mitwirke, damit das Herz der Eltern sich den Kindern und das der Kinder sich den Eltern wieder in inniger Liebe und in vollem geistigen Einverständnis zuwende. Heil dem Volke/? das den Ruf versteht, den Ruf der Geschichte, der Zeit und des mahnenden Gewissens! - - Bit Mache. Berlin, 27. September, wird gut daran tun, dem deutsch-nationalen Hand tun gsgehilfen-Verband etwas mehr Beachtung zu schenken, als dies bisher der Fall gewesen ist. Die Herren werden immer dreister und gehen in ihren Forderungen immer weiter. Jetzt fordern sie nicht nur die Prinzipale, sondern auch die großen Tagesblätter vor ihr Forum, um über sie Gericht zu halten. Ihre Tendenz ist eine ausgesprochen antisemitische, und dann wundern sie sich, wenn von jüdischer Seite Repressivmaßregeln ergriffen werden. Mit Recht wird deshalb von einflußreicher Seite die denkwürdige Erklärung Gabriel Rießers auf den vorliegenden Fall angewendet: „Wer mir den Anspruch auf mein deutsches Vaterland bestreitet, der bestreitet mir mein Recht auf meine Gedanken, meine Gefühle, auf die Sprache, die ich rede, auf die Luft, die ich atme. Darum muß ich mich gegen ihn wehren wie gegen einen Mörder!" Der deutsch-nationale Handlungsgehilfen-Verband bestreitet den Juden beständig diesen Anspruch. Sein Organ, die „Deutsche Handelswacht" schrieb am 15. August d. I. wörtlich: „So liegen die Dinge auch beim deutsch-nationalen Handlungsgehilfen-Verband, der bestrebt ist, in der kaufmännischen Jugend das Verständnis für deutsches Volksbewußtsein zu wecken und zu pflegen. Dies Bewußtsein kann selbstverständlich nur dort geweckt werden, wo es vorhanden ist, und vorhanden kann es nur bei denen sein, die zum deutschen Volke gehören. Unsere jüdischen Mitbürger gehören aber zum jüdischen Volke." Ein Verband, der solche Tendenzen hat, kann sich nicht wundern, wenn jüdische Arbeitgeber Angestellte entlassen, die sich zu einem Programm bekennen, durch welches die jüdischen Mitbürger nur als geduldete Gäste dargestellt werden. In derselben Nummer der „Handelswacht" wird es den „Verbandsblüttern des Leipziger Gehilsenverbandes" zum Vorwurf gemacht, daß sie einer Zuschrift Raum gegeben haben, in der eine Firma in Berlin gegen den Vorwurf in Schutz genommen wird, einem langjährigen Buchhalter deshalb gekündigt zu haben, weil er vom deutsch-nationalen Verband als Beisitzer für die Kaufmannsgerichtswählen aufgestellt worden war. Die Behauptung, daß der betreffende Gehilfe nicht deshalb gemaßregelt worden, sondern seine Entlassung schon länger wegen seiner ausgesprochen antisemitischen Tendenzen beabsichtigt gewesen sei, sucht die „Handelswacht" dadurch zu entkräften, daß es sich um einen 52 jährigen Familienvater gehandelt habe. Wenn jenem Herrn seine Arbeitgeber nach den Grundsätzen des deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverbandes nur. als „Fremdlinge" gelten, die keinen Anspruch auf das deutsche Vaterland haben, mußte er doch darauf gefaßt sein, daß sie sich gegen einen solchen Angestellten nach dem Grundsätze Rießers wehren würden. Ja, man muß die jüdischen Prinzipale ausdrücklich aus die Gefahren Hinweisen, die ihnen von dieser Seite drohen und den „Verein der deutschen Kaufleute", dersich von jeder politischen und konfessionellen Agitation fernhält und dem die hämischen