Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 69, Jahrgang. Ho. 39! Berlin,'September 1905. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljähri. 2 M. Redakteur: Gustav rrarpelee. Begründet von. Rabbiner Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und' Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten: Verlag von Rudolf Most», Berlin. Sargen und Wünlchr. Berlin, 28. September, bermäts ein neues Jahr! Immer noch die alte . Not? so rief einst ein frommer deutscher Dichter aus, und er fügte hinzu, daß der Fluch der alten Not von den Menschen, der Segen des neuen Jahres aber von Gott komme. An diesen Spruch werden wir lebhaft erinnert, wenn wir an der Schwelle des religiösen Neujahrs Rückschau halten in die Vergangenheit und Umschau in der Gegenwart, und wenn wir sodann unsere Sorgen und Wünsche zusammenfasfen. ' P; Die neue Bahn liegt vor uns. Wichtige und inhaltsreiche Erinnerungen ziehen herauf und mit weiser Erkenntnis wird darum dieser Tag ein „Tag der Erinnerung" genannt. Um solchen Erinnerungen Nachdruck und Eindruckzu verleihen, ertönt im Gotteshause der Ton des Schofars und unmittelbar darauf wird der Vers des Psalmisten gesungen: „Heil dem Volke, das den Ruf versteht!" Ach, wenn doch auch wir den Ruf der Zeit verstünden, wenn doch auch für uns die Erinnerungen zu Erweckungen würden, wenn wir mit dem neuen Jahre zu neuen Werken und zu neuen Taten uns endlich aufraffen wollten!. Denn der Blick in das abgelausene Jahr gewährt uns ein nichts weniger als erfreuliches Bild.- Wohin wir blicken, überall Haß und Zwietracht, Gewalt und Neid. Und in unserer eigenen Mitte Zerfahrenheit und Gleichgültigkeit, Abfall und Treulosigkeit. Immer mehr lichten sich die Reihen derer, die uns ein Vorbild sein könnten im Leben, die das Banner Juda^s oder die Fahne seiner Wissenschaft hochgehalten haben; und wo eine Lücke entsteht, da wird fast immer vergeblich nach einem Ersatz gesucht, sei es in der Gemeinde, sei es in der Wissenschaft, sei es im öffentlichen Leben. Es fehlt uns der Nachwuchs — und das ist die größte Sorge, die wir gerade in diesen Tagen um so schmerzlicher fühlen, je tiefer die Wunden sind, die uns im letzten Jahre der Tod geschlagen. - Es fehlt uns die Jugend, die für alles Große und Hohe begeisterte Jugend; es fehlen uns die Männer,- die -tatkräftigen und opferfreudigen Männer, die bereit und berufen sind, in den Riß zu treten und die Gemeinde Israels zugedeihlicher Entwicklung zu führen. Kein . Zweifel!! Der Kampf mit demäußeren Feind hat die innere Entwicklung gehemmt un.d gelähmt, und man müßte blind sein, um die Gefahren nicht zu sehen, die uns dadurch bedrohen. Wir sind verloren, wenn uns die Jugend nicht mehr gehört; sie allein bietet die Bürgschaft, für eine bessere Zukunft. .Gar-tiefen Sinn hat die Parabel der Alten, die im Midrasch erzählte Der Herr .habe - von. Israel,-ehe. er .ihm seine Thora gegeben, Bürgen gefordert dafür, daß diese auch heilig gehalten und treu bewahrt werden würde. Nun führten sie ihre-großen Toten, ihre Propheten und Patriarchen, ihre Könige Utid Geisteshelden als Bürgen vor. Aber alle diese genügten nicht. Da brachten sie endlich ihre Kinder, und nun ertönte eine Stimme vom Himmel: Diese mögen für Euch haften; Eure Kinder sind die Bürgen Eurer Zukunft." Genau dasselbe gilt auch für uns.. Ja, für uns noch in viel höherem Grade als für jemals eine Generation vor uns. Wer die Jugend hat, hat die Zukunft, und wenn es uns nicht gelingt, die junge Generation für das religiöse Bewußtsein und für das Gemeindeleben zu erziehen, dann ist die Zukunft des deutschen Judentums schwer gefährdet. Gestaltet sich' schon der Rückblick in die Vergangenheit sehr unerfreulich, so ist die Umschau in der Gegenwart noch viel weniger geeignet, uns Mut und Hoffnung einzuflößen!! Eine tiefe Kluft gähnt. zwischen dem Denken und Empfinden der alten und der jungen Generation. Während jener die Arbeit, die Pflicht, die religiöse Pietät noch immer als ideale Aufgaben erscheinen, kennt die jüngere Generation eigentlich nur eine Pflicht: sich auszuleben! Was dies heißt, daß weiß jeder, der die Lokalchronik und die Gerichtssaalrubrik unserer Tagesblätter mit aufmerksamem Blick verfolgt. Das SichauslDen des uwdernen Menschen bedeutet im letzten Grunde nichts anderes als unbezwinglichen Hang zum Luxus, zum Wählte ben, zum Sinnengenuß! Das sind die Ideale , der Jugend: materieller Gewinn, materieller Genuß! Und diese zwei Feinde bedrohen in der Gegenwart das Heil der Menschen am meisten und tiefsten. Beide lauern wie: die Schlangen im Paradiese unserer Jugend; das zischende Gift , beider bedroht deren sittliche Entwicklung und Selbsterziehung mit den größten Gefahren. r:; Die Jugend will das Leben genießen. Gewiß, wer kann.ihr das verargen? Aber wenn nur der Genuß allein die einzige Parole des Lebens bildet, und um dieses Genusses willen alle idealen Güter in den Staub getreten, alle Bände der Familie gelockert werden, alle Gefühle des Rechts und der Wahrheit mißachtet, alle Empfindungen der Reinheit und Keuschheit verspottet werden, dann darf man sich nicht wundern, wenn allenthalben Erscheinungen zutage treten/ die alle, denen die Sorge um die Zukunft am Herzen liegt, aufs tiefste.zu erschrecken geeignet sind. " Seien wir doch offen und gestehen wir uns doch einmal selbst die Wahrheit-ein,: Hat man jemals, bei uns von derartigen Dingen gehörh. wie siL heut cur der Tagesordnüng sind? Hat man jemals in unserer Mitte etwas von Ehebruch und noch schlimmeren "Lastern oder Perversitäten, von Selbst-